Das Für und Wider des Zertifikatesystems

Letzthin ging durch die Medien, auch durch die ZEIT , dass der Preis für Klimagas-Emissionszertifikate so ziemlich im Keller ist – siehe Grafik (Quelle).emissionszertifikate chart seit 05 Daraus wurde geschlossen, dass dieses Instrument wohl ungeeignet sei. Tatsächlich beobachten wir aber einfach eine Design-Eigenschaft des Zertifikatehandels.

Ich will kurz die beiden Grundmodelle für Emissionsabgaben referieren: die gute alte Besteuerung und eben die – durch die Informationstechnik erst praktizierbar gemachte – Steuerung über handelbare Emissionszertifikate.

Die Modelle unterscheiden sich in Bezug auf die ökonomische Größe, die man vorgibt (Kosten oder Emission), und haben unterschiedliche Effekte in Bezug auf die Entwicklung der Technologie und der Konjunktur. Dies liegt daran, dass die Emissionen von vier Größen abhängen – Verhalten, Energieeffizienz, Energieträgermarktpreis und Konjunktur – wobei der dritte und vierte Punkt starken Schwankungen unterliegen, die wenig von der Abgabe selbst abhängen.

Beim Besteuerungsansatz gibt man eine Kostenerhöhung vor  – sinnvollerweise einen stetig steigenden Steuersatz – und hofft, dass diese zu Verhaltensänderungen oder zu beschleunigter Entwicklung der Energieeffizienz oder zu beidem führt. Sie ist verhältnismäßig einfach zu bewerkstelligen und billig. Die Wirkung auf die Höhe der Emissionen ist aber lediglich ungefähr abschätzbar. Sie hängt vom Preis der Technologie, den Zinssätzen und der Empfindlichkeit der Akteure für Energiepreiserhöhungen ab.  Da die Abgabe unabhängig von der Gesamtemission ist, wird aber der Anreiz zur Entwicklung auch bei konjunkturell niedrigen Emissionen beibehalten. Dies bewirkt, dass ein Innovationsdruck auch bei niedrigem Energieverbrauch erhalten bleibt, was beim Emissionsrechtemodell nicht der Fall ist.

Beim Emissionsrechtehandel, für den sich die EU entschieden hat, gibt der Staat die Gesamtemission vor, indem er nur eine bestimmte Menge an Emissionsrechten herausgibt, die von den Emittenten frei gehandelt werden können ("Cap and Trade"), wobei Emissionen ohne entsprechende Zertifikate spürbar bestraft werden.  In seiner radikalsten Form werden diese alle versteigert. In der Übergangsform werden sie teils den Emittenten nach bestimmten Kriterien zugeteilt, teils in zunehmendem Anteil versteigert. Die Handelbarkeit stellt sicher, dass der Strom der Zertifikate sich den Fluktuationen des Verbrauchs anpassen kann. Ein Nachteil ist ein erheblicher Overhead an Bürokratie zur Kontrolle der Emissionen  und nicht geringe Transaktionskosten zum Aushandeln der Käufe und Verkäufe.

Die Gesamtmenge an Zertifikaten wird jedes Jahr um eine bestimmte Menge – 1,74 % – abgesenkt. Auf diese Weise kann ein angestrebtes Emissionsziel sicher erreicht werden – wenn nicht den Beteiligten angesichts der Belastungen der Emittenten unterwegs die Entschlossenheit ausgeht und sie zurückstecken.

Sinken die Emissionen in einer Periode hoher Energie-Marktpreise oder schlechter Konjunktur wird die Emissionssenkungsvorgabe zeitweise ohne zusätzliche Abgabe erreicht und der Zertifikatpreis bricht zusammen. Das ist was wir gerade beobachten. Steigt der Verbrauch dann wieder, kann der Zertifikatpreis sehr schnell eine erhebliche Höhe erreichen. Steigt der Energie-Marktpreis aus anderen Gründen und hält so die Emissionen niedrig, senkt das Zertifikatsystem die Abgabenhöhe und dämpft so die Energie-Preisausschläge. Zertifikate wirken also antizyklisch und verstetigen die Energiepreise.

