Lesen als Konversation

Ein neues Erlebnis, das Lesen, bei Boris Cyrulniks “Warum die Liebe Wunden heilt” (der deutsche Titel ist ziemlich dröge, im Verhältnis zum französischen “Parler d’amour au bord du gouffre” – “Von Liebe sprechen am Rand des Abgrunds”). Auf dem Klappenfoto sieht man einen selbstsicheren, vergnügten Mann mit haarigen Unterarmen. Der Ton ist “französisch”, d.h. eine geistreiche Konversation, aber nicht hohl, sondern menschlich engagiert – es geht um “Resilienz”, die Fähigkeit eines Organismus, Schädigungen zu überwinden, und die Rolle, die Beziehungen dabei spielen, die Art des Gesprächs um die Situation, die Ressourcen und mehr. Cyrulnik nimmt uns mit auf seine Beobachtungen der Menschen, das sind die stärksten Teile des Buches, schildert Erlebnisse, verallgemeinert, referiert Literatur (das sind die schwächeren Abschnitte).

Beim Lesen höre ich spontan auf, den Text in meiner eigenen Stimme zu hören und beginne, mir Cyrulnik zu imaginieren, wie er vor mir steht oder sitzt und spricht, wie er seine Hände bewegt, Betonung in seine Stimme legt, versucht, sein Anliegen begreiflich zu machen.

Das ist etwas Neues, etwas Schönes. In der Lesetechnik hat man mir beigebracht, am besten gar keine Stimme zu hören, sondern die Begriffe nur optisch zu erfassen, weil das viel schneller geht. Wie scheußlich. Natürlich ist mein Cyrulnik ein selbstgemachter Cyrulnik, eine Re-Kreation, eine Re-Konstruktion aus den Informationen des Textes, des Fotos und meinen Erfahrungen – aber sie gibt dem Buch eine Seele, die es vorher nicht hatte.

Das ist eine Technik, man könnte sie “konversationelles Lesen” nennen. Durch das Foto und die Klappentextinformationen über den Autor wird sie erleichtert. Sie ist aufwändig – aber sie verändert alles Lesen auf eine positive Weise, dissoziiert einen leicht vom Text, stellt eine neue Art der Verbindung zu ihm her, eine kritische, wenn auch wohlwollende Distanz, verändert seinen Charakter von einem unpersönlichen Informationsfluss in eine persönliche Mitteilung von einem wirklichen Menschen.

Das ist natürlich noch keine Konversation, denn dazu gehörte der eigene Kommentar, die eigenen Fragen, die potentiell bleiben und vielleicht unbeantwortet. Ich habe dieses Wort nur gewählt, weil es die Atmosphäre charakterisiert, die durch die Technik entsteht.

Man kann das leicht auf das Musikhören übertragen. Musik nicht als bloßes Geschehen, das irgendwie die Stimmung verändert, sondern als Botschaft, als Gemeinschaft.

Auch das ist Resilienz – sich ein Stück weit der Welt zugehöriger fühlen.

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