Eine Zugfahrt von Catania nach Berlin

Eine Zugreise kostet auch Zeit. Oder anders ausgedrückt: sie nimmt Zeit ein. Von Catania bis Berlin 31 Stunden, davon eine Nacht im Liegewagen. Aber diese Zeit ist nicht verloren. Sie gehört zur Reise dazu, die dadurch erst zu einer wird – und nicht mehr einer bloßen Teleportierung an den Ort des Strandkonsums gleicht. Die Verbindung zur Erde bleibt ständig erhalten; so erfährt man das Land, das man durchmisst.

Zugfahren ist teurer als Fliegen. Man beteiligt sich weniger am kostenlosen Weltverbrauch. Das spürt man auf dem Konto. Man kann das teuer nennen. Oder einfach nur angemessen.

Zugfahren bringt einen unter die Leute. Indem ich die lokalen Verkehrsmittel nutze, tauche ich tiefer in die Alltagskultur des fremden Landes ein, als wenn ich in einer Aluminiumkapsel herniedergeschwebt komme. Ich höre die Bahnhofsansagen, sehe die anderen Fahrgäste, kann mit ihnen ins Gespräch kommen.

Um 20:22 fuhr der Nachtzug von Catania ab. Das Abteil ist für vier Personen geräumig genug – die beiden oberen Betten lassen sich von der Wand herunterklappen. Ein frisches Leintuch entnimmt man der Schutzfolie und breitet es aus, das Kopfkissen bezieht man. Ein Sizilianer in meinem Alter voller Lebenserfahrung und Wärme und einer Mitte Dreißig mit seinem kleinen Sohn sind mit im Abteil. Der Vater liebt sein aufgewecktes Kind sichtlich. Die Schaffnerin kommt, eine lebendige, klare Frau um die Vierzig. Sie spricht mit offener, herzlicher Wärme mit dem Jungen. Sie wird morgens vor der Ankunft energisch an die Türen klopfen. Das Klopfen wird in den Traum eindringen; es wird einem das Bewusstsein einimpfen, dass man nun aktiv werden muss.

In Messina viel Rangieren und Warten im fahlen Licht des leeren Fährbahnhofs, dann sanftes Gleiten. Dann eine weißgestrichene Stahlwand mit Versteifungen, Kabeln und Hydraulikleitungen vor dem Fenster: man ist nun im Bauch der Fähre. Man verlässt den Zug und steigt zwei schmale, steile Treppen hoch auf das Passagierdeck. Das Schwarz der Nacht umgibt das Weiß des beleuchteten Schiffes, die Hafenanlagen und die orangenen Lichter Siziliens, die nach dem Ablegen als orangene Milchstraße zurückbleiben. Die ebenfalls orangenen Lichter Kalabriens nähern sich bald als ebensolcher Streifen vom Bug her. Angenehmer Wind, wie er der See nur angemessen ist, zaust den Reisenden in Böen.

Wieder an Land, muss der Zug, der für die Fähre aufgetrennt worden war, wieder zusammengekuppelt werden, was lang dauert. Der Deutsche ist an all dem interessiert und bleibt lange auf – endlich kriecht auch er auf die Polsterfläche und findet sogar Schlaf.

Eine Stunde in Rom. Während Catanias Architektur überbordend verspielt ist, ist Roms geschmackvoll, verfeinert, jedoch auch machtbewusst.

Der schönste Abschnitt kommt nach Rom: die toskanischen Hügel, die Felder und Häuser der Po – Ebene, die beginnenden Alpen. Der Zug ist schnell: in 4 1/2 Stunden ist man in Bozen.

Dann enge Täler, bei Innsbruck das weite Inntal mit Blick auf grüne Almen oben an den Bergen. Der österreichische Zugbegleiter sagt die Station Jenbach souverän auf deutsch, englisch und italienisch an.

Hiermit soll meine kleine Fahrtbeschreibung enden. Was im deutschen Streckenabschnitt passiert, mag der Leser sich selbst ausmalen. Nur so viel: wegen eines Problems mit der Technik schickte uns die deutsche Bahn auf Umwege.

Am nächsten Tag war ich angeregt, glücklich und auch ein wenig stolz. Die Fahrt war erschöpfend gewesen, aber die vielen Eindrücke haben mir die Heimkehr versüßt. Es hatte viele schöne Momente gegeben. Einer der Schönsten war, morgens im leeren Zugbistro zu sitzen, mit viel Raum um mich, einem Espresso und einem „Cornetto“ vor mir, und durch die Fenster links und rechts gleichzeitig die sonnige Landschaft vorbeiziehen zu sehen.

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