Das Netz der Guten

Foto: NASA

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Ende November wird in Paris die nächste, die 21., UN-Klimakonferenz stattfinden. Sie ist eine hochkomplexe Veranstaltung mit tausenden von Teilnehmern im Rahmen der UNFCCC – des UN Framwork Convention on Climate Change. Sie soll verbindliche Emissionsziele für alle Mitgliedstaaten vereinbaren. Es ist absehbar, dass das äußerst schwierig wird (auch wenn die Tatsache und die Effekte der Klimaerwärmung – außer in den USA – kaum noch angezweifelt werden).

Die EU hat mit ihrem cap-and-trade-Programm das größte Werkzeug der Welt zur Senkung des Treibhausgasausstoßes geschaffen. Sie ging dabei von Anfang an zu zaghaft zur Sache. Deshalb ist dieses System jetzt in einem Reformprozess, der sowohl die Senkungsrate als auch die Modalitäten verbessern soll.

Unterdessen bildet sich unter dem Radar der Massenmedien ein globales Emissionsbündnis von unten heraus.

Es fing an mit einzelnen Städten und Regionen, die beschlossen, vor ihrer eigenen Haustür zu kehren und sich selbst Emissionsbeschränkungen aufzuerlegen. Unter anderem folgende Regionen und Staaten haben eigene Cap-And-Trade-Systeme eingerichtet oder planen dies zu tun: Australien, Neuseeland, Kalifornien, Quebec, Tokio, Kasachstan, Mexiko, Washington (Staat), Ontario, die Regional Greenhouse Gas Initiative mit 9 Ostküstenstaaten der US, Südkorea, einige Gebiete in China.

Kalifornien und Quebec haben nun ihre Emissions-Zertifikatsysteme verbunden. Das heißt, dass kalifornische Firmen, die gekaufte Zertifikate nicht nutzen, diese an Firmen in Quebec verkaufen können, die mehr benötigen, als sie ersteigert haben et vice versa.

Dieses Beispiel wird Schule machen. Mehr und mehr Regionen mit lokalen Zertifikatsystemen werden sich untereinander verbinden und ihre Zertifikate gegenseitig handelbar machen. Auch die EU hat sich den Ausbau dieser Austauschbarkeit mit anderen Regionen vorgenommen, z.B. mit Australien.

Der Vorteil dieses Ansatzes: es ist gar keine globale Einigung in einem Schritt nötig. Die Regionen können individuell nach ihrem Gusto dem Kantschen kategorischen Imperativ folgen oder nicht. Jede Region, die dazustößt, erhöht die faktische und auch moralisch-normative Kraft der Gesamtbewegung.

Es ist ein Bottom-Up-Prozess. Die Teilnehmenden fühlen sich viel weniger entfremdet, als wenn die Willensbildung erst bis in die höchsten Spitzen aufsteigen muss, wo dann eine Regelung getroffen wird, die wieder auf die unteren Teile wirkt.  Dabei können die Unwilligen den gesamten Prozess blockieren. Beim Bottom-Up-Vorgehen bleiben die Unwilligen einfach an der Seite stehen und werden umgangen. Fühlt sich gut an.

Eine primordiale Erfahrung

WEAn bei Parstein

Unterwegs, allein im Haus von Freunden, ist es gerade schön. Ich bin auf einem Pfad selbstbestimmter Aktivität, wie er in geschenkten Zeiten möglich ist. Normale Dinge. Mit dem Rad zum Einkaufen in die Stadt fahren. Auf dem Rückweg ein wenig bei den Windkraftwerken verweilen.

Als ich dort angelangt war und angehalten hatte, vernahm ich dieses große, nicht sehr laute, gleichmäßige Rauschen. Was mich überraschte war, dass es mich spürbar beruhigte. Es war wie am Meer. Die Windkraftwerke sind so unfassbar groß, und drehen sich mit vollkommenem Gleichmut, wie seit ewigen Zeiten.

Ja, wir wissen: sie sind menschengemacht. Wir wissen: in ihnen dreht eine heikle Mechanik Kupferleitungen durch Magnetfelder. Wir wissen: sie verschleißen, müssen zuweilen repariert werden wie alles Menschenwerk.

PLUM2GDoch jetzt sind sie menschenleer, unangreifbar, unberührt von allem menschlichen Wollen und Fühlen, majestätisch, wohlwollend.

Ein Blick in den Feldstecher auf die Nabe lässt mich den Atem anhalten über dieses gewaltige, sich ununterbrochen drehende Bauteil, dem man seine Stärke ansieht.