Auf der anderen Seite bewirkt ein Zertifikat-Preisverfall die Verminderung des Anreizes zur Effizienzentwicklung. Dies ist für technologische Innovation nicht günstig; ihre Geschwindigkeit kann nicht beliebig gesteigert werden – sie gedeiht besser unter kontinuierlicher Motivation, Investition und Anstrengung als unter periodisch abwechselnder Hektik und Untätigkeit. Der jetzige, für Krisen durchaus vorhersagbare Preisverfall hat die Handelnden dermaßen aus dem Konzept gebracht, dass sie erwägen, der Emissionsverminderung vorübergehend ein schnelleres Tempo zu verpassen, indem eine große Menge Zertifikate vom Markt genommen werden sollen. Dies würde den Innovationsdruck aufrechterhalten und so einen Vorteil der Besteuerungsvariante auf Kosten der antizyklischen Wirkung erreichen. Angesichts der Dringlichkeit des Klimaproblems halte ich diese Wertentscheidung für gerechtfertigt.

Ein gewisses Problem bei Emissionsverminderungspolitik überhaupt ist die Veränderung der Produktionsstruktur zuungunsten emissionsintensiver Produktion, wie z.B. Aluminium oder Zement. Mittelfristig ist diese Umstellung natürlich erwünscht – solche Produkte sollten unbedingt sparsamer eingesetzt werden als zu Zeit. Kurzfristig bedeutet dies jedoch die Gefahr, vorhandenes Kapital zu entwerten und etablierte Produktionsnetzwerke zu stören, was beides mit Wertvernichtung, Anpassungsdepression und entsprechenden Arbeitsplatzverlusten verbunden ist, wenn es zu schnell erfolgt. Aus diesem Grund gibt es bei der Abgabe eine Reihe zusätzlicher – zeitlich befristeter – Ausnahmen. Ähnliches gilt für die ineffiziente Stromproduktion aus Kohle in einigen osteuropäischen Ländern.

Ein weiteres Problem ist der Handel mit dem außereuropäischen, emissionsabgabenfreien Raum. Durch die Abgabe wird, wie durch jede Steuer, die europäische Wirtschaft benachteiligt. Dies erfordert, dass der Exporteur seine Abgaben im Verhältnis zu denen, die im Importgebiet gelten, wieder zurückbekommt bzw. dass der Importeur entsprechende Zertifikate kaufen muss. Dies würde die exportierenden Staaten ermutigen, ihrerseits Klimagasabgaben zumindest auf die exportierten Waren zu erheben. Sie können nämlich dann Einkommen erzielen, das sonst einfach dem EU-Raum zufiele. Inwieweit dies realisiert wird oder überhaupt im Rahmen internationaler Handelsverträge möglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Zertifikatesystem in Europa aufwändig, inkonsequent und langsam gestaltet wurde. Skandalöserweise unterliegen nur etwa die Hälfte aller Treibhausgasemissionen in Europa dem Zertifikatehandel! Auf diese Weise entsteht von vornherein eine Marktverzerrung und optimale Ressourcenverwendung ist nahezu ausgeschlossen. Man hat die Chance vergeben, durch eine gleichmäßige und umfassende Nutzung des Preissignals einen ökonomisch quasioptimalen Umbau der Wirtschaft zu bewirken und muss auf eine Fülle von zusätzlichen Hilfen und Regularien zurückgreifen, um den vom System nicht erfassten Bereich der Wirtschaft "mitzunehmen". Hierbei werden leider oft Einzelmaßnahmen vorgeschrieben, anstatt das Ziel vorzugeben und den Akteuren die Wahl der optimalen Mittel zu überlassen. Ein Beispiel dafür ist die vorgeschriebene Rate zur Steigerung der Effizienz von Regierungsgebäuden. Dennoch ist es das fortschrittlichste und wirksamste System zur Emissionsverminderung, das zur Zeit auf der Erde existiert. Nach den beiden Anlaufphasen, die man unter der Rubrik "Aufbau der Mechanismen" verbuchen muss, und die 2013 zu Ende gehen, wird das System in den kommenden Jahren spürbar an Wirksamkeit gewinnen – und entsprechende Widerstände hervorrufen. Dann wird es essentiell sein, standhaft den eingeschlagenen Kurs zu verteidigen.

