Kapitalrentensystem und Krise

In einem Beitrag meines alten Blogs bei Blogigo, der leider durch deren verdammte fehlerhafte Software nicht mehr sichtbar ist und den ich gelegentlich hier importieren möchte, schrieb ich, dass der Übergang zum Kapitalrentensystem ein Betrug ist, weil die dabei verfügbar werdenden Kapitalmassen nicht mehr zu dem Prozentsatz angelegt werden können, der versprochen wird. Ich hab’s damals etwas vorsichtiger formuliert, aber zugespitzt ist das der Inhalt.

Der Grund ist, dass eine Marktwirtschaft nicht beliebig viel Kapital pro Jahr aufnehmen kann, da es immer ein gewisses angenähertes Gleichgewicht von Konsum und Investition geben muss – jede Investition muss sich innerhalb einer begrenzten Zeitspanne und in einem begrenzten Marktsegment rentieren, d.h. in letzter Konsequenz zu Produkten für den Endverbraucher führen.1

Nun las ich den Gier-Leitartikel im neuen Spiegel (20/2009) und dabei tauchte ein neuer schädlicher Aspekt dieses Rentensystems auf, dieses Allheilmittels für Dummköpfe. Es könnte durchaus an der jetzigen großen Krise mitschuldig sein, und das geht so:

Wie man überall lesen kann, besteht das strukturelle Grundübel der modernen Weltwirtschaft in der übermäßig gewachsenen Geldmenge, und wie in besagtem Spiegelartikel ausgeführt ist, ist deren Ursache – neben der unkontrollierten Schöpfung von Buchgeld in der Finanzsphäre und einem Anwachsen der Menge der Kleinaktionäre – eben die Ausbreitung privater Pensionsfonds, also des Kapitalrentensystems. Das globale Geldvermögen ist in den letzten drei Jahrzehnten dreimal schneller als die Produktion gewachsen. Das Resultat ist, dass alle gesunden und gut rentierlichen Anlagemöglichkeiten mit Kapital abgesättigt sind und das übrige Kapital die Wahl zwischen der Scylla hochriskanter und der Charybdis niedrigverzinster Anlagen zu wählen hat. Wie die menschliche Natur so ist, wird ein Teil des Geldes also in erstere fließen, nach dem Motto: „Ich will nicht als Versager dastehen und es ist ja nicht mein Geld und es wird schon gut gehen.“ Das ist, kurz gesagt, was bei den „Subprime“-Krediten passiert ist.

Wenn man in die Details geht, taucht natürlich sofort das Rating-Desaster als Mitursache auf, d.h. die Tatsache, dass gebündelte Kredite krass überbewertet wurden und so Anleger zu Käufen bewegten, die sie normal nie getätigt hätten.

 Also waren die Rating-Agenturen schuld? Die Rating-Agenturen wurden von den Verkäufern bezahlt, waren also in einem klassischen Interessenkonflikt. Also war die Art des Rating-Systems schuld? Das kommt sicher dazu. Aber: wenn nicht so viel Geld im Markt wäre, hätten sich die Anleger gar nicht auf ein Gebiet vorwagen müssen, auf dem sie sich nicht auskannten und wären vielleicht niemals so abhängig von den Rating-Agenturen geworden!

Und als dann die Kredite einmal massenhaft zu platzen begonnen hatten, breitete sich die Krise  in Wellen der Zerstörung über den Globus aus und verursachte Schäden, die ein vielfaches der ursprünglichen, auslösenden Verluste im US – Einfamilienhausgeschäft betragen – letztlich nur eines Teils einer Branche in einem Land. Diese inhärente Instabilität des kapitalistischen Systems, d.h. seine Unfähigkeit, Störungen abzufangen, die eine gewisse Größe überschreiten, ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

1 In einer Planwirtschaft ist das anders, wie Stalins Industrialisierungprogramm gezeigt hat – aber unter welchen menschlichen Kosten!

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