Der Wärmetod des Zinses

(Grafik: Die Zeit)

In der „Zeit“ wird über die Untersuchung von Paul Schmelzing von der Yale-Universität über die langfristige Abnahme des Kreditzinses berichtet.

Die niedrigen Zinsen laufen parallel zu einer anderen Entwicklung: das Produktivitätswachstum der OECD-Staaten ist nur noch kurz über Null.

Jährliches Wachstum der Arbeitsproduktivität in der OECD (Quelle)

Zinsen auf Kredite haben zwei Aspekte:

Auf der Kredit-Geberseite muss das Ausfallrisiko abgedeckt sein, während auf der Kredit-Nehmerseite die Zinsen erwirtschaftet werden können müssen. In einem sich schnell entwickelnden Markt mit hohem Produktivitätswachstum gibt es viele Gelegenheiten und Ungleichgewichte, die bei geringem bis mittleren Risiko das abwerfen, was Marx „Extraprofite“ nannte, Profite durch Ausnutzung einer technischen Überlegenheit. Mit diesen Extraprofiten können dann auch höhere Zinsen zurückgezahlt werden.

In einem reifen Markt, der sich langsam entwickelt und in dem produktive Technik weit verbreitet ist, sind Extraprofite knapp. In ihm sind technologische Entwicklungen teuer im Verhältnis zu dem, was sie an Extraprofit ermöglichen, weil die billigen Möglichkeiten bereits ausgeschöpft sind. Wissen und Technologie sind ziemlich gleichmäßig verbreitet.

Das Risiko/Zins-Verhältnis wächst dabei. Die letzte größere Gelegenheit für Anlagen mit „niedrigem Risiko/Zins-Verhältnis“ waren die vermischten Immobilienkreditpakete in den USA vor 2008 – wir wissen, wie das geendet hat.

Anders ausgedrückt: bei niedrigem Produktivitätswachstum in einer reifen Wirtschaft kann niemand den für hohe Zinsen nötigen Extraprofit erwirtschaften, weil die Gleichförmigkeit so groß ist. Der Zins ist ein Maß für den „Exergieinhalt“ des Marktes, seine Negentropie, d.h. die Konzentrationsmaxima für „Gelegenheit“. Diese Gelegenheitsmaxima verschwinden, es gibt immer mehr Entropie. Man kann nicht mehr mit wenig Information Gewinne machen, die nötige Information und damit das Aufwand/Gewinn-Verhältnis wächst mehr und mehr.

Der Zins stirbt, thermodynamisch gesprochen, den Wärmetod.

Ein Indiz für die zunehmende Knappheit an Gelegenheiten könnte das Aufkommen von „Big Data“ sein, d.h. das Vorhalten von Terabytes von Daten durch Firmen, die es sich leisten können und deren Auswertung durch den neuen Beruf des „Data Scientists“. Diese Leute suchen nach Profitgelegenheiten, die man ohne Computer einfach nicht mehr erkennen kann. Ähnliches kann in Bezug auf künstliche Intelligenz gesagt werden. Modelle ökonomischer Subsysteme durch menschliche Gehirne zu erstellen (Und welches System ist nicht auch ein solches?) ist dabei, teurer zu werden, als sie automatisch machen zu lassen. Wir versuchen, den letzten Tropfen Erkenntnis aus unseren Daten zu quetschen, mit dem geringstmöglichen Aufwand an menschlicher Arbeit.

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