Die Finanzsphäre als Regelsystem

Die Tobinsteuer muss her! Immerhin in einem Teil der europäischen Länder ist das schon fast zu einem Konsens geworden. Oder meinetwegen auch eine andere Variante von Transaktionssteuer.

Neulich sagte ein Finanzfachmann im Fernsehen, dass durch den computerisierten Aktienhandel heute innerhalb eines Tages Kursschwankungen auftreten, die es in dieser Größe früher in Wochen oder Monaten gab. Früher gab es Tage, an denen der Kurs einer Aktie schlicht gleichblieb, weil es keinen Grund gab, ihn zu ändern. Heute reagiert das System mehr und mehr auf sich selbst anstatt auf Änderungen seiner Grundlage, will sagen den Produktions- und Konsumstrukturen.

Heiner Flassbeck, seines Zeichens Direktor der Abteilung Globalisierung und Entwicklungsstrategien bei der UNCTAD, beklagt vehement, dass die Preise für Rohstoffe und Lebensmittel durch Spekulation erheblichen Schwankungen unterworfen sind, die sich nahezu unabhängig von Produktions- und Verbrauchsänderungen abspielen.

Es gibt ja die Auffassung, dass alles gut wird, wenn es für alles einen Markt gibt, und die ist ja auch sehr einleuchtend und plausibel. Danach strömt das Kapital in die Produktionszweige oder Firmen, die eine wachsende Absatzbasis haben, meidet die Gebiete mit Problemen und so fort – ein perfektes Regelsystem, mit dezentralisierten Akteuren, die ihren natürlichen Egoismus ausleben dürfen.

Wären da nicht die kleinen Schönheitsfehler der Realität:

Es lässt sich, zumindest für eine gewisse Zeit, aus dem finanziellen Verhalten der anderen Akteure mehr Gewinn machen als aus realen Investitionen, das gibt dann die Spekulationsblasen. Eine Basisinformation gibt vielleicht den Anstoß, etwa eine Knappheit an einem Rohstoff, und die Spekulation darauf, was die anderen damit machen bildet eine positive Rückkopplung und verstärkt den Effekt in der Finanzsphäre um ein Vielfaches. Der an und für sich erwünschte Finanzfluss fällt völlig übertrieben aus und schadet dem Ganzen, anstatt zu nützen.

Die Regelung ist zu sensibel, zu radikal, nicht gut dosiert, zu instabil. Wenn in der Technik die Ausschläge von etwas zu wild werden, baut man eine Dämpfung ein, und eine Transaktionssteuer wäre so etwas wie eine Dämpfung. Auch Dämpfungen müssen richtig bemessen sein, aber keine Dämpfung scheint auf jeden Fall zu wenig.

Dann gibt es noch das Komplexitätsproblem. Je komplexer ein Regelsystem wird, das aus einzelnen voneinander abhängigen Einheiten zusammengesetzt ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich Wellenbewegungen und andere Instabilitäten aufbauen. Gerade die Subprime-Krise kann man als Komplexitätskrise bezeichnen – die Akteure wussten nicht mehr, was sie taten.

Ein komplexes System ist effizienter als ein einfaches, wenn es funktioniert, aber anfälliger, wenn es nicht funktioniert. Es gibt hier eine Abwägung zwischen Stabilität und Effizienz, scheint mir, und mir scheint, dass das Optimum an Komplexität bereits überschritten ist.

Das wäre ein Fortschritt: positive Rückkopplung, Sensibilität und Komplexität als zu steuernde Größen des Marktes zu erkennen.

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