Die gute (?) alte Geschlechtsrollenzuschreibung

Man kann das Geschlechtsrollen-Zuschreiben nicht nur als etwas Erzwungenes, miefig Traditionelles auffassen, sondern auch als etwas, das sehr viel Vergnügen bereitet, wenn man es bewusst und freiwillig tut.

Update on Agrofuel

Es hat mich immer gewurmt, dass die Gewinnung von Treibstoffen aus Pflanzen so einen abstoßend niedrigen Umwandlungsgrad hat.

Ein Verfahren, das ich im Auge habe, und das ein großes Potential hat, heißt “hydrothermale Liquifizierung” von beliebigem organischem Material. Die dänischen Forscher von der Uni Aarhus schreiben (hier):

About 40 Mboe/day of bio-crude can be obtained from the liquefaction of 10 billion tons of agricultural residues, if a dry matter of 80 % and an oil yield of 30% is assumed, which means that almost half of today’s global consumption can be covered through efficient, sustainable production of biocrude.

Was bedeutet das?

Mit sparsamen Autos können wir perspektivisch auch ohne – oder in Ergänzung zu – Elektroautos klimaneutral herumfahren.

Probleme?

Landwirtschaftliche Abfälle sind niemals nur “Abfälle”, sondern haben immer auch irgendeine Funktion. Die in ihnen enthaltenen Mineralien, wie etwa Phosphor, müssen in den Boden zurückgelangen.

Es gibt kein Ei des Kolumbus, aber viele kleine Fortschritte…

Sonja Heller und Roman Stolyar im NK

Ich hatte Sehnsucht nach einer ehemaligen Mitbewohnerin von mir, die ich immer auf Butoh-Performances und anderen verrückten Veranstaltungen bewundert hatte. Über Facebook wusste ich von einem neuem Gig. Sie war immer in der Weltgeschichte herumgefahren, Chile, Brasilien, Russland,… für ihre Kunst.

Die Location war das NK, eine Ausstrahlung des Szenebezirks Kreuzberg nach Osten, ins billigere Treptow, ein verwunschener Ort in einem Hinterhof, wie soll es anders sein in einer Fabriketage. Hier ist noch nichts moderisiert. Lange Gänge. Wenig Leute bei Toröffnung. Gelassener Kassierer. eine Art Foyer mit kleinem Tresen, ein Kühlregal mit Bieren und Bionaden.

Ich wechsele ein paar Worte mit ihr, die mich im Umziehstress erst nicht erkannt hatte, sie klebt sich mit physiotherapeutischem Tape Kohlestifte an Knie und Ellenbogen. Sie ist klein, warmherzig und verbindlich, lebendig und impulsiv. Dann stellt sie mich ihrem Performance-Partner vor, Roman Stolyar, einem Russen aus Nowosibirsk. Er hat nackenlanges, lockiges dunkles Haar, das einmal schmissig ausgesehen haben muss, als er noch jung war, und das er selbstverständlich trägt. Er ist groß, hat ruhige dunkle Augen und liebt seine Musik und Menschen.

Roman Stolyar, spielend Inzwischen ist mehr Publikum gekommen. Die Sitze sind fast alle besetzt. Neben mir drei Amerikaner, eine junge Frau und Mann und ein älterer Mann, weißhaarig, schlank, mit einem weichen Gesicht. Die junge Frau stellt ihm irgendwas an seinem Smartphone ein, er wirkt unzufrieden deswegen. Weiter hinten ein aufgeklapptes Laptop, noch weiter hinten Kameras auf Stativen, mit Leuten dahinter.

Man unterhält sich noch, als Roman Stolyar sich beiläufig neben den Flügel stellt (- einem “Hölling & Spangenberg, aus Zeitz bei Leipzig”, wie überdeutlich auf der inneren Verstrebung zu lesen ist). Er greift sorgfältig, aber entschieden in den Kasten und bringt die kurzen Saitenstücke zum Klingen, die zwischen Auflage und Befestigungspunkt liegen – ein wundersamer, heller Klang. Dann ein samtiger Flötenton, gegen Ende absinkend gespielt und mit einem tonlosen Triller versetzt. Es macht dem Musiker sichtlich Vergnügen, seine Geräuschakzente zu setzen: Münzen zwischen die Saiten zu klemmen, die er anspielt, oder eine metallene Flöte darauf zu legen und so den gewohnten Pianoton kreativ zu brechen.

sonjahellerperformance150208 Sonja beginnt, sich zu bewegen. Sie hat sich in eine Tupperdose eine Klangelektronik eingebaut, mit allerlei Buchsen und Schaltern. Zwei Körperschallmikrophone nehmen das Kratzen und Schleifen und Tappen der Füße, der Hände, der Kohlestifte auf dem festen Papier, auf dem sie tanzt, auf und leiten es über die Lautsprecher an uns weiter. Konzentriert folgt sie Romans genau gesetzten Sequenzen (er spielt ebenso konzentriert, versunken-hellwach) ,  seinen schnell gespielten Ton-Trauben, setzt den trotz der Brechung immer noch klingenden, tonhaften Akkorden, Konsonanzen und Dissonanzen, dem arhythmischen Rhythmus, ihre Kratz-, Schab- und Reißgeräusche entgegen, ihre Bewegung und die Erschaffung eines wilden, spontanen Bildes aus grauen und schwarzen Linien und  Flächen, das als einziges Teilobjekt des Ensembles das Abebben der Zeit übersteht.