Hansens Vorschlag

James Hansen1 ist ein prominenter, fast könnte man sagen charismatischer Kämpfer für die Beschränkung unserer Klimagasemissionen und gleichzeitig Amerikaner (U.S.). Ich schreibe das so seltsam, weil es wirklich beinahe ein Widerspruch in sich ist. Nun ja. Und langjähriger Klimawissenschaftler ist er auch.

Nun lebt James Hansen in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung eine tiefsitzende Abneigung gegen den Staat an sich und seine Bevormundungen hegt, insbesondere natürlich seinen Hunger nach Geld.

Als Warner vor dem Entgleisen des Klimasystems muss Hansen für eine stetig steigende Emissionsabgabe sein, als Amerikaner muss er gegen höhere Steuern sein, die die Macht des Staates stärken. Wie löst man den Widerspruch auf?

Ganz einfach und praktisch. Das eingenommene Geld ist nach dem Gießkannenprinzip sofort wieder zu verteilen. Das läuft auf eine Umverteilung von den viel – zu den wenig emittierenden Menschen hinaus.

In Europa haben wir bereits eine  – wenn auch noch bedauerlich rudimentäre – Emissionsabgabe, nämlich die Emissionszertifikate. Diese sollen  – und werden es wohl auch in den nächsten Jahren – einen Geldstrom in die Staatskasse umleiten, der dann für klimaschützende Investitionsprogramme eingesetzt werden soll. Nun ja, “soll”. Auch eine gute Idee, vielleicht sogar ein wenig besser als die von Hansen.

Aber der lebt ja auch in Amerika (U.S.).

 

1 Siehe z.B. sein kürzlich in der New York Times erschienener Artikel und seinen Vortrag bei TED, einer Nonprofit – Organisation “zur Verbreitung wertvoller Ideen”.

Mit dem Öl ist es auch nicht mehr so weit her

Wer sich für die Welt da draußen interessiert, ich meine für die große Ökonomik, die Grenzen des Wachstums etc. etc. , interessiert sich vielleicht für die Mechanik des Ölpreises am Anfang vom Ende des Ölzeitalters.

Jemand 1 hat den Ölpreis gegen die Produktionsmenge aufgetragen. Wo ist da der Sinn? Da die Ölquellen verschiedene Produktionskosten haben, bedeutet eine Erhöhung des Ölpreises bei einem Nachfrageschub, dass mehr Quellen ihr Öl absetzen können, d.h. die Produktionsmenge steigt um ein gewisses Maß an und befriedigt den Nachfrageschub. Der Quotient aus Preis- und Produktionssteigerung ist ein Wert dafür, wie teuer es ist, an neues Öl ranzukommen. Auftritt Grafik, gefunden auf Blog Cassandras Legacy.

naturepeakoil

Seit 2005 sind die Kosten für neues Öl von ca. 3,5 auf ca. 60 mikroUS$Tage angewachsen. (Man störe sich nicht an der seltsamen Einheit.) Das ist ein Faktor von knapp 20. Anders ausgedrückt: das Produktionsvolumen kann steigen, aber die Kosten für weitere Steigerungen sind exorbitant hoch.

Angesichts der Nachfrageschübe aus Indien und China haben wir uns auf einiges einzustellen.

 1 James Murray and David King published on Nature, 26 Jan 2012, vol 481, p. 435 (nach “Cassandra’s Legacy”)

Treibhausgase: Europa und die USA

“Die Amerikaner sind die Übeltäter, China ist ganz schlimm, die Europäer verhalten sich vorbildlich.” So könnte man vielleicht den Eindruck des normalinformierten Medienkonsumenten zusammenfassen, der sich für diese Fragen interessiert – was auf kaum einen zutrifft, aber na gut, das ist eine andere Sache.

