Zu Gast bei Feinden oder die Banalität des Bösen

Die Taliban – schlimme Fanatiker,die ihr Land ins Mittelalter zurückbomben wollen – oder Befreiungsbewegung aufrechter, tugendhafter und religiöser Patrioten?

Eine Dokumentation, von einem afghanischen Journalisten gedreht, lässt uns 10 Tage mit einer ihrer Kampfgruppen mitgehen. Wir sehen ihre parallele Justizinfrastruktur, d.h. ein kleines Gefängnis, in dem zwei Männer ihr Urteil erwarten, die Beratung ihres Scharia-Gerichtes; wir sehen ihren Kommandeur, der entspannt und selbstsicher Verlautbarungen abgibt, die ein klein wenig an der Wahrheit vorbei gehen; wir sehen, wie die Gruppe an einer von Kundus kommenden Überlandstraße Militärfahrzeugen auflauert, um sie mit einem händigezündeten IED und RPG7 anzugreifen, und wie der Anschlag scheitert, weil die Kommunikation mit den Spähern nicht klappt; wir sehen Al Qaeda – Leute, die anscheinend scharfe Hunde sind und unseren Journalisten der Spionage bezichtigen, und wir sehen den Talibankommandeur diesen mit der Begründung des Gastrechtes unter seinen persönlichen Schutz stellen und nach Hause schicken. Wir sehen auch Patrouillen der offiziellen Polizei an just der Stelle des Hinterhalts, die standhaft beteuert, dass es keine Talibanaktivität gebe.

Was wir aber vor allem sehen, sind junge Männer, die freundlich sind, die entspannt sind, die ärgerlich und aufgebracht sind, die sich vor ihrem Kommandeur fürchten, die angeberisch sind, kurz – die ganz normal, menschlich und durchaus liebenswert sind bis auf die unbedeutende Tatsache, dass sie Leute umbringen wollen. Es sind Leute, von denen man einige sich sehr gut als Freunde vorstellen könnte.

Das ist der Krieg.

Ich meine den Krieg als Seinsform, als Wahrnehmungsform, als zeitweilige Existenzweise, die Individuen und Gruppen ergreift und Gründe finden lässt, zu töten. Dieselben Leute – ohne Talibanideologie – wären umgängliche Kerle, die sich für Fußball interessieren würden, für Händis, Autos, oder eine Familie gründen wollten.

Nach dem Film überlegte ich, wie dem wohl beizukommen sei und dachte an solche Sachen wie ununterbrochene, großflächige, teilautomatisierte optische Überwachung der Überlandstraßen mittels Drohnen, an das Abhören des von den Taliban wahrhaftig skandalös selbstverständlich benutzten Händinetzes und so fort, und schätzte, dass mit genügend Geld und Technik vielleicht einige der besagten jungen Leute bald tot wären. Und es täte mir leid. Das ist paradox, aber es ist so.

Deswegen finde ich den Ansatz, Taliban den Ausstieg zu ermöglichen, nicht  nur klug (, obwohl keineswegs ausgemacht ist, dass er funktionieren wird ), sondern auch menschlich.

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