Gummifuffzjer

Die Freundin lud mich ein, für Computerdienste. So ist das, der Mann arbeitet im wie-funktioniert-das, und bietet seine Dienste der Frau an. Ausgelassen. Sind beide nicht mehr die jüngsten, aber das Feuer und die Weichheit der Begeisterung und Vorfreude, das sich selbst großartig Finden durchglühte uns. Sie beruhigte mich, versuchte es zumindest, mit einigem Erfolg. Meinem Drang, meinem Gedrängtfühlen die Schärfe zu nehmen. Und mir kamen mit ihr flüssig gute Gedanken, guter Ausdruck, eine, die meinen Code versteht – das ist nicht zu uterschätzen. Sie lachte. Ich konnte sie zum Lachen bringen. Das ist ja auch nicht zu unterschätzen.

Geht sie auf ein Selbsterfahrungswochenende, wo es um Mann-Frau-Mann-Frau geht. Sage ich im Scherz, gib acht, sag ich, es soll auch Geschlechtskrankheiten geben; sagt sie, ach, es gibt doch die Gummifuffzjer. Sag ich, jetzt habe ich was gelernt von dir.

Das Wunder der Musik sehen

Eine Spielerei. Eine von Beethovens Klaviersonaten laufen lassen und das Spektrogramm anschauen. Von rechts schieben sich weißliche Linien in das Bildschirmfenster, in denen man wundersamerweise die Akkorde und Läufe wiedererkennt, die man gerade gehört hat, und formen eine Textur, grazil, voller Regelmäßigkeit und Veränderung. Natürlich sieht man zu jedem Ton auch das Obertonspektrum, was es schwer macht, noch irgendetwas zu erkennen, wenn Akkorde angeschlagen werden. Deshalb ist es nicht zu empfehlen, so etwas mit Orchestermusik zu versuchen. Auch ist das sichtbare Obertonspektrum der tiefen Töne viel reichhaltiger, so dass diese die höheren Töne verwirren. Aber das feine Ton-Zeit-Gewebe der Komposition ist doch oft vor einem und man staunt, wie das so scheinbar selbstverständlich und mühelos sich entwickelt. Die senkrechten Linien sind vom Rhythmus gegeben, vom Komponisten und auch vom Interpreten geprägt. Dadurch, dass die Zeit in Fläche umgewandelt wird, hat man die Vergangenheit noch einige Sekunden sichtbar vor sich und kann die Figur als Ganze betrachten und schnell noch ein paar mal nachvollziehen, wenn man möchte. Eine komplexe Skipiste, die man gerade heruntergefahren ist.

spektrogramm beethoven klaviersonate 23 3 ausschnitt

Ein Stern allein am Himmel

Wir kamen durch die Tür und gingen an der Theke vorbei. Dahinter wirtschaftete die Bedienung, eine blonde, schwarzgekleidete, schlanke Gestalt mit sehr femininen Bewegungen. Wir waren angesprochen, angenehm berührt.

Als sie dann zu uns nach hinten kam, um die Bestellungen aufzunehmen, sprach sie mit männlicher Stimme. Seine Augen waren sehr schwarz geschminkt, was gut aussah. Sein Teint etwas zu orange, was nicht so gut aussah. Das Gesicht etwas grob für eine Frau. Die Kleidung neutral.

Er stellte die Getränke mit Eifrigkeit und Sorgfalt auf den niedrigen Tisch. Er wollte süß sein. Ich kenne das. Als ich ihn als Mann erkannte hatte, hatte ich den Atem angehalten. Der traut sich was!  Ich wollte ihn belohnen und legte Wärme in meine Stimme, und er/sie freute sich. Ich sah die Inszenierung, und ich bangte mit und freute mich über jede gelungene weibliche Bewegung, jeden gelungenen Gesichtsausdruck wie bei einem Geigenvirtuosen, der schwierige Passagen zu bewältigen hat.

Süß sein als Mann! Das läuft nicht rein. Das heißt, sich der Lächerlichkeit oder – schlimmer – der Aggression preisgeben. Diese Rolle ist etwas ungemütlich, unselbstverständlich.

Und dann ist da noch das Ausblenden der eigenen Männlichkeit, die sich durch das vorhandene Testosteron bemerkbar macht, in den Bewegungen, wenn man das Spiel vergisst. Die Lust und Wonne überdeckt das Ausgeblendete. Aber nicht für immer. Es bleibt da als etwas unvollständiges.

Ich fragte mich, was dem kleinen Jungen, der er früher gewesen war, wohl zugestoßen ist, dass er diesen Weg einschlug. Denn es ist ein etwas einsamer Weg, nicht nur, weil er die Schemata kreuzt und die meisten Menschen irritiert. Sondern auch, weil man seltsam auf sich zurückgeworfen ist und eine innere Welt, die kaum jemand verstehen kann, nach außen abbildet. Man will auf eine Art geliebt werden, die zu vielen Menschen, auch, gerade wenn sie freundlich sind, Distanz schafft. Man liebt sich selbst sichtbar, was anrüchig ist. Man ist ein wenig unerreichbar – wie ein einzeln stehender Stern am Nachthimmel.

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