In Kürze:

In Europa sinken die Gesamtemissionen tatsächlich seit etwa 2007 verstärkt ab, was ja gut zu sein scheint (leider für die letzten 2 jahre keine Daten auf Server):

eu emissions from eea.europa.eu

URL: http://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/data-viewers/greenhouse-gases-viewer

Mit den Pro-Kopf-Emissionen der Europäer verhält es sich ähnlich. Ein langsamer Abfall bis ca. 2007, dann eine deutliche “Verbesserungs”-Tendenz :

eu per capita emissions from eea.europa.eu

Aber nicht zu früh freuen. Leider hat das vor allen Dingen den Grund, dass es in dieser Zeit eine Konjunktudelle gab. D.h. die Leute sind sparsamer geworden, weil sie ärmer wurden…:

eu gdp 2002-2013 cropped from epp.eurostat.ec.europa.eu

URL: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/graph.do?tab=graph&plugin=1&language=en&pcode=tec00001&toolbox=type

Diese Vermutung bestätigt sich, wenn wir die Emissionen auf das EU-Bruttonationalprodukt beziehen:

eu emissions per gdp

Dieses weist ein langsames Absinken auf, was gut ist. Die Produktion von Werten erzeugt immer weniger THG je Euro. Aber im im fraglichen Zeitraum ist der Wert nicht besser geworden – es war wirklich nur die Krise.

In den Vereinigten Staaten beobachten wir den Krisendipp  ebenfalls, haben aber davor einen deutlich erkennbaren Anstieg:

us emissions by gas from navigatin the numbers

URL: http://epa.gov/climatechange/emissions/downloads11/US-GHG-Inventory-2011-Chapter-2-Trends.pdf

Für die V.S. verbessert sich der Pro-Kopf-Verbrauch – wenn auch auf einem höheren Niveau – ähnlich wie bei uns (dritte Kurve von oben), aber dieses ist bis 2007 mehr als ausgeglichen worden durch ein kräftiges Bevölkerungswachstum (zweite Kurve von oben), hauptsächlich durch Immigration (Quelle):

us per capita emissions from us ghg inventory 2011

Bekanntermaßen ist das Emissionsniveau dort drüben erheblich höher: In der EU schießen wir um die 9 t CO2-Äquivalent pro Jahr in die Atmosphäre (Deutschland 11-12), in den USA sind es um die 22 t, Indien: 2 t, China: 4 t. (Quelle)

Das zeigt, dass nicht nur in den wenig-entwickelten, sondern auch in der industrialisierten Welt die schiere Zunahme der Zahl der Menschen ein Hauptfaktor für die Treibhausgasemission ist. Es zeigt aber auch, dass Krisen gut für das Klima sind!

CO2 – Das Billigste zuerst: die Vermeidungskosten

Wer sich einen Überblick über alle Entscheidungsalternativen zur Emissionsvermeidung verschaffen will, ist mit der McKinsey-Studie von 2007 gut bedient. Dort ist jede Maßnahmenart für Gebäude-, Industrie-, Energiewirtschafts- und Transportsektor durch ihr jährliches Einsparpotential und die Kosten in “Euro pro Tonne CO2-Äquivalent weniger” charakterisiert worden. Alle Maßnahmen eines Sektors sind in einer Effizienzkurve dargestellt, wie sie hier unten für den Gebäudesektor zu sehen ist.

mckinsey_vermeidungskostenkurve_gebäude

Mit den Vermeidungskosten ist es so eine Sache. Sie hängen stark von den Kosten ab, mit denen man vergleicht. So ist eine liefert eine Gebäudehüllendämmung niedrige Vermeidungskosten, wenn sowieso eine Sanierung der Fassade etc. anfällt und hohe, wenn die Fassade noch gut für 20 Jahre wäre. D. h., dass die Kosten mit einem Körnchen Salz zu nehmen sind. Dennoch bietet die Studie den unschätzbaren Wert eines Überblicks, der einem ein Gefühl für die Verhältnisses geben kann.

Was zum Beispiel auffällt ist, dass ein Großteil der Maßnahmen wirtschaftlich rentabel ist und “einfach nur” gemacht werden muss. Hier muss sicher der Gesetzgeber den Menschen mit ihrer angeborenen Trägheit auf die Sprünge helfen. Wenn das so stimmt, zeigt es einmal mehr, dass der Markt eben nicht rational ökonomisch handelt, sondern durch vielerlei Animositäten, persönliche Prioritäten, Gewohnheiten, Intransparenz und ähnliches verzerrt ist.

