Karmapunkte und Gutmenschentum

Das Konzept des Karma ist wohl entstanden aus dem den meisten, wenn nicht allen, Menschen eigenen Bedürfnis, anderen Menschen beizutragen und der instinktiven Scheu, anderen zu schaden. Dass dieses beim multimotivationalen (welch schöne Wortschöpfung) Menschen durchaus in Konkurrenz zum Eigennutz steht (“Da ist mir das Hemd näher als der Rock.”) tut dem keinen Abbruch.

Die Karmapunkte, die nach einem unveröffentlichten System aus den guten und bösen Taten berechnet und in der Datenbank der Existenz abgespeichert werden (,die sich allerdings höchstwahrscheinlich in unserem eigenen Geist befindet), sind eine flapsige, lustige Anpassung dieses Konzeptes an die Gepflogenheiten der modernen Zeit – jedem sofort einsichtig und deshalb hochwirksam.

Ich möchte hier auf eine Möglichkeit, Karmapunkte zu sammeln, aufmerksam machen:

http://www.aswnet.de/spenden/spendenaufruf-sahel.html

Das erscheint mir sinnvoll, abgegrenzt, rechtzeitig, lokale Strukturen unterstützend, erfolgversprechend.

Und ja, ich weiß, dass wer auf etwas moralisch Hochstehendes aufmerksam macht, sich selbst in eine Position des moralisch noch höher Stehenden stellt – eine Dynamik, die der Motor dessen ist, was man hämisch und ein wenig zu Recht als Gutmenschentum bezeichnet. Das nehme ich aber billigend in Kauf.

Soviel zur Moral, nun ein wenig zum Fressen, dass bekanntlich zuerst kommt. Es gibt nämlich eine Menge Leute, die zu wenig zum Fressen haben, und das liegt bei einigen zum Teil daran, dass es bei ihnen zu wenig regnete letztens.  Und, ja, ich weiß, dass es 2327 Möglichkeiten gibt zu helfen, wahrscheinlich sogar noch mehr, und dass was ich dem einen gebe, dem andern nehme, und dass es oft der dumme Zufall ist, der entscheidet, ob man auf diesen oder jenen aufmerksam wird und also diesem oder jenem oder keinem geholfen wird.

Möge es also jeder in seine Abwägungen einbeziehen.

Frühwarnung…

Dieses habe ich dem Newsletter der ASW entnommen, einer kleineren Entwicklungshilfeorganisation, bei der ich gelegentlich spende, und die sich auf  die Stärkung lokaler Initiativen fokussiert:

Der Sahelzone droht eine Hungersnot, nachdem im letzten Jahr die Ernten deutlich geringer als gewöhnlich ausgefallen sind. Grund dafür ist vor allem die zu kurze Regenzeit im Spätsommer.
Bis zu 9 Millionen Menschen im Niger, Tschad, Burkina Faso und Mali sind von Nahrungsmittelknappheit bedroht. Auch im Senegal befinden sich Menschen in einer kritischen Situation. Die Getreidereserven der KleinbäuerInnen, die eigentlich bis zur nächsten Ernte im Oktober/November 2012 reichen sollten, sind teilweise jetzt schon aufgebraucht. Dazu steigen die Preise auf den lokalen Märkten.

Was damit machen? Zunächst mal sich daran erinnern, dass unsere nette hippe Facebook-Welt nicht alles ist.

Ernährungskrise und Gentechnik

Eine Rekapitulation von Allgemeinwissen:

1,2 Milliarden sind unterernährt, das ist ein Sechstel. Die Gesamtnahrungsmittelproduktion der Welt wäre groß genug, wenn da nicht dieses verflixte Verteilungsproblem wäre, dieses vertrackte Armutsproblem: die Leute hungern, weil sie keine ausreichende Produktionsfaktoren haben, um ihre Nahrung entweder selbst anzubauen oder zu kaufen.

