Variation über ein Thema

teleskopfoto mond

Nachtmond.

Als er am Ufer ging, ging ihm das Gespräch zu Hause durch den Kopf. Seine Haut kräuselte sich selbst unter dem Mantel und Pullover von der kalten Luft; nach langem milden Hebst war es endlich kalt geworden. Sie hatte ihn angeschnitten, angefahren, ein langes, tiefes Leid war aus ihrem Innern gekommen und hatte Worte geformt. Er hatte es nicht verstanden, wahrgenommen ja, aber nicht verstanden. Jetzt wurde auch er traurig. Er spürte, wie sein Gesicht zu einem traurigen Gesicht wurde, wie sich seine Lippen zusammenpressten, seine Brauen sich zusammenzogen, wie die Traurigkeit seine Brust erwärmte. Schmerz also, dachte er.

Er wechselte über die Brücke, deren Begrenzung aus dickem hellen Stein ihm so gut gefiel, ebenso wie die Art-Deko-Steinsäulen mit der Beleuchtung drauf, und stach in die sie fortsetzende Straße hinein, vorbei an stillen parkenden Autos, unter entlaubten Bäumen, neben der Felswand der Häuser. Gegenüber ein Päärchen. In Wirklichkeit waren die  Straßen und Wohnungen dadurch entstanden, dass man sie aus dem Ziegelboden ausgehoben und hineingekratzt hatte, Stollen hineingetrieben und  die Fensteröffnungen durchgebrochen hatte. Das war eine Lieblingsidee von ihm. Die Stadt als Höhlenstadt. Die Dachebene als die eigentliche Nullhöhe. Mit dem vollen Himmel darüber.

Je weiter er von zu Hause wegging, desto freier fühlte er sich, aber desto deutlicher sah er auch das unsichtbare Band, das ihn zurückzog. In einem Klub, den er kannte, trank er ein Bier aus der Flasche. Man spielte Rhythm & Blues von Polyvinylchloridplatten. Die Jungen waren alle aufgeregt und begeistert. Wenn man sie gefragt hätte, hätten sie vielleicht gar nicht sagen können, wovon sie aufgeregt und begeistert waren. Er liebte das. Er wurde selbst ein wenig aufgeregter und begeisterter. Er stand still da, mit seinem Bier, und genoss. Gehörte er dazu? Um ein Haar ja. Warum eigentlich nicht?? Er blieb lange, doch dann zahlte er bei der lebensfrohen jungen Frau am Tresen und ging. Er liebte sie. Die junge Frau. Die Anderen da. Wieder wurde ihm warm.

Zu Hause war es still. Alle waren schon im Bett. Auch das liebte er. Allein wach sein. Wach bleiben, bis er richtig müde geworden war, und dann alles  außer der Höhlung des Bettes mit gutem Gewissen vergaß.

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