Eine andere Sache die auffällt ist, wie hoch im Vergleich die Vermeidungskosten technischer Maßnahmen im Verkehrssektor sind. Hybridfahrzeuge, Start-Stop-Systeme, bessere Ventilsteuerungen – das bringt alles nicht viel pro Euro. Hat aber interessanterweise ein verhältnismäßig großes Medienecho ( Toyota Prius etc.). Vinod Khosla, der indisch-amerikanische Venture-Kapitalist hat hier gesagt, dass es (in USA) für das Klima mehr bringt, sein Dach für 100 $ weiß anzustreichen, als sich einen Toyota Prius für ein paar Tausend $ zu kaufen. Da wir hier keine so hohen Kosten für Gebäudekühlung haben, kann man das nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen, aber die Tendenz stimmt mit McKinsey überein.

Hier noch einmal die Vermeidungskostenkurve für den Transportsektor:

mckinsey_vermeidungskostenkurve_transport

Die Finanzsphäre als Regelsystem

Die Tobinsteuer muss her! Immerhin in einem Teil der europäischen Länder ist das schon fast zu einem Konsens geworden. Oder meinetwegen auch eine andere Variante von Transaktionssteuer.

Neulich sagte ein Finanzfachmann im Fernsehen, dass durch den computerisierten Aktienhandel heute innerhalb eines Tages Kursschwankungen auftreten, die es in dieser Größe früher in Wochen oder Monaten gab. Früher gab es Tage, an denen der Kurs einer Aktie schlicht gleichblieb, weil es keinen Grund gab, ihn zu ändern. Heute reagiert das System mehr und mehr auf sich selbst anstatt auf Änderungen seiner Grundlage, will sagen den Produktions- und Konsumstrukturen.

Heiner Flassbeck, seines Zeichens Direktor der Abteilung Globalisierung und Entwicklungsstrategien bei der UNCTAD, beklagt vehement, dass die Preise für Rohstoffe und Lebensmittel durch Spekulation erheblichen Schwankungen unterworfen sind, die sich nahezu unabhängig von Produktions- und Verbrauchsänderungen abspielen.

Es gibt ja die Auffassung, dass alles gut wird, wenn es für alles einen Markt gibt, und die ist ja auch sehr einleuchtend und plausibel. Danach strömt das Kapital in die Produktionszweige oder Firmen, die eine wachsende Absatzbasis haben, meidet die Gebiete mit Problemen und so fort – ein perfektes Regelsystem, mit dezentralisierten Akteuren, die ihren natürlichen Egoismus ausleben dürfen.

Wären da nicht die kleinen Schönheitsfehler der Realität:

Es lässt sich, zumindest für eine gewisse Zeit, aus dem finanziellen Verhalten der anderen Akteure mehr Gewinn machen als aus realen Investitionen, das gibt dann die Spekulationsblasen. Eine Basisinformation gibt vielleicht den Anstoß, etwa eine Knappheit an einem Rohstoff, und die Spekulation darauf, was die anderen damit machen bildet eine positive Rückkopplung und verstärkt den Effekt in der Finanzsphäre um ein Vielfaches. Der an und für sich erwünschte Finanzfluss fällt völlig übertrieben aus und schadet dem Ganzen, anstatt zu nützen.

Die Regelung ist zu sensibel, zu radikal, nicht gut dosiert, zu instabil. Wenn in der Technik die Ausschläge von etwas zu wild werden, baut man eine Dämpfung ein, und eine Transaktionssteuer wäre so etwas wie eine Dämpfung. Auch Dämpfungen müssen richtig bemessen sein, aber keine Dämpfung scheint auf jeden Fall zu wenig.

Dann gibt es noch das Komplexitätsproblem. Je komplexer ein Regelsystem wird, das aus einzelnen voneinander abhängigen Einheiten zusammengesetzt ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich Wellenbewegungen und andere Instabilitäten aufbauen. Gerade die Subprime-Krise kann man als Komplexitätskrise bezeichnen – die Akteure wussten nicht mehr, was sie taten.

