Wachstum ohne Ressourcenzerstörung ist möglich

Ich sehe in den Diskussionsbeiträgen darüber oft das Problem, dass der Begriff „Wachstum“ nicht auseinandergenommen wird.

Ökonomisch ist das Sozialprodukt, auf das sich der Begriff bezieht, die Summe des in Geld ausgedrückten Wertempfindens der Menschen. Es enthält zunächst einmal keinerlei Information über Ressourcenverbrauch. Diese Information, dieser Zusammenhang entsteht erst über das praktische Wertempfinden der Menschen: Größere Wohnungen und Autos, weitere Flugreisen werden als wertvoller empfunden.

„Praktisches Wertempfinden“ deshalb, weil wir ja auch ein „theoretisches Wertempfinden“ haben, das sich in Sätzen wie: „Mehr Natur wäre besser. Mehr Ruhe wäre besser. Mehr Kultur wäre besser. Mehr Sport wäre besser…“ äußert, aber nicht richtig auf die Handlungsebene durchdringt. Es ist nicht ganz zufällig, dass diese Begriffsschöpfung an Kants „praktische Vernunft“ erinnert.

Das praktische Wertempfinden kann sich ändern und ändert sich auch: mehr Bio-Lebensmittel, geringerer Fleischkonsum, mehr Elektroautos, mehr Windstromgeneratoren &c. Es kann sich weiter ändern: mehr Inlandsreisen, weniger, aber sorgfältiger hergestellte und langlebigere Produkte usw. Auch das Bedürfnis nach einer Welt ohne Überflutungen, Waldbrände und Missernten gehört dazu, die sich in Wertschätzung für Energieeffizienz und Erneuerbare ausdrückt.

Wenn sich das praktische Wertempfinden ändert, ist ökonomisches Wachstum ohne Wachstum an Ressourcenverbrauch möglich; wie gesagt ist das Sozialprodukt ja nur eine Geldsumme, die per se nichts über die Energie- und Materialströme aussagt, die ihr zugrunde liegen.


Eine interessante Frage ist, ob unser praktisches Wertempfinden durch eine Art genetische feste Verdrahtung in unseren Hirnen an höheren Ressourcenverbrauch gekoppelt ist. Dafür spricht Vieles. Nicht nur das Klischee vom Mann, der ein dickes Auto „braucht“. Bequemlichkeit und eigener Raum um uns sind einfach angenehm. Macht über Energie- und Materialströme wird wohl evolutionär verankert in unserem System durch angenehme Gefühle belohnt.

Wenn das so ist, dann ist Ressourcenschonung so ähnlich wie auf Süßigkeiten zu verzichten: es macht nicht so viel Spaß, bewahrt aber die Zähne vor der völligen Zerrüttung.


Dieser Text erschien auch als Kommentar auf piq.de.

Siehe auch diesen Blog-Post über das gleiche Thema.

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