Ein Abend mit Brecht-Geschichte

Ein Abend bei der Vorstellung eines Buches: Werner Hechts “Die Mühen der Ebenen” – Brecht und die DDR”. So viel Vergangenheit. Sticheleien in der Elite-Ebene der DDR: Ein Funktionär der zweiten Reihe will dem Künstler vorschreiben, was er in seinem Lied nicht zu schreiben hat, nur um ihn ein wenig klein zu machen. Nur um seine Machtvollkommenheit zu spüren. Der Name des Funktionärs: Erich Honecker. Viele Briefe, Telegramme, Gespräche hin und her, bis zur höchsten Ebene. Kunst ist Sache der Staatsführung – wo gibt es das? Es geht nicht mehr um die Sache, nur noch um Durchsetzung. Man duzt sich, versichert sich der Treue zur gemeinsamen Sache. Dahinter versteckt sich das Machtgefälle. Es wäre besser, sich nicht zu duzen hier. Die sich selbst als Elite sehen, als Auserwählte, um die “noch unbewussten” Arbeiter in ihr eigenes Glück zu führen, sind sich ihres eigenen Machtwillens, ihres Egoismus’ vollkommen unbewusst. (Oder nicht?) Vom meditativen Standpunkt aus eine vollkommene Katastrophe.

Brecht ist das leuchtende Zentralgestirn von einst, längst erloschen, um das die Trabanten noch kreisen. Die Brechtforschung versucht, alle nur erdenklichen Informationen und Kombinationen zu den Gedanken und Taten des Meisters zusammenzustellen, um dieses Phänomens habhaft zu werden, um den Schatten der lebendigen Kraft von einst zu erhalten, einem Menschen näher zu kommen, als er es zu seinen Lebzeiten je gestattet hätte, oder notwendig gewesen wäre. Hierin unterscheidet sie sich nicht von der Forschung über einen beliebigen anderen Künstler. Was gilt der eigene Gedanke?

Im Osten also immerhin die Intention des Anstrebens einer Gesellschaft ohne Klassen, einer Gesellschaft, in der die Arbeitsteilung nicht zu einer Entwürdigung führt, wenn auch die Unterdrückung durch die Hintertür wieder hereingekommen war und sich desto widerwärtiger breitgemacht hatte..

Was im Westen? Die Herausbildung von Klassen war/ist für ihn etwas “Natürliches”, wenn er auch die Auswüchse der Unterdrückung im Zaum zu halten versteht. Klassenlosigkeit gibt es nicht einmal mehr als Utopie, aber immerhin scheint Durchlässigkeit, Auf- (und korrespondierender Ab-) stieg zwischen den Klassen mittlerweile ein allgemein anerkanntes Ziel zu sein. Auch die Verteilungsgerechtigkeit scheint ein weitgehend anerkanntes Ziel zu sein, ausgedrückt im Verhältnis der niedrigsten und höchsten Stundenlöhne. Das war früher nicht so. Also eine ehrliche Ungerechtigkeit? Scheint so.

Also kann man aus einem genauen, sezierenden Buch über das Scheitern etwas lernen? Unbedingt.

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