Ein komplexes System ist effizienter als ein einfaches, wenn es funktioniert, aber anfälliger, wenn es nicht funktioniert. Es gibt hier eine Abwägung zwischen Stabilität und Effizienz, scheint mir, und mir scheint, dass das Optimum an Komplexität bereits Überschritten ist.

Das wäre ein Fortschritt: positive Rückkopplung, Sensibilität und Komplexität als zu steuernde Größen des Marktes zu erkennen.

Die Deutschen sollen nicht so jammern!

Jetzt heißt es: Uuh, all die Kredite, die wir den Griechen geben müssen, und das Geld sehen wir doch eh nicht komplett wieder, und dann noch Portugal und Italien und wie sie alle heißen – war das wohl wirklich so gut mit dem Euro?

Vielleicht mal das Gehirn einschalten: Mit den getrennten Währungen gab es eine kontinuierliche Aufwertung der D-Mark im Verhältnis zu den restlichen, besonders den südlichen europäischen Währungen, wenn ich mich recht entsinne. Was ist das wohl, wenn ein Land in ein anderes Waren exportiert, dessen Währung dann aber im Verhältnis billiger wird? Nun? Ein Geschenk einer Volkswirtschaft an eine andere. Der Mechanismus Exportüberschuss – Aufwertung war eine gewaltige Schenkungsmaschine, die nur nicht so hieß und deshalb nicht als solche erkannt und benannt wurde.

Und jetzt geht das nicht mehr, wegen der gemeinsamen Währung. Also muss man jetzt auf anderen Wegen das Geld rüberschaffen. Der beste wäre durch Investitionen in dem entsprechenden Land. Das würde dort das Produktivitätsniveau anheben und alle wären glücklich. Der zweitbeste sind Kredithilfen. Oder eben wenn es gar nicht anders geht Schenkungen. Punkt. Alles nicht so schlimm, ham wir doch jahrzehntelang de facto gemacht, hat nur keiner gemerkt, von wegen Gehirn einschalten und so.

Jetzt bin ich doch wieder in den arroganten besserwisserischen Ton gefallen, den ich bei anderen so hasse! Aber das bietet sich bei dem Thema auch an, oder?

Einige Absätze zu Arbeitslosigkeit

Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass man als Arbeitsloser alles das tun kann, was man will, selbst wenn man die Dinge, die einfach zu viel Geld kosten nicht in Betracht zieht. Dies liegt daran, dass die Anzahl der Vorhaben inflationär zunimmt, während die Geschwindigkeit, in der man etwas tut, in erstaunlichem Maße abnimmt. Zumindest für einige trifft das zu.

Mit dem Arbeitslossein ist es wie mit dem Dickwerden: es ist einfach, es zu werden und sehr schwierig, wieder davon runter zu kommen.

Ein Freund von mir leitete lange Jahre Jugendtheater. Eines Tages wurde es ihm zu viel, zu viel Wiederholung desselben, zu viel Scherereien mit der prekären Geldbeschaffung, und er ging in Hartz-4. Er wunderte sich, mit welcher Plötzlichkeit seine menschlichen Kontakte abnahmen. Nun schreibt er an einem Buch, aber mit größter Skepsis, was die Nachfrage angeht.

Zwischen Arbeitslosengeld und Hartz-4 eine andere Unterscheidung zu treffen als das Geld ist lächerlich; ob das Geld aus dieser oder jener Kasse kommt ist doch völlig unwesentlich.

Es heißt, Arbeit gebe Kraft zu mehr Arbeit. (Sagte u.A. der indische Guru Rajneesh alias Osho). Da ist wohl was dran.

Ich rede jetzt von den sogenannten freiwilligen Arbeitslosen, was sozusagen der “Abschaum” in der öffentlichen Diskussion ist. Für einige von diesen ist das Schwierige nicht so sehr, etwas zu tun, als etwas nicht zu tun, d.h. viele Möglichkeiten (und seien sie auch illusionär) gegen eine Wirklichkeit einzutauschen.