(Wenn man von den elektrischen Ladungsmustern absieht, die in den Speichern der Kameras ebenfalls flüchtig zurückbleiben.)

Eine Kombination von Eindrücken entfaltet sich: Klang, Geräusch, Bewegung, Bild, Mann, Frau, akustisches Instrument, elektronische Verfremdung, bildungsbürgerliches Piano, Gebrauch des Instruments als beliebiger Klangkörper, und gelegentlich scheint auch der Butoh-Tanz auf, mit dem Sonja Jahre verbrachte.

Ich verzichte danach auf die beiden nachfolgenden Gruppen. Nicht den einen Eindruck durch einen neuen überschreiben. Auch lieber noch sprechen mit ihnen.

http://www.facebook.com/zooid.art

https://myspace.com/romanstolyar

Über den Nutzen von “Ökostrom”

Darf ich mit meinem Stromverbrauch aasen, wenn ich Ökostrom beziehe?

Die intuitive Antwort lautet: Ja, denn “mein Strom erzeugt ja keine Emissionen”.

Die richtige Antwort lautet: Nein, denn jede kWh regenerativen Strom, die ich verbrauche, erhöht die fossile Stromerzeugung um genau diesen Anteil.

Wie das ????

Die meisten Stromkunden erhalten Strom aus gemischten Quellen. Und Strom aus regenerativen Quellen wird immer zu 100 % ins Netz eingespeist – mit ein paar seltenen Ausnahmen, wenn die lokale Netzstabilität gefährdet ist. Das heißt, dass jede kWh regenerativen Stroms, die ich abnehme, nicht zu einer erhöhten Produktion regenerativen Stroms führt, sondern den Stromkunden mit gemischtem Strom entzogen wird. Diese brauchen dafür einen Ausgleich, und der wird fossil erzeugt.

Das führt zu einer Klärung, worin eigentlich der Nutzen von Ökostromverträgen (zur Zeit noch) besteht: Da praktisch aller Wind- und Sonnenstrom ins Netz eingespeist wird, und über den Staat die Wirtschaftlichkeit in Deutschland weitgehend garantiert ist (EEG), haben Ökostromverträge einen minimalen Effekt in der Realität. Es sei denn, der Ökostromversorger nimmt höhere Preise und verwendet die Differenz für Investitionen in regenerative Energie.

Ein Ökostromvertrag ohne solche Investitionen bedeutet lediglich eine Umschichtung von Zahlungsströmen innerhalb des Versorgungsnetzes.

Five Broken Cameras

Sah “Five Broken Cameras” des palästinensischen Bauern Ermad Burnat, der zwischen 2005 und 2010 die Konflikte in seinem Dorf im Zusammenhang mit der Landnahme durch die israelischen Siedler gefilmt hat.

Ich war ziemlich bestürzt über die Willkürherrschaft, die man hier aus der Perspektive derer von unten zu sehen bekommt.

Durch eine eigentümliche Art von Hebelwirkung haben die Siedler Israel in der Hand und Israel die USA.

Sie kommen mit fast allem durch: Körperverletzung, Sachbeschädigung, Landnahme und – ich muss es sagen – Mord. Einer der Freunde des Bauern, eine positive, optimistische Persönlichkeit, wird während der häufigen Demonstrationen ohne ersichtlichen Grund erschossen. Eine furchtbare Szene.

Israel beschwert sich, dass der Westen mit zweierlei Maß messen würde und israelischen Regelverletzungen wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenke als arabischen. Das mag stimmen. Einen Anteil daran mag haben, dass auf einen israelischen zehn bis zwanzig arabische gewaltsame Todesfälle kommen – ein Verhältnis, das für Besatzungskriege typisch ist.

Aber diese besondere Aufmerksamkeit ist keine Benachteiligung, sondern eine Auszeichnung: es zeigt, dass wir Israel als zu uns, zum Westen, zugehörig ansehen, und entsprechend höhere Maßstäbe anlegen!

 

“Die Brüder Karamasow”, erster Eindruck

Dostojewski führt sich als Schwätzer ein, der sich über die Wandlungen der russischen Gesellschaft – hier durchaus verstanden im alten Sinne als die herrschende Klasse – auslässt und dem kein Detail zu nichtig ist, um nicht in einem Nebensatz erwähnt zu werden.

Aber er breitet eine Zoologie der menschlichen Charaktere aus, die er nicht psychologisch analysiert und schon gar nicht in Störungsklassen einteilt. Er lässt die Menschheit sein wie sie ist. Das finde ich entspannend.

