Etwas beenden

Der Raum war banal und trist. Durch die farbigen Butzenscheiben wurde das Licht des grauen Tages mehr draußen gehalten als hereingelassen.

Wir unterhielten uns über Erinnerungen an die, die nicht mehr da war.

Als wir hinaustraten atmete ich auf, das Leben öffnete sich wieder. Der graue Himmel wirkte hell und frisch, das Pflaster des Weges greifbar, wirklich und schön. Geräusche waren zu hören, Vögel auch.

Der Friedhofsdiener trug die Urne mit einer gemessenen, fast heiteren Routine, die wohltat. Ich erstaunte, als er sich vor der Öffnung im Erdboden verbeugte. Mich freute diese Repektsbezeugung, dieses überflüssige Ritual.

Bevor ich dann den Sand auf die Urne warf, in das ziemlich tiefe Loch, wog ich ihn mehrmals in der Hand , zerdrückte ihn mit dem Daumen. Ließ ihn dann nach und nach hineinrieseln.

Wir berieten dann noch, wie die Blumen und Zwiebeln am besten eingepflanzt werden sollten, die wir mitgebracht hatten. Der Sand, mit dem das Loch aufgefüllt worden war, schloss nicht nur das Loch im Erdboden, er vervollständigte auch in meinem Inneren etwas.

 

Heimatkunde

Werkzeug, Beton, Regen.

Kreuzberg, ehedem Arbeiter- und Fabrikbezirk, dann saniert, im Rahmen dessen Erinnerungen installiert, nach dem Motto: bedenke, das ist die Basis, der Grund auf dem alles hier geschieht.

In der Fabrik

Ich arbeite seit einigen Monaten in der Helpdeskbranche. Angestellt bei der einen Firma, befristet natürlich, ausgeliehen an eine Zweite und betreuend eine Dritte. Das Ganze für einen Hickser mehr als Mindestlohn – aber ich mach das jetzt.

Im Scherz sage ich morgens: „Ich gehe ins Werk.“, denn das ist fabrikmäßiges Arbeiten, in einem Fabrikgebäude, mit nüchterner, zweckmäßiger Einrichtung (immerhin sind einige Pflanzen in Aquakultur mit eingezirkelt worden), fabrikmäßigen Arbeitsplätzen, fabrikmäßigen Produktionszahlen und -Normen. In der Pause, die niemals alle „Arbeiter“ zugleich machen, sitzt man fast immer schweigend, einige über ihren Tablets spielend oder per Kopfhörer Musik hörend, einige ihr mitgebrachtes Essen in der Mikrowellen aufwärmend. An der Wand ein Firmenplakat mit gemachter Begeisterung drauf. Ein Gespräch ist schwer in Gang zu bringen, aber es findet sich immer wieder jemand, der froh ist, dass einer den Anfang macht, und den Faden dankbar aufnimmt und weiterspinnt.

Ich bin in der Pause fast immer draußen, laufe den Weg am Kanal entlang, der schnurgerade und in einem tiefen Einschnitt von Ost nach West führt – so etwas ähnliches wie Natur. Oder ich gehe ins Café, wo man mich schon kennt, weil ich immer dasselbe bestelle, eine Tasse Kakao, die wärmt und süß ist; es ist ein größerer Raum mit vielen Tischen, angenehm, selten voll, entspannt, eine Oase. Die Kellnerin scheut sich nicht, mit ihrem spitzbübischen, sehr selbstsicheren Eros zu spielen.

Die Arbeit ist noch anstrengend, weil noch oft Fälle auftreten bei denen ich nicht weiterweiß, oder weil die Gesprächspartner schlecht gelaunt sind. Letzteres ist zum Glück selten. Mit den Meisten kann man auch mal einen Scherz machen und bei einigen bin ich sogar erfreut und aufgebaut nach dem Gespräch. Langsam wächst die Kompetenz, Sicherheit und auch Routine. Das ist gut.

 

Die blaue Linie

Die blaue Linie ist die Spur des Füllers, die sich über Seite und Seite windet, und in dem Tagebuch getreulich Wort auf Wort, Gedanke auf Gedanke codiert, Ausdruck des Gescheh’nen, Ausdruck dessen, was mich bewegte, Kondensat und Echo des Lebens.

