Über “nachhaltiges Wachstum”

Was wächst? Das Sozialprodukt (SP)

Das ist: die Summe der Geldbewertung der Produkte und Dienstleistungen. Es gibt feine Unterschiede zwischen Netto- und Bruttosozialproduk in Bezug auf die Rolle der Steuern und anderem, die aber hier nicht wesentlich sind, deshalb nur “Sozialprodukt (SP)”

Es ist besser, nicht von “Produkten und Dienstleistungen”, sondern von “Transaktionen” zu sprechen. Bei einer Transaktion geschieht etwas zwischen Menschen und es gibt einen Geldaustausch. Dieser Begriff bildet die Flusshaftigkeit und die Vielfalt des Geschehens besser ab.

Man muss sich vorstellen, dass es eine gigantische gesellschaftliche Preisliste gibt, in der alle Transaktionen nach Kategorien verzeichnet sind.

Preise sind zeitlich und örtlich verschieden. Wenn wir also die Transaktionen nach Art, Raum und Zeit in Kategorien einteilen, wie “20 Minuten Physiotherapie 2013 in Deutschland” oder “1 Bio-Krustenbrot 2013 in Deutschland”, erhalten wir eine Streuung von Preisen um einen Mittelwert.

So ist das SP darstellbar als die Summe von Menge x Preis für alle Kategorien.

Wie wächst es? (ohne inflation)

  1. Zunahme der Arbeitszeitsumme.
  2. Zunahme der Wertschöpfung pro Arbeitsstunde, der Produktivität.

Produktivität kann man in zwei Bestandteile aufspalten:

  1. Die Mengenproduktivität. Bezieht sich auf mess- und zählbare Mengen: Stückzahlen und Materialmenge, die ausgestoßen oder bearbeitet wird.
  2. Die Wertproduktivität. Wenn sie wächst, wird bei gleichem Umsatz an Menge oder Masse das Produkt oder die Dienstleistung je Arbeitsstunde als wertvoller angesehen.

Brauchen wir überhaupt Wachstum?

Antwort: Im Prinzip Nein, aber … die Produktivität wächst. Wenn die Gesamtwertschöpfung gleich bleibt, sinkt die Arbeitszeitsumme. Da die Arbeitzeiten unflexibel sind werden mehr und mehr arbeitslos. Das ist das Problem.

Und was ist “nachhaltig”?

Der Begriff in der hier verwendeten Bedeutung ist eine etwas ungelenke Übersetzung des englischen “sustainable”. Eine treffendere, wenn auch unmöglich lange Übersetzung wäre “gleichmäßig anhaltend sein könnend”. Er wurde geprägt auf die Entwicklung der Welt als Ganze mit dem Fokus auf das Aufschließen der Dritten Welt und auf langfristiges Vorausschauen, d.h. eine bedachte und ressourcenschonende Weiterentwicklung. Er enthält auch den Aspekt der Risikominimierung und der Herausbildung entsprechender Institutionen. Siehe hier.

Ich mag eigentlich den Begriff “Entwicklung” im Zusammenhang mit dem Produktivitätsgefälle in der Welt nicht so, weil man damit einen sehr breiten Begriff für ein enges Ziel missbraucht: das Aufschließenlassen der armen Länder zu den reichen – das niemals ernst gemeint war.

Es ist klar, dass ein Prozess, der die vorhandenen Ressourcen so schnell wie möglich verbraucht und hohe Risiken in Form von Klimaänderungen anhäuft, nicht gleichmäßig anhaltend ist.

Wertproduktivität, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Preisliste

Das Besondere an der Wertproduktivität ist, dass die Struktur der gesellschaftlichen Preisliste mit einfließt. Das ist der Punkt, an dem man sich vom Mainstream-Denken etwas lösen muss, und weswegen ich all das hier schreibe.

Wenn ein Händi ein besseres Display bekommt oder ein Auto einen sparsameren Motor oder ein Arzt eine bessere Ausbildung sind das klare Fälle von erhöhter Wertproduktivität.