Mit W. G. Sebald von Limone sul Garda nach Mailand

Las W.G. Sebald, “Schwindelgefühle”.

Vergnüglich, wie er mit naiv wirkender Unverfrorenheit von seinen Erlebnissen auf Reisen berichtet, so als sei alles, auch das kleinste Detail, unbedingt berichtenswert. Er ist dabei nicht von dieser Welt, überall Gast, Beobachter, Reisender eben, ohne Zorn, ohne ein drängenderes Ziel, als die Zeit um 1913 durch die Lektüre Veroneser Zeitungen dieses Jahres zu verstehen. Beneidenswert.

Er verbreitet einen geschwätzigen Nebel, aber dabei nicht unsympathisch. Immer wieder sieht er Skurriles, oder die Phantasie geht mit ihm durch und bricht heraus in Satire. Man steht sozusagen davor und weiß nicht, ob man mehr belustigt sein soll oder mehr mit fallengelassener Kinnlade staunen soll, was für Sorgen der Mann hat.

Er genießt es dabei, altertümliche oder abseitige Wörter zu benutzen, so wie zum Beispiel “Weichbild”, das “Weichbild Mailands” erscheint im Zugfenster. Ich konnte es nicht lassen, das nachzuschlagen (hier): “Weich” heißt Dorf, Ansiedlung (vicus, Weiher u.s.w.) und “Bild” Recht (engl. bill, Bulle, billig). Also “Rechtsgebiet” im Sinne von “Gebiet mit Stadtrecht”, dann nur noch gebraucht als “Stadtgebiet”. Wer hätte das gedacht?

Immer wieder das genau dokumentierte Detail, dessen Nutzlosigkeit durch die Genauigkeit seiner Dokumentation aufgewogen wird, nicht zu fassen.

Das geht quer zu jeder Erwartungshaltung.

Und dann nennt er den Espresso “Express”. Das werde ich übernehmen. Das ist gut.

Ein frischer Blick auf das Treibhaus

Im Economist wurde eine Untersuchung zu der Frage veröffentlicht, welche Maßnahmen in der Vergangenheit am meisten zur Dämpfung des Klimawandels beigetragen haben. (Quelle)

Die vier größten Punkte sind

  1. Die Minimierung des CFKW-Ausstoßes durch das Protokoll von Montreal. Das ist überraschend, aber CFKWs sind extrem wirksame Treibhausgase, so wirksam, dass die Vermeidung einer verhältnismäßig kleinen Menge von ihnen eine große Menge von CO2 – Emissionen aufwiegt.
  2. Wasserkraft. Es ist etwas unklar, ob der Zubau von Wasserkraft gemeint ist oder ihre Gesamtgröße.
  3. Kernkraft. Hier gilt die gleiche Unklarheit.
  4. Chinas Ein-Kind-Politik. Auch ein überraschender Punkt! Aber ganz logisch: weniger Menschen – weniger Emissionen. Geburtenkontrolle als absichtsvolle Politik scheint völlig aus der Mode geraten zu sein, seit die Geburtenraten weltweit zurückgehen.

Die Aufstellung ist mit mehr als einem Körnchen Salz zu genießen, aber sie zeigt, wie wichtig es ist, das ganze System im Blick zu behalten.

Blättern im Familienlexikon

Lese gerade “Familienlexikon” von Natalia Ginzburg, und ich muss viel lachen. Wie sie ihre Familie und all die Menschen beschreibt, mit denen sie gelebt hat! Alle erlauben sich Albernheiten und Widersprüche, und sie gibt sie wieder in einem naiv scheinenden Ton, beinahe trocken, nahezu ohne Wertung, aber man spürt das Vergnügen am unvollkommenen Menschen, ihre Lebenskraft.

Sie beschreibt Angewohnheiten und am meisten gefallen mir familiäre Redensarten, Sätze oder Geschichten, die oft wiederholt wurden und so ihre Funktion der Informationsübermittlung vollkommen verloren hatten, nur noch der Kontaktaufnahme und Stimmungsäußerung dienten. So wird das Leben in ihrer Familie lebendig für uns, man kann sich auch mal ein paar Dummheiten erlauben!

Über die Gegenwart

Dies sind Dinge, die man annehmen kann:

Die Vergangenheit ist nichts als Wissen über die Welt.

Die Zukunft ist nichts als Vermutung.

Die Gegenwart ist der Punkt zwischen Wissen und Vermutung.

Unentwegt verwandelt sich Vermutung in Wissen, um durch neue Vermutung ersetzt zu werden.

Im Bewusstsein zu leben, in die Vermutung hinein zu leben, hält wach, denn sie erfordert ständige Bereitschaft zum Eingriff.

Kein Mensch ist übrigens je in der Gegenwart: wir kennen nur die Vergangenheit, gerechnet von ca. einer halben Sekunde bis zum Beginn der Erinnerung.

Dies sich klar zu machen ist wunderlich und auch schön, denn es macht neugierig auf diese Gegenwart.

 

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