Die meisten Vermittler in den Jobcentern sind positiv eingestellt, freundlich, fair und nicht agressiv. Dennoch stellen die Gespräche mit ihnen für viele Arbeitslose einen massiven Stressfaktor dar. Es gibt welche, die, wenn sie es sich irgend leisten können, auf das Geld verzichten, nur um diesen Stress nicht mehr aushalten zu müssen.

Kapitalrentensystem und Krise

In einem Beitrag meines alten Blogs bei Blogigo, der leider durch deren verdammte fehlerhafte Software nicht mehr sichtbar ist und den ich gelegentlich hier importieren möchte, schrieb ich, dass der Übergang zum Kapitalrentensystem ein Betrug ist, weil die dabei verfügbar werdenden Kapitalmassen nicht mehr zu dem Prozentsatz angelegt werden können, der versprochen wird. Ich hab’s damals etwas vorsichtiger formuliert, aber zugespitzt ist das der Inhalt.

Der Grund ist, dass eine Marktwirtschaft nicht beliebig viel Kapital pro Jahr aufnehmen kann, da es immer ein gewisses angenähertes Gleichgewicht von Konsum und Investition geben muss – jede Investition muss sich innerhalb einer begrenzten Zeitspanne und in einem begrenzten Marktsegment rentieren, d.h. in letzter Konsequenz zu Produkten für den Endverbraucher führen.1

Nun las ich den Gier-Leitartikel im neuen Spiegel (20/2009) und dabei tauchte ein neuer schädlicher Aspekt dieses Rentensystems auf, dieses Allheilmittels für Dummköpfe. Es könnte durchaus an der jetzigen großen Krise mitschuldig sein, und das geht so:

Wie man überall lesen kann, besteht das strukturelle Grundübel der modernen Weltwirtschaft in der übermäßig gewachsenen Geldmenge, und wie in besagtem Spiegelartikel ausgeführt ist, ist deren Ursache – neben der unkontrollierten Schöpfung von Buchgeld in der Finanzsphäre und einem Anwachsen der Menge der Kleinaktionäre – eben die Ausbreitung privater Pensionsfonds, also des Kapitalrentensystems. Das globale Geldvermögen ist in den letzten drei Jahrzehnten dreimal schneller als die Produktion gewachsen. Das Resultat ist, dass alle gesunden und gut rentierlichen Anlagemöglichkeiten mit Kapital abgesättigt sind und das übrige Kapital die Wahl zwischen der Scylla hochriskanter und der Charybdis niedrigverzinster Anlagen zu wählen hat. Wie die menschliche Natur so ist, wird ein Teil des Geldes also in erstere fließen, nach dem Motto: “Ich will nicht als Versager dastehen und es ist ja nicht mein Geld und es wird schon gut gehen.” Das ist, kurz gesagt, was bei den “Subprime”-Krediten passiert ist.

Wenn man in die Details geht, taucht natürlich sofort das Rating-Desaster als Mitursache auf, d.h. die Tatsache, dass gebündelte Kredite krass überbewertet wurden und so Anleger zu Käufen bewegten, die sie normal nie getätigt hätten.

 Also waren die Rating-Agenturen schuld? Die Rating-Agenturen wurden von den Verkäufern bezahlt, waren also in einem klassischen Interessenkonflikt. Also war die Art des Rating-Systems schuld? Das kommt sicher dazu. Aber: wenn nicht so viel Geld im Markt wäre, hätten sich die Anleger gar nicht auf ein Gebiet vorwagen müssen, auf dem sie sich nicht auskannten und wären vielleicht niemals so abhängig von den Rating-Agenturen geworden!

Und als dann die Kredite einmal massenhaft zu platzen begonnen hatten, breitete sich die Krise  in Wellen der Zerstörung über den Globus aus und verursachte Schäden, die ein vielfaches der ursprünglichen, auslösenden Verluste im US – Einfamilienhausgeschäft betragen – letztlich nur eines Teils einer Branche in einem Land. Diese inhärente Instabilität des kapitalistischen Systems, d.h. seine Unfähigkeit, Störungen abzufangen, die eine gewisse Größe überschreiten, ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

1 In einer Planwirtschaft ist das anders, wie Stalins Industrialisierungprogramm gezeigt hat – aber unter welchen menschlichen Kosten!

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