Der hohe Himmel

Männer spielen Boule, oder Pétanque, wie es in der Provence hieße. Mit Ernst zielen sie auf den ziemlich weit entfernten “Cochon”, auf dem Bouleplatz am Landwehrkanal, der von einem glänzenden Flachstahlrechteck begrenzt ist und von Bänken. Die Männer sind ungefähr in meinem Alter, wirken gar nicht wie Herren, ganz umgängliche Typen. Einer trifft auf acht Meter die gegnerische Boulekugel. Ich staune.

Fahrräder. Ich bewundere eines , ein Girlsfahrrad. Es hat einen niedrigen roten Sattel und einen Korb vorn. Alle Girlsfahrräder haben Körbe vorn. Aber der Rahmen ist anders als gewöhnlich bei Damenfahrrädern, die obere Stange ist höher angesetzt, fast so hoch wie bei einem Männerfahrrad. Dann die Gangschaltung. Es muss eine haben, denn die Hinterrradnabe ist dick. Aber ich sehe keinen Zug, keinen Schalthebel.
Man bemerkt mein Interesse und witzelt: für 20 Euro kannst du es haben. Na gut, 15, weil du’s bist, komm.
Die Besitzerin erläutert stolz: es ist eine Automatik. Zweigang.
Reicht ja auch. Ich habe einundzwanzig Gänge und benutze praktisch nur zwei davon.

Ich sehe nach oben. Helle Schäfchenwolken, ziemlich hoch, vor dem weiten schwarzen All. Darin, in dem All, der Mond, von einer Helligheit, einer Brillanz, wie ich sie kaum je gesehen habe.
Im Schwarz, weit über den Wolken, blitzen regelmäßig zwei weiße, eng zusammenliegende Lichtpunkte auf, deren Fortschreiten die Bahn des Flugzeugs markiert. Da oben müssen sie einen traumhaften Blick auf das Land da unten haben, unter den Wolken, die große Stadt mit ihrem Funkeln, das an den Rändern ausläuft in das dunkle Land, das vom Mond erhellt wird.

Hinten, nach der Brücke hin, werden die Menschen seltener. Vier schwarzhäutige Männer lauschen entspannt dem Rhythmus, der aus ihrer USB-Box ertönt. Auf der Brücke bleibe ich stehen, um das stumme Schauspiel des Nachthimmels in mich aufzunehmen. Eine Gruppe junger Männer schiebt ihre Fahrräder um mich herum. Auf der dicken steinernen Brüstung ein Liebespaar. Kein besserer Abend für sie.

Einige Klima- und Umweltblogs

Als regelmäßiger Reisender in der Klima-Blogosphäre will ich einige meiner öfter besuchten Seiten mal aufführen – vielleicht findet der Eine oder die Andere was davon interessant

Taminos “Open Mind” – Blog

Tamino ist Statistiker, d.h. er weiß alles über Curve-Fitting, Vertrauensbereiche und Autokorrelations-Varianten. Als solcher nimmt er sich gelegentlich die  fragwürdige statistische Vorgehensweise von Klimawandelabstreitern vor, mit Ausflügen in benachbarte Themenbereiche.

Ugo Bardis “Resource Crisis” – Blog

Bardi ist Professor für physikalische Chemie in Florenz, Italien. Sein Themenspektrum ist zentriert um, nun ja, die Ressourcenkrise, die sich abzeichnet, und Systemtheorie à la Club of Rome, insbesondere die “Seneca – Klippe“, sein Steckenpferd. Aber er interessiert sich auch für Probleme der Kommunikation und Denkweise in sozialen Systemen und anderes. Sympathisch.

Der Doom-and-Gloom-Blog “desdemonadespair.net”

Um den zu lesen muss man schon eine leicht perverse Lust am Ende der Welt in Scheibchen haben. Größtenteils aus anderen Quellen übernommene Beiträge. Nicht nur Klimawandel und Verwandtes (wie z.B. Waldbrände, Trockenheit et sim.) sondern auch Chemieunfälle, Artensterben und ähnlich erbauliche Dinge.

Der ziemlich wissenschaftliche Klimablog “realclimate.org”

Hier sind die Beiträge seltener, dafür erfährt man etwas über den aktuelle Fortschritte der wissenschaftlichen Entwicklung. Hat eine lange Liste von weiteren klimarelevanten Netzstellen. Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung schreibt hier gelegentlich auch. Dieses trifft auch auf

Klimalounge

zu, mal einem deutschsprachigen Blog, nicht ganz so insiderhaft wie realclimate, aber auch mit wissenschaftlichem Anspruch.

Thinkprogress.org

Eine eher VS von A – zentrierte Nachrichtensammelstelle mit umweltrelevanten Stories.

Eine differenziertere Sicht auf den IS

In dem aktuellen “Monde Diplomatique” ist eine längere Analyse des Erfolges des IS, der nachdenklich macht.

Er ist genau die Art von Ergänzung der üblichen verkürzten und voreingenommenen Berichterstattung, die wir so dringend brauchen, und sein Inhalt ist in einem Satz: Weder sind die Guten so gut, wie sie dargestellt werden, noch die Bösen so böse.