Es ist Konzentrationspunkt des Energieflusses, den die drei langen schlanken Flügel eingefangen und nach innen geleitet haben, einen Energiestrom sichtbar machend, der sonst ungeahnt im Wind über uns hinwegzieht.

Aber dieses sind bereits Wissengedanken, Reim, den wir uns machen, und sie haben wenig zu tun mit der primordialen Erfahrung, die man macht, wenn man hinfährt, und anhält.

Weltraumausflug: Darstellbarkeit reeller Zahlen

Manchmal denke ich über die absonderlichsten Probleme nach.

Mir ist aufgefallen, dass es für die Darstellung von π eine ganze Reihe kompakter geschlossener Näherungsformeln gibt (siehe hier). Da fragte ich mich, ob man für jede reelle Zahl eine solche angeben kann.

Meine Antwort war: vielleicht nicht, aber das braucht man auch nicht, denn wenn man ihre Beziehung zu bekannten Zahlen beschreiben kann, kann man sie (denke ich) auch mit einer Formel annähern – wenn nicht, erübrigt es sich sowieso!

Mehr kann man sagen, wenn man sich überlegt, was man unter “kompakt” versteht. Eine mögliche Definition ist: “Eine Zeichenkette von n oder weniger Zeichen.” , wobei n eine willkürliche, nicht zu große Zahl ist, sagen wir 100. Dann kann man sich überlegen, wieviele reelle Zahlen ich maximal darstellen kann. Wenn ich annehme, dass jede mögliche Zeichenkette eine Zahl oder ihre Näherungsformel beschreibt (was ziemlich großzügig ist) und dass die Basis des Zeichensystems sagen wir 40 ist (Buchstaben, Zahlen und mathematische Sonderzeichen) können wir die Anzahl der darstellbaren reellen Zahlen zu 40100 bestimmen, während die entsprechende Menge an natürlichen Zahlen nur 10100 beträgt.

Das ist allerdings unfair, da in dem ersten Zeichensystem viel mehr Information pro Zeichen steckt als im Zweiten. Wenn ich also nach einer formellen Beschwerde der natürlichen Zahlen für beide dieselbe Basis des Zahlensystems verwende, zum Beispiel 2, schneiden die Reellen schlechter ab: Die maximale Anzahl darstellbarer Zahlen ist in beiden Fällen von der gleichen Größenordnung.

D.h. einerseits sind die reellen Zahlen viel “dichter” als die rationalen, zu schweigen von den natürlichen, praktisch ist ihre verfügbare Anzahl jedoch wie bei allen anderen Objekten von der Länge ihrer Repräsentation abhängig.

Über das Auftauchen von Allem aus dem Unbekannten

Alle Bücher sind Formen, die aus dem Unbekannten auftauchen.

Wenn ich glücklich handele*, so wird es aus dem Unbekannten aufgetaucht sein.

Auch wenn ich unglücklich handele.

Auch das Handeln der Anderen entspringt dem Unbekannten.

Das etwas Gutes da ist – und es zu erkennen – hat sich aus dem Unbekannten entwickelt.

Freiheit ist nur eine bestimmte Art, auf die Welt zu schauen, die selbst wieder Unbekanntes zur Voraussetzung hat.

Das (unzweifelhaft existierende) Bekannte ist das, was aus dem Unbekannten aufgetaucht ist, in dem Moment, wo es aufgetaucht ist.

*Handeln heiße hier die gesamte Kette von der ersten Ahnung, über das Begreifen, den Entschluss bis zum eigentlichen Tun

Über die Verantwortung in der Zeit

Wir haben nicht die Verantwortung für das, was wir vor zwanzig Jahren gemacht haben oder nicht gemacht haben.

Wir haben noch nicht einmal die Verantwortung für das, was wir vor zehn Minuten gemacht haben oder nicht gemacht haben.

Aber wir haben die Verantwortung für die Situation, die daraus entstanden ist und die j e t z t ist.

In einer Minute werden wir nicht mehr die Verantwortung haben für das, was wir jetzt tun oder nicht tun, aber wir werden wieder die Verantwortung haben für die Situation, die daraus entstanden sein wird.

Die Frage der Gegenwart ist also: Womit willst du umgehen müssen oder – dürfen?

Die gute (?) alte Geschlechtsrollenzuschreibung

Man kann das Geschlechtsrollen-Zuschreiben nicht nur als etwas Erzwungenes, miefig Traditionelles auffassen, sondern auch als etwas, das sehr viel Vergnügen bereitet, wenn man es bewusst und freiwillig tut.

