Warum ich (beinahe) Oshoist bin

Ich lag im schönen warmen Badewasser, versuchte, den Schmerz und die Gestresstheit des Tages loszuwerden und hörte dabei vom Laptop einen Vortrag: “The vision of tantra”. Diese Lecture transportiert für mich exemplarisch den Geist dieses Mannes, der erst Chandra Mohan Jain hieß, dann Baghwan Shree Rajneesh, dann einfach Osho.

Ich muss sagen, dass ich anfangs durchaus ein wenig erschrocken war über eine gewisse Schärfe und Bestimmtheit in seiner Stimme, in der ich einen Willen zur Macht wahrnehme. Ich finde auch an seiner Rhetorik nicht alles uneingeschränkt toll. So benutzt er oft krasse, gut und böse gegeneinandersetzende Vereinfachungen der Art “die Gesellschaft hat euch verdorben um euch gefügig zu machen (implizit: aber hier findet ihr Befreiung davon), oder “euer Körper ist voller Blockaden” (woher weiß er das? Für viele mag das stimmen, aber…) Es gibt auch Tiraden von ihm, die man nicht anders als als haarsträubenden Unsinn bezeichnen kann. Aber es gibt eben auch jene klaren, luziden, inspirierenden Gedanken, von denen ich hier schreiben will.

osho wild s-w 400 338 Ein erster Gedanke aus der Lecture ist, dass es keinen Mittler, keinen Mittelmann zwischen uns und Gott gibt. Ein Meister ist bestenfalls ein Mittler zwischen unserer Bewusstheit und unserer Unbewusstheit.

Das heißt, dass jeder unmittelbaren Kontakt zu Gott hat (oder auch nicht). Dass mich dieser Gedanke inspiriert hat, wundert mich, da ich doch definitiv Atheist bin – und Osho mit seinem Hintergrund an indischen Religionen ein vom europäischen ziemlich verschiedenes Gottverständnis mitbekommen haben dürfte. Wenn man das so liest, kann man es schwer verstehen. Aber wenn man in einem meditativen Zustand das warme Wasser auf der Haut spürt, dann ist dieses warme Wasser, und es und sich dabei zu genießen, “Gott”, und dies ist unmittelbar, direkt erlebt.

Weiter sagt er, dass wir unser Körper s i n d.Zwar sind wir mehr als das, aber in der tantrischen Sicht verlassen wir diese Grundfläche niemals; alle höheren geistigen Zutaten, alles “höhere” Erleben, bauen bzw. baut darauf auf.

Da kann ich mitgehen. Für mich ist Leben zuerst Körperleben. Körperliches Genießen ist das intensivste, grundlegendste und erstrebenswerteste. Natürlich ist das Leben mindestens so viel soziales Leben wie es Körperleben ist. Die “tantrische Vision” ist keine komplette Lebensanweisung, das sieht man hier. Vielmehr ist sie eine Sichtweise i n n e r h a l b des gesamten Lebens.

Dann baut er uns auf: Unser Körper ist das größte Wunder von allen – er ist es viel mehr wert, bestaunt, genossen und bewundert zu werden als eine Blume, ein Baum, ein Kunstwerk.

Und das ist schön. Das ist keine Eitelkeit, das ist Wertgefühl, und Wertgefühl ist die Grundlage des Glücks. Diese Sicht ist in meinen Augen eine ungewöhnliche, seltene, aber notwendige.

Weiter Osho: Wenn du willst, dass irgendjemand deinen Körper liebt (und wer will das nicht), dann liebe zuerst du selbst deinen Körper. Wenn du das tust, erschaffst du eine Atmosphäre von Lebendigkeit und Akzeptanz um dich herum, die einfach anziehend wirkt.

Andersrum wird daraus auch ein Schuh. Wir wollen uns ja lieben. Wenn wir uns verleugnen, erzeugt das Leid und Leid erzeugt Aggression – und so können wir niemanden besonders lieben. Uns zu lieben fördert also auch unsere Liebe zu anderen.

Diese beiden Aspekte beschwören die Gefahr herauf, sich zu lieben nur als ein Mittel, eine weitere Anforderung an sich zu sehen – erstens um im Rattenrennen nach mehr Attraktivität vorne zu liegen und zweitens um die moralische Forderung, andere zu lieben, zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie Osho meinte, was er sagte, aber ich meine, dass sich und seinen Körper zu lieben zuerst und vor allem in sich selbst schön ist. Ich sehe die Beförderung des Geliebtwerdens durch andere und des Andere-Liebens nur als Vervollständigung einer wunderschönen Skizze, in der sich das Lieben, von einem Kern ausgehend ausbreitet.

Dann zur Lust, die beim Begriff “Tantra” nicht fehlen darf. “Tantra” ist bei Osho nicht eine besondere Art von Sex, sondern eine Art zu erleben, die sexuelle Lust bejaht und integriert. Er meint hier mit Lust etwas anderes als das, was passiert, wenn ein Mann sich Pornos im Internet anschaut. Er meint etwas anderes als die Lust, bei der man etwas erreichen will, zum Beispiel eine oder viele Frauen zu vögeln. Er meint die Bejahung aus ganzem Herzen aller Empfindungen und damit auch jenes süßen Gefühls, das in unseren Geschlechtsorganen lokalisiert, aber mit so vielen anderen Empfindungen verbunden ist – das ist die Bejahung der Lebendigkeit.

Jedenfalls aber ist die Vorstellung, dass der Fluss der körperlichgeistigen Bewegungen in uns leicht und ungehemmt ist eine schöne und erstrebenswerte.

In dieser “Vision des Tantra” taucht allerdings der Lebenskampf, der Kampf um Status, Attraktivität und Reichtum  – oder auch der um das bischen Geld zum Leben – nicht auf. Das Verfolgen äußerer Ziele in diesem Kampf zieht nahezu unvermeidlich das Vergessen und Vernachlässigen der Körperbewusstheit nach sich. Diese Vision hilft, dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, der uns umgibt und an dem wir teilnehmen, nicht völlig auf den Leim zu gehen. Es ist das Paradiesische in ihr, das ich schön finde, auch das Stille, das friedliche Engagement, das sie fordert und auch der unmittelbare Kontakt zum Schönen, der die Motivation geben kann, gegen das Hässliche in der Welt (und das meine ich nicht ästhetisch) anzugehen.

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