Das hatten wir uns schon gedacht, hatten aber keinen Ansatzpunkt für diese Ahnung.

Die Kurden sind zweifellos die Guten in unserer Berichterstattung: Sie haben heldenhaft Kobane verteidigt, sie haben dem IS einige weitere Niederlagen zugefügt, wenngleich sie auch selbst welche einstecken mussten, sie wurden von ihren jeweiligen Mehrheitsnationen Irak, Syrien und Türkei – teilweise massiv – unterdrückt und bekämpft. Sie haben eine Menge junger Frauen in ihren Einheiten, was sie per se sympathisch macht.

Nun stellt sich aber heraus (wenn man dem Artikel Glauben schenkt, was ich tue), dass sie in den von der YPG beherrschten Gebieten arabische Familien vertreiben, angeblich aus Angst vor IS-Schläfern. Und dass das Regime im kurdischen Teilstaat im Irak ebenfalls korrupte und unterdrückerische Eigenschaften zeigt, die sogar einige der ihren auf die Seite des IS vertreibt.

Umgekehrt ist es seltsam, dass der IS so viel Zuwachs erhält. Dieser besteht einerseits aus Ausländern, die bei den Einheimischen kein hohes Ansehen genießen, weil sie aus Abenteuerlust oder anderen niederen Motiven kämpfen, andererseits aus zwangsrekrutierten Männern aus den vom IS beherrschten Gebieten. Aber es gibt auch genug Kämpfer, die im IS die einzige Möglichkeit sehen, Rechnungen mit den Leuten zu begleichen, durch die sie verletzt wurden, sei es Assad, seien es (in diesem einen Fall) die Kurden, seien es die Irakischen Schiiten.

Diese Leute nehmen möglicherweise die Brutalität und den Fundamentalismus des IS mehr in Kauf als dass sie sie unterstützen.

Das heißt nicht, dass der IS plötzlich nicht mehr die Bösen sind, zeigt aber doch, dass überall Menschen kämpfen, die uns mit ihrer Weltsicht nicht so völlig fremd und unerklärlich sind, wie die Dämonisierung in den Medien glauben machen will.

Das Netz der Guten

Foto: NASA
Foto: NASA

Ende November wird in Paris die nächste, die 21., UN-Klimakonferenz stattfinden. Sie ist eine hochkomplexe Veranstaltung mit tausenden von Teilnehmern im Rahmen der UNFCCC – des UN Framwork Convention on Climate Change. Sie soll verbindliche Emissionsziele für alle Mitgliedstaaten vereinbaren. Es ist absehbar, dass das äußerst schwierig wird (auch wenn die Tatsache und die Effekte der Klimaerwärmung – außer in den USA – kaum noch angezweifelt werden).

Die EU hat mit ihrem cap-and-trade-Programm das größte Werkzeug der Welt zur Senkung des Treibhausgasausstoßes geschaffen. Sie ging dabei von Anfang an zu zaghaft zur Sache. Deshalb ist dieses System jetzt in einem Reformprozess, der sowohl die Senkungsrate als auch die Modalitäten verbessern soll.

Unterdessen bildet sich unter dem Radar der Massenmedien ein globales Emissionsbündnis von unten heraus.

Es fing an mit einzelnen Städten und Regionen, die beschlossen, vor ihrer eigenen Haustür zu kehren und sich selbst Emissionsbeschränkungen aufzuerlegen. Unter anderem folgende Regionen und Staaten haben eigene Cap-And-Trade-Systeme eingerichtet oder planen dies zu tun: Australien, Neuseeland, Kalifornien, Quebec, Tokio, Kasachstan, Mexiko, Washington (Staat), Ontario, die Regional Greenhouse Gas Initiative mit 9 Ostküstenstaaten der US, Südkorea, einige Gebiete in China.

Kalifornien und Quebec haben nun ihre Emissions-Zertifikatsysteme verbunden. Das heißt, dass kalifornische Firmen, die gekaufte Zertifikate nicht nutzen, diese an Firmen in Quebec verkaufen können, die mehr benötigen, als sie ersteigert haben et vice versa.

Dieses Beispiel wird Schule machen. Mehr und mehr Regionen mit lokalen Zertifikatsystemen werden sich untereinander verbinden und ihre Zertifikate gegenseitig handelbar machen. Auch die EU hat sich den Ausbau dieser Austauschbarkeit mit anderen Regionen vorgenommen, z.B. mit Australien.

Der Vorteil dieses Ansatzes: es ist gar keine globale Einigung in einem Schritt nötig. Die Regionen können individuell nach ihrem Gusto dem Kantschen kategorischen Imperativ folgen oder nicht. Jede Region, die dazustößt, erhöht die faktische und auch moralisch-normative Kraft der Gesamtbewegung.

Es ist ein Bottom-Up-Prozess. Die Teilnehmenden fühlen sich viel weniger entfremdet, als wenn die Willensbildung erst bis in die höchsten Spitzen aufsteigen muss, wo dann eine Regelung getroffen wird, die wieder auf die unteren Teile wirkt.  Dabei können die Unwilligen den gesamten Prozess blockieren. Beim Bottom-Up-Vorgehen bleiben die Unwilligen einfach an der Seite stehen und werden umgangen. Fühlt sich gut an.