Obwohl ich weiß, wie vergeblich das Bemühen um sie ist, und wieviel dumme Eitelkeit in ihr steckt, kann ich doch nicht von ihr lassen. Wenn ich sie weiterführe, weiterzeichne, weitermale beruhige ich mich. Die diffusen Eindrücke des  Erlebten schärfen sich – manchmal auch zu sehr – und ich führe den Tag über das Gehäuse der Ideen mit mir wie ein unsichtbares Schneckenhaus, das mir Rast verspricht, aber auch eine Art Reichtum.

Fast nie bin ich mit meiner Schrift zufrieden, fast immer ist sie mir zu krakelig, oder zu schülerhaft, oder, oder… Jedoch freut es mich und schmeichelt mir, wenn es mir gelang, eine Unterscheidung treffend und poetisch zu fassen – fast ist es, als ob ich Dinge damit abschließe, vervollständige.

Ich weiß nicht, wie lange ich diese Gewohnheit noch durchhhalte, die ich öfter als eine Schlechte ansehe. Aber so lange ich dabei bleibe, wird sie mir ein stiller, sehr privater Genuss bleiben, der zu mir gehört und mein Leben vertieft.

Deutschland hat den Mund zu voll genommen (ein bischen)

Die Bundesregierung legt in jedem Jahr einen Monitoringbericht zur Energiewende vor, der die Entwicklung des Energieverbrauchs und der Emissionen in Deutschland darstellt. Wer Zahlen liebt, für den ist das ein Paradies(1). Zusätzlich haben vier professorale Energieexperten dazu eine Stellungnahme verfasst (2), deren Tenor im Wesentlichen dem Titel dieses Postings entspricht.

Auf fast allen Teilgebieten ist die Wahrscheinlichkeit, die bis 2020 gesetzten Ziele zu erreichen, nur mittel bis gering.

Als Beispiel hier eine Grafik für die meiner Meinung nach wichtigste Zielgröße, die Treibhausgasemissionen (3):

thg-emissionen-1990-2015

Es wurde durchaus etwas erreicht, aber das da rechts bei 2020 ist die Zielmarke, und das werden wir wohl nicht schaffen, besonders nicht bei dem langsamen Tempo seit 2008.

Eine weitere sehr interessante Grafik bieten die Treibhausgasemissionen je € Inlandsprodukt und je Nase der Bevölkerung:

thg-emissionen-pro-bip-und-nase

Wir emittieren für unseren Wohlstand je Einheit nur noch die Hälfte des Werts von 1990, aber pro Kopf liegen wir immer noch um die 11 t.

Das muss man in Beziehung setzen dazu, dass bei momentaner Emissionsrate die 50 % – Chance mit der Temperaturerhöhung unter 1,5 K zu bleiben, in 9 Jahren unterschritten ist, und die 50 % – 2 K – Chance in 27 Jahren (4). Und dazu, dass der Zielwert bei 2 t / Kopf und Jahr.

(1) http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/fuenfter-monitoring-bericht-energie-der-zukunft.html

(2) http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads/V/fuenfter-monitoring-bericht-energie-der-zukunft-stellungnahme-zusammenfassung.pdf

(3) Die Daten des Monitoringberichtes als Exceldatei

(4) https://www.carbonbrief.org/analysis-only-five-years-left-before-one-point-five-c-budget-is-blown

 

Mit dem Golfstrom spielen

Wie sehr interessiert uns, was in zwei- oder vierhundert Jahren passieren wird?

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Hypothetischer Zeitverlauf der Konvektionsströmung im Atlantik nach einer sprunghaften CO2-Verdopplung bei monostabiler (blau) und bistabiler AMOC (rot)(Quelle)

Ob zum Beispiel die Antlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC) zusammenbrechen wird oder nicht?

Wie sehr sind wir verbunden mit den Menschen, die dann leben werden, sechs oder zwölf Generationen entfernt?

