rabiater Museumsbesuch

Cranach,_Lucas_(I)_-_Adam_u_Eva_-_Museum_der_bildenden_Künste_Leipzig(Dies ist kein wohldurchdachtes Urteil, sondern eine aus einer momentanen Stimmung heraus entstandene Reaktion.)

Museum der bildenden Künste Leipzig. Moderner Bau mit enorm hohen Räumen, drei Treppenhäusern und lichtdurchfluteten Freiflächen, hineingezwängt in die Enge der Innenstadt.

Begann mit den Niederländern aus dem Barock, und das war ein guter Beginn. Ländliche Szenen, in denen alle Details mit minuziöser Genauigkeit dargestellt sind, Seestücke, Nachtstücke, Kirchen-Innenansichten komplett mit Bauarbeitern, die Gruben gruben, Stücke mit Schlittschuhfahrern, Stillleben, Musizierende.

Ich liebte all diese Details. Die Wasserkräne, die den Leuten erlaubten, mit Hilfe eines Gegengewichtes die Eimer leichter hochhzuheben, die kleinen Vordächer. Zwei Bilder, die ich kannte: Franz Hals‘ „Mulatte“, erstaunlich nachgebräunt, mit Glanzlichtern vom Schweiß auf seinem Gesicht, und van Honthorsts „Lautenspielerin“ und „Geigenspieler“, wo er exquisit das Licht der Kerze eingefangen hat und das Glück der Jugend der Musiker.

Dazwischen hatte sich ein Tiepolo verirrt, ein heiliger Soldat, der mit umwerfender Eleganz getroffen war.

Dann die Italiener, und ich muss sagen, dass ich ziemlich verstimmt war davon, dass es durchweg religiöse Themen gab: Heilige, Kreuzigungen, Andächtigkeit, Glaube allerorten, es war nicht auszuhalten.

Ein paar Deutsche. Lucas Cranachs Adam und Eva sind auch exquisit. Solche jungen Leute könnten auch hier auf der Straße herumlaufen, schlank und heiter gestimmt. Aber oft bei den Deutschen stimmen die Proportionen nicht, die Körper sehen hölzern aus. Wieder unselige protzerische Triptychons und heilige Bilder komplett mit Stifterfamilie.

Das 19. Jahrhundert sieht generell eine Perfektionierung der Körperproportionen, der Perspektive, der Material- und Lichtdarstellung – und damit eine Angleichung im Realismus. Es kommen politische Bilder: Napoleon nach einer Niederlage, ein napoleonischer General wird zu Grabe getragen. Was immer geht ist die Schönheit der jungen Frau, meist bekleidet, das reizende Gesicht samt hübscher Frisur, der hübsch gekleidete und sich bewegende Leib. Das ist immerhin eine Emotion – das Begehren, gezähmt durch die Sitte. Ansonsten bringt die Perfektion interessanterweise Plattheit mit sich.

Die Beseeltheit, die die Niederländer noch oft hatten, sie weicht einer eigentümlichen Nüchternheit, einem Blick von der Höhe des Wissens und Könnens, der nicht weit von der Langeweile entfernt ist.

Mit dem Fortschreiten der Zeit sehe ich eine zunehmende Schwierigkeit, das Malen überhaupt noch zu rechtfertigen. Wo leuchtet etwas auf, ein Funke, der etwas transportiert? Bei Modersohns „Kate im Abendsonnenschein“, einem denkbar unscheinbaren Thema, aber dort ist es. Bei einigen Bildern von Liebermann, nicht bei allen, in seiner Manier der umrahmten Flächen, die das Abstrakte bereits in das Realistische einfließen lassen. Viel technisch perfekter Kitsch, wie „Lasset die Kinder zu mir kommen“.

Die Entwicklung führt weiter zur Schonungslosigkeit und zur Hässlichkeit. In Tuscheskizzen einer Frau kommt das Abstoßende aus dem Leben einiger Frauen: die langen Brüste im Alter, das Putzen für den Mann, das Elend in den Kojen der Auswandererschiffe.

Dann der Prachtkünstler Max Klinger, der dekorativ malt, aber mit kleinen Widerhaken, mit Elementen, die nicht zusammenpassen und nicht erklärbar sind, und uns so mit all seiner Pracht und Schönheit in Unruhe zurücklässt. Aber will man dafür seine Zeit verschwenden?

Neo Rauch mit seiner Motivfülle gehört dorthin – für mich sind das Qualbilder, aus denen man was raussehen kann, wenn man will, aber ich will nicht.

Die modernen Skulpturen und Bilder (in diesem Museum) zeichnen sich durch große Armut aus und interessierten mich nicht die Bohne, mit Ausnahme einiger zarter Zeichnungen, in denen das Subtile Oberhand gewann.

Noch von Interesse: Zeichnungen von Reisenden, Neapel, Amalfi, Afrika, Arabien. Was haben diese Leute gesehen? Wunder. Sie schätzten sich sehr glücklich.

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