Update on Agrofuel

Es hat mich immer gewurmt, dass die Gewinnung von Treibstoffen aus Pflanzen so einen abstoßend niedrigen Umwandlungsgrad hat.

Ein Verfahren, das ich im Auge habe, und das ein großes Potential hat, heißt “hydrothermale Liquifizierung” von beliebigem organischem Material. Die dänischen Forscher von der Uni Aarhus schreiben (hier):

About 40 Mboe/day of bio-crude can be obtained from the liquefaction of 10 billion tons of agricultural residues, if a dry matter of 80 % and an oil yield of 30% is assumed, which means that almost half of today’s global consumption can be covered through efficient, sustainable production of biocrude.

Was bedeutet das?

Mit sparsamen Autos können wir perspektivisch auch ohne – oder in Ergänzung zu – Elektroautos klimaneutral herumfahren.

Probleme?

Landwirtschaftliche Abfälle sind niemals nur “Abfälle”, sondern haben immer auch irgendeine Funktion. Die in ihnen enthaltenen Mineralien, wie etwa Phosphor, müssen in den Boden zurückgelangen.

Es gibt kein Ei des Kolumbus, aber viele kleine Fortschritte…

Sonja Heller und Roman Stolyar im NK

Ich hatte Sehnsucht nach einer ehemaligen Mitbewohnerin von mir, die ich immer auf Butoh-Performances und anderen verrückten Veranstaltungen bewundert hatte. Über Facebook wusste ich von einem neuem Gig. Sie war immer in der Weltgeschichte herumgefahren, Chile, Brasilien, Russland,… für ihre Kunst.

Die Location war das NK, eine Ausstrahlung des Szenebezirks Kreuzberg nach Osten, ins billigere Treptow, ein verwunschener Ort in einem Hinterhof, wie soll es anders sein in einer Fabriketage. Hier ist noch nichts moderisiert. Lange Gänge. Wenig Leute bei Toröffnung. Gelassener Kassierer. eine Art Foyer mit kleinem Tresen, ein Kühlregal mit Bieren und Bionaden.

Ich wechsele ein paar Worte mit ihr, die mich im Umziehstress erst nicht erkannt hatte, sie klebt sich mit physiotherapeutischem Tape Kohlestifte an Knie und Ellenbogen. Sie ist klein, warmherzig und verbindlich, lebendig und impulsiv. Dann stellt sie mich ihrem Performance-Partner vor, Roman Stolyar, einem Russen aus Nowosibirsk. Er hat nackenlanges, lockiges dunkles Haar, das einmal schmissig ausgesehen haben muss, als er noch jung war, und das er selbstverständlich trägt. Er ist groß, hat ruhige dunkle Augen und liebt seine Musik und Menschen.

Roman Stolyar, spielend Inzwischen ist mehr Publikum gekommen. Die Sitze sind fast alle besetzt. Neben mir drei Amerikaner, eine junge Frau und Mann und ein älterer Mann, weißhaarig, schlank, mit einem weichen Gesicht. Die junge Frau stellt ihm irgendwas an seinem Smartphone ein, er wirkt unzufrieden deswegen. Weiter hinten ein aufgeklapptes Laptop, noch weiter hinten Kameras auf Stativen, mit Leuten dahinter.

Man unterhält sich noch, als Roman Stolyar sich beiläufig neben den Flügel stellt (- einem “Hölling & Spangenberg, aus Zeitz bei Leipzig”, wie überdeutlich auf der inneren Verstrebung zu lesen ist). Er greift sorgfältig, aber entschieden in den Kasten und bringt die kurzen Saitenstücke zum Klingen, die zwischen Auflage und Befestigungspunkt liegen – ein wundersamer, heller Klang. Dann ein samtiger Flötenton, gegen Ende absinkend gespielt und mit einem tonlosen Triller versetzt. Es macht dem Musiker sichtlich Vergnügen, seine Geräuschakzente zu setzen: Münzen zwischen die Saiten zu klemmen, die er anspielt, oder eine metallene Flöte darauf zu legen und so den gewohnten Pianoton kreativ zu brechen.

sonjahellerperformance150208 Sonja beginnt, sich zu bewegen. Sie hat sich in eine Tupperdose eine Klangelektronik eingebaut, mit allerlei Buchsen und Schaltern. Zwei Körperschallmikrophone nehmen das Kratzen und Schleifen und Tappen der Füße, der Hände, der Kohlestifte auf dem festen Papier, auf dem sie tanzt, auf und leiten es über die Lautsprecher an uns weiter. Konzentriert folgt sie Romans genau gesetzten Sequenzen (er spielt ebenso konzentriert, versunken-hellwach) ,  seinen schnell gespielten Ton-Trauben, setzt den trotz der Brechung immer noch klingenden, tonhaften Akkorden, Konsonanzen und Dissonanzen, dem arhythmischen Rhythmus, ihre Kratz-, Schab- und Reißgeräusche entgegen, ihre Bewegung und die Erschaffung eines wilden, spontanen Bildes aus grauen und schwarzen Linien und  Flächen, das als einziges Teilobjekt des Ensembles das Abebben der Zeit übersteht.