Die AMOC ist der Konvektionsanteil des Golfstromsystems, der nicht vom Wind, sondern von Abkühlung des Wassers in der Arktis angetrieben wird. Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob sie bistabil ist oder nicht. Klar ist, dass die Klimaerwärmung sie schwächt. Wenn sie bistabil ist, gibt es einen Grad der Schwächung, ab dem sie fast völlig zusammenbricht (und auch bei einer Temperatursenkung nicht wieder anspränge). Dieses Zusammenbrechen findet auf einer Zeitskala von einigen hundert Jahren statt.

Wie Stefan Rahmstorf hier schreibt, mehren sich die Hinweise, dass die Zirkulation bistabil ist. Ein kleiner Unterschied in der Verdunstung und dem Niederschlags über den Ozeanen, verusacht einen großen Unterschied in der Meereströmung.

Dieser Unterschied in der Ursache ist so klein, dass er durch die bisherigen Messungen nicht entschieden werden kann. Er kann nur erschlossen werden dadurch, dass mit ihm die Simulationsergebnisse besser zu den Messdaten passen als ohne ihn.

Ein Beispiel dafür, wie vertrackt Klimawissenschaft ist und wie sträflich es wäre, die Mittel dafür zu streichen.

 

Feuerzangenbowle mit Nachgeschmack

Silvester bei Freunden kam die DVD mit Heiz Rühmanns „Feuerzangenbowle“ zum Einsatz.

Rühmann war Produzent und dominierender Hauptdarsteller. Man könnte meinen, dass er sich die Rolle hat auf den Leib schreiben lassen. Ein ähnliches Phänomen findet sich in jüngerer Zeit z.B. bei Til Schweiger, ist nicht so selten in der Filmgeschichte, führt aber leicht zu einem übergroßen – und dann auch sichtbaren – Ego.

Wie so oft, wenn man einen Film sehr lange nicht gesehen hat, konnte ich viele Szenen ganz neu sehen und genießen, sah Färbungen, die ich früher schlicht nicht wahrgenommen hatte, etwa wie der wütende, sprachlose vollbärtige Direktor seinen eiligen Tanz durch die leeren Schulgänge aufführt, bei dem er verzweifelt und dem Wahnsinn nahe eine Klassentür nach der Anderen öffnet, schon wissend, dass sich dahinter nur Leere finden wird.

Unter den Lehrern sehe ich zwei positive Antagonisten, den vergnügten, aber nicht respektierten Physiklehrer („de Dampfmaschin. Da stellen wa uns ma janz domm…“), und den strengen Geschichtslehrer, bei dem die Schüler geradezu militärisch auf Zack sind. Beide haben auf ihre Art ein gewisse innere Überlegenheit und Heiterkeit. Der Physiker beweist Witz, als er eine potemkinsche Baustelle in der Schule kreiert und so die Blamage wegen Pfeiffers Schild („Geschlossen wegen Baustelle“) abwendet. Er vertritt  die Menschenfreundlichkeit, der Andere Autorität und Macht, wenn auch gemildert durch Gerechtigkeit.

Der Film bekommt seinen Haut-Gout durch den Zeitpunkt, an dem er gemacht wurde, nämlich 1944. Die Niederlage war für jeden, der sehen wollte, schon absehbar. Die Verluste an Söhnen, Ehemännern, Brüdern und Vätern waren bereits schmerzlich spürbar. (Deren schlimme Taten waren noch halb im Verborgenen.) In dem ganzen Film kommt kein Soldat vor, kein Wehrdienst, keine Flagge. Wohl gibt es deutsch-patriotische Töne, die aber beziehen sich auf zutiefst friedliche und menschenfreundliche Erfolge, nämlich Justus von Liebigs Entwicklung der Kunstdüngung – ja, es wird sogar die Überlegenheit der friedlichen gegenüber der kriegerischen Großtat verkündet.

Dann Pfeiffer-Rühmanns Schlussrede, in der er alles als Phantasiegebilde offenbart, als süßen Traum, aus der Sehnsucht nach der heilen Welt geboren, die im Gegensatz zu einer offensichtlich ernsten Wirklichkeit steht. Und er spricht diese Schlussrede durch die Flammen der Feuerzangenbowle hindurch, die durchaus auch die Flammen symbolisieren könnten, die zu diesem Zeitpunkt bereits viele deutsche Städte verschlangen.