In der Fabrik

Ich arbeite seit einigen Monaten in der Helpdeskbranche. Angestellt bei der einen Firma, befristet natürlich, ausgeliehen an eine Zweite und betreuend eine Dritte. Das Ganze für einen Hickser mehr als Mindestlohn – aber ich mach das jetzt.

Im Scherz sage ich morgens: „Ich gehe ins Werk.“, denn das ist fabrikmäßiges Arbeiten, in einem Fabrikgebäude, mit nüchterner, zweckmäßiger Einrichtung (immerhin sind einige Pflanzen in Aquakultur mit eingezirkelt worden), fabrikmäßigen Arbeitsplätzen, fabrikmäßigen Produktionszahlen und -Normen. In der Pause, die niemals alle „Arbeiter“ zugleich machen, sitzt man fast immer schweigend, einige über ihren Tablets spielend oder per Kopfhörer Musik hörend, einige ihr mitgebrachtes Essen in der Mikrowellen aufwärmend. An der Wand ein Firmenplakat mit gemachter Begeisterung drauf. Ein Gespräch ist schwer in Gang zu bringen, aber es findet sich immer wieder jemand, der froh ist, dass einer den Anfang macht, und den Faden dankbar aufnimmt und weiterspinnt.

Ich bin in der Pause fast immer draußen, laufe den Weg am Kanal entlang, der schnurgerade und in einem tiefen Einschnitt von Ost nach West führt – so etwas ähnliches wie Natur. Oder ich gehe ins Café, wo man mich schon kennt, weil ich immer dasselbe bestelle, eine Tasse Kakao, die wärmt und süß ist; es ist ein größerer Raum mit vielen Tischen, angenehm, selten voll, entspannt, eine Oase. Die Kellnerin scheut sich nicht, mit ihrem spitzbübischen, sehr selbstsicheren Eros zu spielen.

Die Arbeit ist noch anstrengend, weil noch oft Fälle auftreten bei denen ich nicht weiterweiß, oder weil die Gesprächspartner schlecht gelaunt sind. Letzteres ist zum Glück selten. Mit den Meisten kann man auch mal einen Scherz machen und bei einigen bin ich sogar erfreut und aufgebaut nach dem Gespräch. Langsam wächst die Kompetenz, Sicherheit und auch Routine. Das ist gut.

 

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Sind Menschen, die für wenig Geld arbeiten, wirklich Helden?

In der veröffentlichten Meinung wird immer wieder über Menschen berichtet, die für sehr wenig Geld arbeiten, kaum über Hartz-4-Satz hinauskommen. Sie tun dies aus dem Bedürfnis, nützlich zu sein, aus Ehrgefühl heraus, oder weil ihnen sonst die Decke auf den Kopf fällt. Das ist alles o.k. im Unterton spürt man eine Mischung aus Mitleid und Achtung, auch, froh zu sein, nicht in diesem Dilemma zu stecken.

Für die meisten der in den Medien auftauchenden Wirtschaftswissenschaftler, gewöhnlicherweise mit fetten Salären versehen, sind sie die idealen Arbeiter, willig und aktiv, dafür sorgend dass der Laden effizient läuft.

Es gibt aber noch eine weitere Sichtweise: sie ruinieren ihresgleichen die Preise. Sie geben den Arbeitsplatzgebern das falsche Signal, nämlich, dass Löhne beliebig niedrig werden können. Das Gleiche gilt für die Kunden, die diese Arbeit abnehmen, z.B. eine Frisur oder eine Raumreinigung für einen Spottpreis bekommen – sie gewöhnen sich daran und denken, das sei ihr gutes Recht. Sie haben eine ähnliche Funktion wie Streikbrecher.

Recht ist etwas, das ausgehandelt wird, und sie schwächen ihre eigene Verhandlungsposition und die Ihresgleichen.

