Die müden Augen

Als ich die sommerabendliche Straße entlangging, mit meinem Eiskonus in der Hand – Erdbeere mit Mascarpone, etwas zu süß und etwas zu teuer – und über meine großen Vorhaben und kleinen Fähigkeiten nachdachte, sah ich den Mann, jung vielleicht Dreißig, schwarz gekleidet, Fetzen und Löcher, schräg, sich weiterschleppend, hinkend zum Steinerweichen. „Wir sind hier in Kreuzberg, wir lassen dich nicht verkommen.“ dachte etwas in mir. Doch als er mich dann ansprach, wurde es mir unangenehm. „Sicher sehe ich von Allen am weichsten und beeinflussbarsten aus.“ dachte ich. Sein Gesicht war schön: fein gezeichnet, jedoch matt von einer großen Müdigkeit, die Augen dunkel unterlaufen, der Nacken dunkel, wohl von einer Tätowierung. Wie es mir ginge, fragte er höflich und artikuliert (was für ein Witz!). Ich fragte zurück. Beschissen! Er habe große Schmerzen, sei nicht im Krankenhaus aufgenommen worden, (auf das Warum kam keine Antwort,) habe soundsoviele Nächte nicht geschlafen. Habe einen großen Herzenswunsch – effektvolle Pause, dramaturgische Steigerung, hoffentlich sagt er nicht: „Bei dir zu Hause unterzukommen.“ – Nein, er will am Ostbahnhof irgendwie ein Zimmer bekommen (Erleichterung), dort seien auch Ärzte für Leute wie ihn. Wie ich helfen könne? Wieder Effektpause, dann: er brauche Dreizehn Euro für das Zimmer. Dreizehn Euro, was ist das für eine seltsame Summe? Daran solle es nicht scheitern. Jedoch hatte ich nur größere Scheine. Ich ging in den Späti und wechselte. Gab ihm natürlich Fünfzehn.

Hat er mich jetzt über den Tisch gezogen, ausgenommen wie eine Weihnachtsgans? Ich sah mich misstrauisch um. Er schlurfte immer noch, ein Bein nachschleppend, beängstigend schräg, weiter. Hat Einer mir was vorgespielt? Wieviel Prozent seiner Geschichte, die mit einer doch nachträglich erkennbaren Routine erzählt war, sind wahr? Ich werde es nie erfahren. Die müden Augen haben mir ausgereicht.

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