Das Klima und das Ich

Wir haben jetzt diese Konferenz in Durban, die nichts bringen wird für die, die den Klimawandel bremsen wollen (, denn vermeiden lässt er sich nicht mehr).

In der Zeitung ist zu lesen, die USA und China gehörten zu den größten Sündern, den größten Hemmern, die – mit unterschiedlichen Begründungen, aber demselben Effekt – den gutwilligen europäischen Vorreitern in die Zügel fielen. Das Wort “Sünder” wird ja heute mit einem zwinkernden Auge gebraucht, was ein Schlaglicht auf den ganzen Diskurs wirft.

Besonders die Deutschen kommen sich hier großartig vor. Fakt ist: Die global klimatisch verantwortbare Emission liegt zwischen 2 und 3 t CO2-Äquivalent pro Kopf und Jahr1. Wir emittierten 2010 – mit all unseren Windturbinen – 11,8 t. Das nur als Nebenbemerkung.

Dem “Ich” wird nun, um von der äußeren auf die innere Szene zu wechseln, die Funktion zugeschrieben, die ununterbrochen von innen auftauchenden lustsuchenden und unlustvermeidenden Impulse zu ordnen, zu bewerten und das Erreichen von schwierig zu erreichenden Zielen zu ermöglichen. (Oder umgekehrt: jener Subprozess in uns, das leistet, kann “Ich” genannt werden.)

Diese Leistung wird nicht nur durch den Erfolg selbst belohnt, sondern bereits früher durch das Gefühl der Achtung und des Stolzes. Das ist auch gesellschaftlich sinnvoll, denn Menschen, die diese Fähigkeit in erhöhtem Maße besitzen, sind für die Gemeinschaft äußerst wertvoll.

Was das klimatische Verhalten angeht, sind wir sehr stark durch die Gemeinschaft bestimmt: Wir tun, mit geringen Modifikationen, die unsere Individualität betonen sollen, was die anderen tun – oder was wir glauben, dass sie tun. Sollte das Ich den Vorsatz haben, sich der Kantschen Moral entsprechend klimatisch konservativ zu benehmen2, so muss es nicht nur die persönliche Lust an der an die Energienutzung gebundene Macht und Bequemlichkeit in Schach halten, sondern auch den Verdruss ertragen, dass fast alle anderen sich keinerlei Beschränkungen auferlegen.

Dieser letzte Punkt wird etwas neutralisiert, wenn das klimaweitsichtige Verhalten vom Gesetz erzwungen wird. Wir knirschen zwar immer noch mit den Zähnen, aber wenigstens fühlt sich keiner benachteiligt. In gewissem Sinne erfüllt die Regierung hier die Ichfunktion für die Gesellschaft.

Was aber für einen einzelnen Staat schon schwer genug ist, erweist sich für eine Runde vieler Staaten als unmöglich. In der verfassten Gemeinschaft, so sie demokratisch ist, läuft der Ichprozess von unten nach oben, konzentriert sich dort und breitet sich wieder nach unten aus. In einer losen Gemeinschaft mit Einstimmigkeitsprinzip kann das auch geschehen3 – aber sehr viel schwieriger. Die Widersprüche der einzelnen Bestandteile werden nicht überwunden, weil es keine Unterordnung unter die Mehrheitsmeinung gibt. Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Äußerste, was herauskommen kann.

Die Menschheit als Ganze verfügt also über kein Ich.


1Gewonnen aus der Gesamtemission 2010 von 960 Mio. t CO2-äqu. und der Bevölkerungszahl von 81 Mio.

2Niemand kann wollen, dass es ein allgemeines Gesetz werde, Kohle, Gas und Öl nach Herzenslust zu verbrennen.

3So geschehen bei der FCKW-Emissionsverminderung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s