Die Lage wird sich wahrscheinlich verschlimmern, weil

  • die Zahl der Menschen zunimmt,
  • die verfügbare Anbaufläche dadurch abnimmt,
  • die wohlhabenderen Menschen durch ihren zunehmenden Fleisch- und Milchkonsum, der je produziertes Kilojoule erheblich mehr Anbaufläche benötigt, einen größeren Anteil der Produktion verbrauchen und so den Preis für die Armen in die Höhe treiben und
  • durch den Klimawandel die Niederschläge in veränderten zeitlichen und örtlichen Mustern fallen, auf die die Landwirtschaft noch nicht eingestellt ist und durch das Abschmelzen der Gletscher die Bewässerung weiter Gegenden schwieriger wird.

Andererseits gibt es auch positive Tendenzen:

  • Der Entwicklungsstand auch der ärmsten Länder nimmt langsam aber sicher zu. Der Organisationsgrad der Staaten wird besser.
  • Der Bildungsstand erhöht sich.
  • Der globale und regionale Informationsfluss wird intensiver (Händinetze, WWW)
  • Die allgemeine Produktivität steigt.

In dieses Szenario kommt die Gentechnik und verspricht folgendes: “Ich erhöhe die Erträge und helfe dadurch, die Menschheit zu ernähren.”  Kann sie ihr Versprechen halten? Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber die Ertragssteigerung und Spritzmitteleinsparung ist unter Umständen nicht so groß wie versprochen und gleicht die höheren Kosten für das Saatgut nicht aus, besonders für Kleinbauern. Die erhöhte Resistenz gegen einen Schädling kann verminderte gegen andere zur Folge haben. Die erhöhte Abhängigkeit von Saatgutmultis kann Kleinbauern in den Ruin treiben. Die verminderte Variabilität des Saatguts könnte bei schwierigen Verhältnissen wie Dürren zu lokal sehr unangenehmen Ernteeinbußen führen. Resistenzentwicklung der Schädlinge selbst kann die Vorteile zunichte machen, ohne die Nachteile zu beseitigen. Die technisch manipulierten Gene verbreiten sich unkontrollierbar und rufen nicht reversible, unvorhergesehene Wirkungen hervor.

Facit: Hier keines, außer: auch wenn sie unter dem Strich nützlich sein sollte, ist sie kein Allheilmittel.

Zu Gast bei Feinden oder die Banalität des Bösen

Die Taliban – schlimme Fanatiker,die ihr Land ins Mittelalter zurückbomben wollen – oder Befreiungsbewegung aufrechter, tugendhafter und religiöser Patrioten?

Eine Dokumentation, von einem afghanischen Journalisten gedreht, lässt uns 10 Tage mit einer ihrer Kampfgruppen mitgehen. Wir sehen ihre parallele Justizinfrastruktur, d.h. ein kleines Gefängnis, in dem zwei Männer ihr Urteil erwarten, die Beratung ihres Scharia-Gerichtes; wir sehen ihren Kommandeur, der entspannt und selbstsicher Verlautbarungen abgibt, die ein klein wenig an der Wahrheit vorbei gehen; wir sehen, wie die Gruppe an einer von Kundus kommenden Überlandstraße Militärfahrzeugen auflauert, um sie mit einem händigezündeten IED und RPG7 anzugreifen, und wie der Anschlag scheitert, weil die Kommunikation mit den Spähern nicht klappt; wir sehen Al Qaeda – Leute, die anscheinend scharfe Hunde sind und unseren Journalisten der Spionage bezichtigen, und wir sehen den Talibankommandeur diesen mit der Begründung des Gastrechtes unter seinen persönlichen Schutz stellen und nach Hause schicken. Wir sehen auch Patrouillen der offiziellen Polizei an just der Stelle des Hinterhalts, die standhaft beteuert, dass es keine Talibanaktivität gebe.