(Wenn man von den elektrischen Ladungsmustern absieht, die in den Speichern der Kameras ebenfalls flüchtig zurückbleiben.)

Eine Kombination von Eindrücken entfaltet sich: Klang, Geräusch, Bewegung, Bild, Mann, Frau, akustisches Instrument, elektronische Verfremdung, bildungsbürgerliches Piano, Gebrauch des Instruments als beliebiger Klangkörper, und gelegentlich scheint auch der Butoh-Tanz auf, mit dem Sonja Jahre verbrachte.

Ich verzichte danach auf die beiden nachfolgenden Gruppen. Nicht den einen Eindruck durch einen neuen überschreiben. Auch lieber noch sprechen mit ihnen.

http://www.facebook.com/zooid.art

https://myspace.com/romanstolyar

Über den Nutzen von “Ökostrom”

Darf ich mit meinem Stromverbrauch aasen, wenn ich Ökostrom beziehe?

Die intuitive Antwort lautet: Ja, denn “mein Strom erzeugt ja keine Emissionen”.

Die richtige Antwort lautet: Nein, denn jede kWh regenerativen Strom, die ich verbrauche, erhöht die fossile Stromerzeugung um genau diesen Anteil.

Wie das ????

Die meisten Stromkunden erhalten Strom aus gemischten Quellen. Und Strom aus regenerativen Quellen wird immer zu 100 % ins Netz eingespeist – mit ein paar seltenen Ausnahmen, wenn die lokale Netzstabilität gefährdet ist. Das heißt, dass jede kWh regenerativen Stroms, die ich abnehme, nicht zu einer erhöhten Produktion regenerativen Stroms führt, sondern den Stromkunden mit gemischtem Strom entzogen wird. Diese brauchen dafür einen Ausgleich, und der wird fossil erzeugt.

Das führt zu einer Klärung, worin eigentlich der Nutzen von Ökostromverträgen (zur Zeit noch) besteht: Da praktisch aller Wind- und Sonnenstrom ins Netz eingespeist wird, und über den Staat die Wirtschaftlichkeit in Deutschland weitgehend garantiert ist (EEG), haben Ökostromverträge einen minimalen Effekt in der Realität. Es sei denn, der Ökostromversorger nimmt höhere Preise und verwendet die Differenz für Investitionen in regenerative Energie.

Ein Ökostromvertrag ohne solche Investitionen bedeutet lediglich eine Umschichtung von Zahlungsströmen innerhalb des Versorgungsnetzes.

Five Broken Cameras

Sah “Five Broken Cameras” des palästinensischen Bauern Ermad Burnat, der zwischen 2005 und 2010 die Konflikte in seinem Dorf im Zusammenhang mit der Landnahme durch die israelischen Siedler gefilmt hat.

Ich war ziemlich bestürzt über die Willkürherrschaft, die man hier aus der Perspektive derer von unten zu sehen bekommt.

Durch eine eigentümliche Art von Hebelwirkung haben die Siedler Israel in der Hand und Israel die USA.

Sie kommen mit fast allem durch: Körperverletzung, Sachbeschädigung, Landnahme und – ich muss es sagen – Mord. Einer der Freunde des Bauern, eine positive, optimistische Persönlichkeit, wird während der häufigen Demonstrationen ohne ersichtlichen Grund erschossen. Eine furchtbare Szene.

Israel beschwert sich, dass der Westen mit zweierlei Maß messen würde und israelischen Regelverletzungen wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenke als arabischen. Das mag stimmen. Einen Anteil daran mag haben, dass auf einen israelischen zehn bis zwanzig arabische gewaltsame Todesfälle kommen – ein Verhältnis, das für Besatzungskriege typisch ist.

Aber diese besondere Aufmerksamkeit ist keine Benachteiligung, sondern eine Auszeichnung: es zeigt, dass wir Israel als zu uns, zum Westen, zugehörig ansehen, und entsprechend höhere Maßstäbe anlegen!

 

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