Neues vom Polareis

cryosat_kleinManchmal wird die Entwicklung der Forschung in einem Fachgebiet durch einen kleinen Fehler auf Jahre blockiert. Dies geschah, als im Jahre 2005 die russische Rockot-Trägerrakete mitsamt dem Satelliten Cryosat-1 wegen eines Softwarefehlers ins Polarmeer stürzte. Der Satellit hatte als einziges Messgerät einen sehr genauen Radar-Oberflächenerhöhungsmesser an Bord, mit dem die  exakte Vermessung der Eisoberfläche sowohl des polaren Festland- als auch des Meereises möglich gewesen wären. Seine Messungen hätten eine große Informationslücke über das polare Meereis geschlossen – oder zumindest erheblich verkleinert – , die seit Jahrzehnten besteht, nämlich die über den Wert seines Volumens.

Für die Fläche des polaren Meereises gibt es durch langjährige Satellitenüberwachung eine konsistente Datenreihe – für das wichtigere Volumen, in das das Eisdickenfeld eingeht, gibt es nur punktuelle Messungen durch Sonden, U-Boot-Sonardaten und Überflüge, die mit komplexen numerischen Simulationen zu einem konstruierten Dickenfeld interpoliert werden. Das momentan wichtigste dieser Modelle ist PIOMAS vom Polar Science Center der Universität Washington, dessen Ergebnisse ich am 7. August gepostet habe. Die Kurve sieht scheußlich aus und sagt, dass wir mit etwas Glück in drei, spätestens vier Jahren den ersten eisfreien Sommer im Nordpolarmeer feiern können. (Es ist mindestens ein weiters Modell in Entwicklung, PIPS vom Naval Reserch Laboratory, das solche Berechnungen durchführen kann, aber ich habe keine brauchbaren Ergebnisse davon gefunden.)

Die Simulationsrechnungen sind mit Satellitenmessungen verglichen worden, und zwar mit denen von IceSat in den Jahren 2003 – 2008, und die Übereinstimmung war ziemlich verdammt gut. Seitdem gibt es aber keine weiteren Überprüfungen. IceSat wurde im August deaktiviert. Die NASA will 2015 einen weiteren starten; seit 2008 haben wir nichts als PIOMAS mit einer dünneren Datenbasis, bewegen uns sozusagen auf dünnem Eis, um mal einen bitteren Scherz zu machen.

Die Folge davon ist, dass die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse nicht so hoch ist, wie sie sein sollte – ich meine, die Kurve ist wirklich alarmierend, aber niemand, d.h. keins der großen Medien, nimmt sie auch nur zur Kenntnis.

CryoSat hätte das Glaubwürdigkeitsproblem beseitigt.

Es ist bemerkenswert, dass die ESA nur vier Monate nach dem Desaster begann, einen neuen Satelliten zu bauen, der i.W. der alte ist mit einer Reihe Verbesserungen, und ihn im April 2010 – diesmal erfolgreich – in den Orbit schoss. Der Apparat durchlief ein Phase von Tests und Feineinstellungen, das sogenannte “Commissioning”, und was ich hier berichten will, ist, dass diese seit Ende Oktober beendet ist.

Das heißt, dass wir in einigen Wochen die ersten Veröffentlichungen zum Eisvolumen – die ersten Überprüfungen der Genauigkeit der Volumenberechnungen mit CrySat – Daten – zu erwarten haben.

Wir werden sehen, ob diese dann in den Medien ihren Widerhall finden.

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