Der Schwanz wackelt mit dem Hund

Ein Phänomen, das in der Politik immer wieder vorkommt.

  • Die paar EU Bauern setzen Mindestpreise und Überproduktion durch, die dann subventioniert exportiert wird und in Afrika die lokale Landwirtschaft ruiniert.
  • Die paar israelischen Siedler bilden das Zünglein an der Waage der Regierungsbildung und können seit Jahrzehnten eine Annäherung an die arabische Umwelt verhindern – das ist sogar ein doppelter Effekt, weil das kleine Israel über ein paar israelfreundliche Wähler in den USA die unbeschränkte militärische Unterstützung ebendieser rechtswidrigen Zustände durchsetzen kann.
  • Ein paar Arbeitsplätze (vergleichsweise, lokal mögen sie ja bedeutsam sein) in der deutschen Braunkohleindustrie verhindern erfolgreich eine Senkung unserer CO2-Emissionen. Dies geht soweit, dass letztere in den letzen vier Jahren praktisch konstant geblieben sind. Sie spielen erfolgreich mit den sozialdemokratischen Reflexen, das Arbeit das höchste aller Ziele ist.
  • Das neueste Beispiel ist Polen: dessen Kult um die Kohleindustrie gelingt es, den ganzen Staat dazu zu bringen, sich mit Klauen und Zähnen gegen europäische Umweltregelungen zu wehren, siehe diesen Artikel. Dies selbst um den Preis der schadstoffbelasteter Luft für die Polen selbst. Das soll nicht heißen, dass die polnischen Einwände völlig unberechtigt sind. Aber wenn man will, findet man Wege.

Was kann man tun? Ich weiß es nicht.

 

Ein wenig Aprilnachmittag und ein wenig philosophieren über die Deckung

Fahre mit dem grazilen, flinken Rad über das Tempelhofer Feld, es ist leicht in meiner Hand und es trägt mich, es rollt mit mir, wohin ich will. Die unglaubliche Weite, ein Rückenwind, eine wärmende Aprilsonne, eine Feldlärche, die oben in der Luft steht und trillert, machen alles leicht.

Ich bin nicht auf dem Rückweg von der Arbeit, nein: ich bin mitten auf einer zehntausend-Kilometer-Radtour, ich erforsche neue Wege, ich schweife ab, erfüllt von Erwartung.

Da ist der Uferweg und all die verschiedenen Leute, die mir entgegenkommen oder am Rand sitzen und auf ganz verschiedene Weisen miteinander sprechen. Ich überhole einen Mann mit einem Buggy, in dem ein kleines Mädchen sitzt. Über dem Bügel vor ihr hängt eine Decke, so dass sie rundum Schutz um sich hat. Sie schaut glücklich aus ihrem Wagen und schleckt ein Eis.

Die Decke gibt ihr Deckung. Kennt ihr das Phänomen der Deckung auch? Man hat im Rücken etwas Großes: eine Wand oder ähnliches und vor sich einen Sichtschutz, der einem selbst aber erlaubt, draußen alles zu sehen, idealerweise noch ein Dach über sich.
Diese Konfiguration verursacht ein bestimmtes Behagen. Sie ist fast heilsam.

Das ist noch evolutionäres Erbe aus Jahrmillionen.

Tempelhofer Feld, aus der Deckung hinter dem Unterarm gesehen.

 

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Werbefritzen dieser Welt…

Wenn ich eine Jacke oder Stiefel, die ich mir kürzlich in einem Webshop angeguckt habe, ungefragt auf einer komplett verschiedenen Website sehe, werde ich wütend und verliere jede Lust, dort noch etwas zu kaufen.

Der Körper

Betrachten wir einen menschlichen Körper von außen, so ist er glatt und schön, von einer wunderbaren Haut bedeckt. Sehen wir jedoch ins Innere, so ist er überall feucht, ja nass, erfüllt von Flüssigkeiten: Blut, Lymphe, Zellflüssigkeit. Und er tauscht Flüssigkeit mit seiner Umgebung aus: Schweiß, Speichel, Tränenflüssigkeit, Urin, Magensäure (der Verdauungstrakt ist topologisch gesehen Körperumgebung), Galle & c.

Dieses mir klarzumachen fasziniert mich seltsamerweise.

Der evolutionäre Ursprung all dieser Flüssigkeiten ist das Urmeer, in dem sich die ersten Zellen gebildet haben; sie haben dann im weiteren Verlauf der Evolution ihre flüssige Umgebung quasi mit sich mitgenommen, unsichtbar, verborgen hinter dieser wundervollen Hülle der Haut, aufrechterhalten durch eine genau dosierte, sorgfältig gesteuerte Abgabe und Aufnahme von Wasser.

Damit nicht genug des Wunderns: Dieser in Flüssigkeit getauchte, nasse, von Wasser in verschiedenen Formen durchzogene Organismus ist gleichzeitig von Elektrizität durchflossen – ein offensichtlicher Widerspruch, aber es ist so: Jede willkürliche oder unwillkürliche Bewegung ist von Spannungen und Strömen begleitet, jede Wahrnehmung, jedes Gefühl; jeder Gedanke besteht aus Strömen, die in Form schwacher Impulse in  einem unfassbar komplexen Leitungssystem, das durch dünne Membranen gerade genug isoliert ist, herumfließen. Und diese Ströme machen unsere Lebendigkeit aus: erlöschen sie, erlischt das Leben.

Wir sind eigentlich elektrische Wesen, nasse elektrische Wesen.

Etwas beenden

Der Raum war banal und trist. Durch die farbigen Butzenscheiben wurde das Licht des grauen Tages mehr draußen gehalten als hereingelassen.

Wir unterhielten uns über Erinnerungen an die, die nicht mehr da war.

Als wir hinaustraten atmete ich auf, das Leben öffnete sich wieder. Der graue Himmel wirkte hell und frisch, das Pflaster des Weges greifbar, wirklich und schön. Geräusche waren zu hören, Vögel auch.

Der Friedhofsdiener trug die Urne mit einer gemessenen, fast heiteren Routine, die wohltat. Ich erstaunte, als er sich vor der Öffnung im Erdboden verbeugte. Mich freute diese Repektsbezeugung, dieses überflüssige Ritual.

Bevor ich dann den Sand auf die Urne warf, in das ziemlich tiefe Loch, wog ich ihn mehrmals in der Hand , zerdrückte ihn mit dem Daumen. Ließ ihn dann nach und nach hineinrieseln.

Wir berieten dann noch, wie die Blumen und Zwiebeln am besten eingepflanzt werden sollten, die wir mitgebracht hatten. Der Sand, mit dem das Loch aufgefüllt worden war, schloss nicht nur das Loch im Erdboden, er vervollständigte auch in meinem Inneren etwas.