Eine primordiale Erfahrung

WEAn bei Parstein

Unterwegs, allein im Haus von Freunden, ist es gerade schön. Ich bin auf einem Pfad selbstbestimmter Aktivität, wie er in geschenkten Zeiten möglich ist. Normale Dinge. Mit dem Rad zum Einkaufen in die Stadt fahren. Auf dem Rückweg ein wenig bei den Windkraftwerken verweilen.

Als ich dort angelangt war und angehalten hatte, vernahm ich dieses große, nicht sehr laute, gleichmäßige Rauschen. Was mich überraschte war, dass es mich spürbar beruhigte. Es war wie am Meer. Die Windkraftwerke sind so unfassbar groß, und drehen sich mit vollkommenem Gleichmut, wie seit ewigen Zeiten.

Ja, wir wissen: sie sind menschengemacht. Wir wissen: in ihnen dreht eine heikle Mechanik Kupferleitungen durch Magnetfelder. Wir wissen: sie verschleißen, müssen zuweilen repariert werden wie alles Menschenwerk.

PLUM2GDoch jetzt sind sie menschenleer, unangreifbar, unberührt von allem menschlichen Wollen und Fühlen, majestätisch, wohlwollend.

Ein Blick in den Feldstecher auf die Nabe lässt mich den Atem anhalten über dieses gewaltige, sich ununterbrochen drehende Bauteil, dem man seine Stärke ansieht.

Es ist Konzentrationspunkt des Energieflusses, den die drei langen schlanken Flügel eingefangen und nach innen geleitet haben, einen Energiestrom sichtbar machend, der sonst ungeahnt im Wind über uns hinwegzieht.

Aber dieses sind bereits Wissengedanken, Reim, den wir uns machen, und sie haben wenig zu tun mit der primordialen Erfahrung, die man macht, wenn man hinfährt, und anhält.

Weltraumausflug: Darstellbarkeit reeller Zahlen

Manchmal denke ich über die absonderlichsten Probleme nach.

Mir ist aufgefallen, dass es für die Darstellung von π eine ganze Reihe kompakter geschlossener Näherungsformeln gibt (siehe hier). Da fragte ich mich, ob man für jede reelle Zahl eine solche angeben kann.

Meine Antwort war: vielleicht nicht, aber das braucht man auch nicht, denn wenn man ihre Beziehung zu bekannten Zahlen beschreiben kann, kann man sie (denke ich) auch mit einer Formel annähern – wenn nicht, erübrigt es sich sowieso!

Mehr kann man sagen, wenn man sich überlegt, was man unter “kompakt” versteht. Eine mögliche Definition ist: “Eine Zeichenkette von n oder weniger Zeichen.” , wobei n eine willkürliche, nicht zu große Zahl ist, sagen wir 100. Dann kann man sich überlegen, wieviele reelle Zahlen ich maximal darstellen kann. Wenn ich annehme, dass jede mögliche Zeichenkette eine Zahl oder ihre Näherungsformel beschreibt (was ziemlich großzügig ist) und dass die Basis des Zeichensystems sagen wir 40 ist (Buchstaben, Zahlen und mathematische Sonderzeichen) können wir die Anzahl der darstellbaren reellen Zahlen zu 40100 bestimmen, während die entsprechende Menge an natürlichen Zahlen nur 10100 beträgt.

Das ist allerdings unfair, da in dem ersten Zeichensystem viel mehr Information pro Zeichen steckt als im Zweiten. Wenn ich also nach einer formellen Beschwerde der natürlichen Zahlen für beide dieselbe Basis des Zahlensystems verwende, zum Beispiel 2, schneiden die Reellen schlechter ab: Die maximale Anzahl darstellbarer Zahlen ist in beiden Fällen von der gleichen Größenordnung.

D.h. einerseits sind die reellen Zahlen viel “dichter” als die rationalen, zu schweigen von den natürlichen, praktisch ist ihre verfügbare Anzahl jedoch wie bei allen anderen Objekten von der Länge ihrer Repräsentation abhängig.

Über das Auftauchen von Allem aus dem Unbekannten

Alle Bücher sind Formen, die aus dem Unbekannten auftauchen.

Wenn ich glücklich handele*, so wird es aus dem Unbekannten aufgetaucht sein.

Auch wenn ich unglücklich handele.

Auch das Handeln der Anderen entspringt dem Unbekannten.

Das etwas Gutes da ist – und es zu erkennen – hat sich aus dem Unbekannten entwickelt.

Freiheit ist nur eine bestimmte Art, auf die Welt zu schauen, die selbst wieder Unbekanntes zur Voraussetzung hat.

Das (unzweifelhaft existierende) Bekannte ist das, was aus dem Unbekannten aufgetaucht ist, in dem Moment, wo es aufgetaucht ist.

*Handeln heiße hier die gesamte Kette von der ersten Ahnung, über das Begreifen, den Entschluss bis zum eigentlichen Tun