Was wir aber vor allem sehen, sind junge Männer, die freundlich sind, die entspannt sind, die ärgerlich und aufgebracht sind, die sich vor ihrem Kommandeur fürchten, die angeberisch sind, kurz – die ganz normal, menschlich und durchaus liebenswert sind bis auf die unbedeutende Tatsache, dass sie Leute umbringen wollen. Es sind Leute, von denen man einige sich sehr gut als Freunde vorstellen könnte.

Das ist der Krieg.

Ich meine den Krieg als Seinsform, als Wahrnehmungsform, als zeitweilige Existenzweise, die Individuen und Gruppen ergreift und Gründe finden lässt, zu töten. Dieselben Leute – ohne Talibanideologie – wären umgängliche Kerle, die sich für Fußball interessieren würden, für Händis, Autos, oder eine Familie gründen wollten.

Nach dem Film überlegte ich, wie dem wohl beizukommen sei und dachte an solche Sachen wie ununterbrochene, großflächige, teilautomatisierte optische Überwachung der Überlandstraßen mittels Drohnen, an das Abhören des von den Taliban wahrhaftig skandalös selbstverständlich benutzten Händinetzes und so fort, und schätzte, dass mit genügend Geld und Technik vielleicht einige der besagten jungen Leute bald tot wären. Und es täte mir leid. Das ist paradox, aber es ist so.

Deswegen finde ich den Ansatz, Taliban den Ausstieg zu ermöglichen, nicht  nur klug (, obwohl keineswegs ausgemacht ist, dass er funktionieren wird ), sondern auch menschlich.

Ernährungskrise und Gentechnik

Eine Rekapitulation von Allgemeinwissen:

1,2 Milliarden sind unterernährt, das ist ein Sechstel. Die Gesamtnahrungsmittelproduktion der Welt wäre groß genug, wenn da nicht dieses verflixte Verteilungsproblem wäre, dieses vertrackte Armutsproblem: die Leute hungern, weil sie keine ausreichende Produktionsfaktoren haben, um ihre Nahrung entweder selbst anzubauen oder zu kaufen.

Die Lage wird sich wahrscheinlich verschlimmern, weil

  • die Zahl der Menschen zunimmt,
  • die verfügbare Anbaufläche dadurch abnimmt,
  • die wohlhabenderen Menschen durch ihren zunehmenden Fleisch- und Milchkonsum, der je produziertes Kilojoule erheblich mehr Anbaufläche benötigt, einen größeren Anteil der Produktion verbrauchen und so den Preis für die Armen in die Höhe treiben und
  • durch den Klimawandel die Niederschläge in veränderten zeitlichen und örtlichen Mustern fallen, auf die die Landwirtschaft noch nicht eingestellt ist.

Auftritt Gentechnik. Versprechen: Ich erhöhe die Erträge und helfe dadurch, die Menschheit zu ernähren. Wird es gehalten? Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber die Ertragssteigerung und Spritzmitteleinsparung ist unter Umständen nicht so groß wie versprochen und gleicht die höheren Kosten für das Saatgut nicht aus, besonders für Kleinbauern. Die erhöhte Resistenz gegen einen Schädling kann verminderte gegen andere zur Folge haben. 1

Die neuen Gene breiten sich in den alten Arten anscheinend unaufhaltsam aus, d.h. ihre Einführung ist irreversibel.

Die Entwicklung von Pflanzensorten mit größerer Trockenheits-, Nässe-, Hitze- oder Kälteresistenz ist noch in den Kinderschuhen.

Die Strukturprobleme: Unsicherheit bei der Verteilung von Land und Wasser, primitive Anbaumethoden und zu geringes Wissen, hohe Verluste nach der Ernte, zu geringe soziale Absicherung vor allem gegen Missernten werden durch Gentechnik nicht erleichtert. Das heißt, sie kann höchstens eines von mehreren Mitteln sein, wenn man nicht überhaupt die Finger davon lässt.

1 “Solidarische Welt” 208, Dez. 2009 Zeitschrift der ASW.

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