Sandy: 8.244.872 Überlebende

Wir hören in den Nachrichten von 38 Toten die “Sandy” zugeschrieben werden. Es ist doch auffallend, dass diese und nicht die andere Information bekanntgegeben wird (die Zahl ist übrigens die Einwohnerzahl von New York Stadt minus 38). Natürlich hat das – auch – informationsökonomische Gründe: die Todesfälle sind das Besondere, die Abweichung, das Überleben hingegen die Norm. Aber es steckt eben noch dieser andere Aspekt dahinter, der Thrill, die Gier nach Dramatischem (solange man nicht selbst betroffen ist). Der angenehme Kitzel, von dem schon Goethe schrieb im Faust, Osterspaziergang, in dem ein braver Bürger gesteht:

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Man könnte auch eine andere Titelzeile hinsetzen:

Sandy: 10127 in der Nacht verhungert

Die sind natürlich nicht in den V.S.von A. verhungert, oder an Unterernährung gestorben, sondern ohne Ort und Namen irgendwo in Brasilien, im Sahel, auf dem Land in Indien. Aber die Zahl könnte stimmen, es sind ca. 20000 pro Tag, also in der Sandy-Nacht etwa die Hälfte. Auch hier ist es interessant, dass nicht diese, sondern die andere Information herumgeht. Auch hier gibt es den Aspekt der Informationsökonomie: das Verhungern “da unten” ist nichts besonderes, nichts neues. Aber auch hier gibt es diesen anderen unschmeichelhaften Aspekt des Interesses: Die Katastrophe in Amerika betrifft Menschen, die in der Welthierarchie, ich nenne es jetzt einmal so, ein wenig höher stehen. Damit wird, was dort passiert per se interessant. Das tägliche Verhungern passiert “unten”, nicht nur geographisch, sondern auch in der imaginären Sozialhierarchie der Menschheit, wie sie unbewusst im veröffentlichten Raum gepflegt wird, und wird damit als unbedeutend wahrgenommen.

Dieses Erbe bringen wir mit, so sind wir. Die Nachrichten verraten uns ebensoviel über uns wie über die Welt. Es hat keinen Sinn, sich dafür zu verurteilen. Aber wenn man die eigene Mechanik sieht, bekommt man plötzlich eine Wahl mehr.

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