Es gibt aber einen weiteren Aspekt, der nicht so offensichtlich ist: die Verschiebung des Wertsystems in der Gesellschaft, ausgedrückt in Verschiebungen in der gesellschaftlichen Preisliste.

Ein Beispiel dafür sind die Bio-Lebensmittel. Im letzten Jahrzehnt waren mehr und mehr Menschen bereit, für Nahrungsmittel mehr Geld auszugeben. Obwohl bei der Umstellung auf Bioproduktion die Mengenproduktivität sogar sinkt, kann das Sozialprodukt wachsen, weil die Bewertung steigt.

Ähnliches gilt für regenerative Energienutzung. Hier ist die Wertentscheidung nicht als Summe massenhafter subjektiver Entscheidungen getroffen worden, sondern innerhalb eines kleinen Zirkels der Regierungskreise. Der Gesellschaft als ganzer war die regenerative Energie die Kosten wert, auch wenn der Einzelne vielleicht darüber gegrummelt hat.

Die Flexibilität der gesellschaftlichen Preisliste

Auch ein solcher nicht vom Markt der Einzelnen gebildeter Preis ist Ausdruck von Wertempfinden, nur eben der “volonté générale” , im Gegensatz zur “volonté de tous”, die dem “Marktwillen” entspricht.

Es ist letzhin deutlich geworden, dass der Markt nicht die letzte Autorität für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Dass er bestimmte Aufgaben der Gesellschaft nicht bewältigen kann ist ein Allgemeinplatz. Dazu kommt aber, dass er in höchstem Maße beeinflusst ist durch Moden, Stimmungen, Werbung, Kultur und Subkultur. Wie eine Schlange windet er sich bald hierhin, bald dorthin. Abgesehen von der Grundversorgung gibt es für ihn keine a-priori-Struktur, keine “natürliche” Vorentscheidung bei der Abwägung der verschiedenen Impulse nach Statuslust, Attraktivität, Gemeinsinn, Zerstreuung et c.. Sogar Gesundheit und Leben hat für verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten einen unterschiedlichen Stellenwert.

Die Werbung ist dabei nicht nur eine Lügnerin, die mir Genuss nur verspricht, denn zu einem gewissen Teil erfüllt sich das Versprechen selbst: wenn mir etwas als schön dargestellt wird, erlebe ich es oft auch als schön.

Wenn also uns Nachhaltigkeit wichtig wird, so wichtig, dass wir bereit sind, dafür Geld auszugeben, haben wir sofort unser “nachhaltiges Wachstum”.

Die gesellschaftliche Preisliste, das gesellschaftliche Wertsystem ausgedrückt in Preisen, ist das Schlüsselement zu nachhaltiger Weiterentwicklung – und wir haben es in unserer eigenen Hand.

Was hieße das konkreter?

Wir könnten folgenden Dingen einen höheren Preis zumessen:

Bildung, Kunst, Kinderbetreuung, Altenpflege, körperliche und mentale Gesundheitsfürsorge, rein biologische Nahrungsmittel und Rohstoffe, Treibhausgasemissionen, Landschaftsverbrauch, Rohstoffverbrauch.

Ein Gedanke zu “Über “nachhaltiges Wachstum”

  1. Ja, das ist wohl so, dass ein Nullwachstum bestenfalls ein frommer Wunsch sein kann, alleine schon auf Grund der Aufholbedürfnisse weiter Teile der Welt, die zur Zeit noch sehr arm sind. Deshalb ist es, das sehe ich genau wie du, besser wenn die Bemühungen dahin gehen die Qualität des Sozialproduktes zu verbessern – sei es durch umweltschonendere Produktion, sei es durch eine Änderung dessen was wir als wertvoll erachten.
    Ich finde deine Aufschlüsselung der einzelnen Begriffe sehr interessant, Gruß Kirsten

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