Die Neoliberalen tun so, als seien die Marktpreise und die Lohnhöhen gottgegeben. Aber das sind sie nicht. Lohnhöhen sind nicht entstanden aus Angebot und Nachfrage! Jedenfalls nicht ausschließlich und nicht einmal vorwiegend. Es gibt eine gesellschaftliche Preisliste für Arbeit, in der steht, was ein Arbeitender pro Stunde ungefähr verdienen sollte, und die ganz klar durch Hierarchievorstellungen geprägt ist. Und diese Preisliste ist weitgehend unbewusst, und wird durch Gewohnheit und Sprechweisen transportiert. Und sie ist veränderbar!

Deshalb ist der staatsverordnete flächendeckende Mindestlohn eine gute Sache, obwohl es besser wäre, wenn die gering-Verdienenden ihn selbst durch ihre Halsstarrigkeit durchsetzen würden.

Städtische Erinnerungen

48 Stunden Neukölln, das sind 48 Stunden Kunst, die bewacht sein will.

Damit kann man auch sein Geld verdienen, zumindest etwas. Die langen Stunden regten mich zur Reflexion an:

Kunst heute, das sind Träume, die mit viel Schweiß erarbeitet wurden. Nicht die Art von Träumen wie die von “Star Wars”, von der “Herr der Ringe”-Verfilmung oder “Avatar”, auch nicht die, die von Reiseprospekten oder Autowerbung angeregt werden, mehr die Art, wie sie jedem von uns nachts kommen, nur dass sie nicht flüchtig sind und nicht mehr nur individuell. Sie ist ein öffentliches Träumen, ein gesellschaftliches Träumen, in dem unbewusste und bewusste Verarbeitungsprozesse angeregt werden.

Kunst heute ist Verfremdung von Bekanntem, oder doch Banalem, Zusammenfassung von Ähnlichem und Unähnlichem wie die von Objekten und damit assoziierten Geschichten. Die Bearbeitung eines Themas wie “Erinnerungen”, mit dem jeder zu tun hat durch traumähnliches Assoziieren. Träume sind eine besondere Form von Erinnerungen.

Moderne reproduktive Vermittlungstechnik (“Medium”) wird viel verwendet: computermodifizierte Drucke, CDs, Videos, MP3-Abspieler, die an sich höchst unromantisch, höchst schematisch ist und das Vermittelte mit einem Eishauch überzieht.

Diese Kunst ist Kontemplation, nicht Aktion. Im Träumen ist sie für den Betrachter – nicht für den Erschaffer, für den sie harte Arbeit ist – Befreiung von der Arbeit. Sie ist ein Traum, der nicht aus einem kommt, wohl aber sich verbindet mit Dingen, die aus einem kommen, quasi einen Kristallisationskern für sie bietet. Wie der Traum ist auch diese Kunst mehrdeutig, spielhafte Verknüpfung von Formen; wie beim Traum gewinnt man Erkenntnis erst durch die Reflexion über sie.

Kunst, das ist hier auch Begegnungsraum. Staunen, sich wundern, beurteilen, aber nicht ganz allein, sondern in Gegenwart von Anderen, mit denen zusammen man im Gegenüber des Seltsamen, des Hervorgehobenen, für einen Moment zur Gruppe wird, zu einer Gemeinschaft nicht der sich- gegenseitig-Anschauenden, sondern der etwas-Außenstehendes- Betrachtenden. Aber auch im Hof sitzen, trinken und plaudern in der milden Abendluft.

Die Bewacher sind in der Nacht unter sich, allein mit der Kunst, die für sie zu Einrichtungsgegenständen ihres Nachtquartiers wird. Sie füllen die Zeit mit Gesprächen und Spielen, eine Zufallsgemeinschaft auf Zeit, wie in einem psychologischen Experiment zusammengewürfelt, die unterschiedlichsten Charaktere, freundlich sich abtastend, mehr oder weniger sympathisierend, mehr oder weniger relative Nähe erlaubend. Jedoch keiner ein etablierter Erfolgsmensch.

 

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Vitrine mit Bildern aus der “Trommel”, eines alten Neuköllner Schwulenlokals

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geliehene Mäntel mit deren Erinnerungen auf CD-Abspieler zu hören

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Tanzperformance aus statischen Bildern

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Die Bewachung im Zwielicht des frühen Morgens