Respekt aus Egoismus

Nachdenken über die Begründung von Einkommensunterschieden. Die Sache hat viele Aspekte; hier möchte ich in den der Achtung des Höhergestellten gedanklich einsteigen:

Wenn der Niedrigergestellte den Höhergestellten respektiert, so eröffnet er diesem Bewegungsraum und gibt ihm die psychische Kraft, seine Rolle gut auszufüllen. Dieses nützt ihm selbst, insofern der Erfolg der Gruppe gefördert wird. Ein Teil dieses Respektierens kann sein – muss aber nicht unbedingt – dass der Unter dem Ober ein größeres Stück am gemeinsam gebackenen Kuchen zugesteht. Auch dieses schafft dem Ober Bewegungsraum.

Der gute Chef, die gute Chefin, ist sich bewusst, dass der Respekt seiner/ihrer Leute verdient sein will. Er/sie fühlt sich ihnen verpflichtet und nicht seinen/ihren Geldgebern – oder nur insofern dieses notwendig für den Erfolg der Unternehmung und seiner Mitwirkenden ist.

Schräg wird die Sache, wenn sich die Wirkungsrichtung umkehrt, wenn der Ober also Respekt, Gehorsam und seinen Mehrverdienst als Pflicht des Unter einfordert. Er kann dies durch seine Machtstellung forcieren und durch ein „natürliches“ Bündnis mit den anderen Obern wird dieses Forcieren nahezu unangreifbar; das ist dann Marx‘ „Klasse an und für sich“, und zeigte sich über die Jahrtausende als Klassenkampf von oben.  Dabei wird ein elitistisches Weltbild in den Köpfen installiert, das das Aufkommen von Bewegungen erschwert, die die Struktur in Frage stellen können.

Diesem elitistischen Weltbild begegnen wir  – trotz aller Aufklärung, Revolutionen und Demokratisierung – immer noch an allen Ecken und Enden. Innerhalb des dadurch gegebenen Schutzraums können die Obern ungestraft über die Stränge schlagen, und das ist, was der Adel und auch das Großbürgertum seit Menschengedenken taten. Wie sich 1789 und auch 1917 zeigte, war das auf die Dauer doch nicht so ungestraft. Die Gegenbewegung konnte sich zu handlungsfähigen Kräften kondensieren und die elitistische Ordnung beseitigen – ohne dabei allerdings einen weisen Umgang mit dem Phänomen des Führens und sich-führen-Lassens zu finden.

Der Vorteil der Wahldemokratie ist, dass die Verankerung der Macht im freiwilligen Respekt der Geführten institutionell verankert ist. In einem riesigen Bereich der Gesellschaft, der Wirtschaft, ist dies nicht in dem Maße der Fall, auch wenn viele Führungskräfte die Verpflichtung gegenüber den Geführten spüren und sich bemühen, danach zu handeln. Die dort herrschende Ideologie ist eine, in der die Zufriedenheit der Mitwirkenden kein Wert in sich selbst ist, sondern ein Mittel zur Motivation, und diese wieder ein Mittel zur Kapitalverwertung. Die Herren des Kapitals sind durchdrungen von Elitegefühl, das durch die Spielregeln der Ordnung, aber nicht durch freiwilligen Respekt von Mitwirkenden getragen ist.