Mitten auf der Kreuzung

Ich genieße den Anblick des regennassen Kopfsteinpflasters mit den verwitterten Bitumenresten dazwischen. Auch die Stadt ist verbunden mit dem Himmel, aus dem der Regen kam. Aus der Ferne kommt ein einzelnes Auto langsam.

Eine Sache, die wir vom Islam lernen können

Ein gläubiger Muslim betet mehrere Male am Tag („Salat“). Einige beten drei Mal, die meisten aber fünf Mal (Quelle).

Als Atheist kann ich natürlich nicht beten, aber ich kann meditieren, Autosuggestionen anwenden, Autogenes Training machen oder Ähnliches – wesentlich ist, dass ich mich für eine definierte Zeit aus dem Fluss der Interaktionen heraus nehme und bewusst nur für mich bin.

Man kann ein Gebet oder religiöses Ritual auch als Meditation auffassen, wenn man den Begriff weit fasst; es geht dabei vorrangig um meinen inneren Zustand, wobei die Gottesvorstellung als Hilfsmittel benutzt wird. Sehr viele Meditationstraditionen benutzen Hilfsmittel, sowohl Reale als auch Imaginierte.

Meine Übung besteht im Moment aus zwei Phasen von fünf Minuten. Zuerst versuche ich, Atem, Stimme, Bewegung und Gesichtsausdruck zu benutzen, um jede Emotion, die im Moment präsent ist, auszudrücken. (Diese ist angelehnt an die zweite Phase der „Dynamischen Meditation“ von Osho.) Danach sammle ich mich, nehme meine Kraft zusammen, erinnere mich an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen und denke noch mehr Gedanken in Richtung klarer Aktion, ebenfalls während ich mich bewege.

Meine Erfahrung damit, dieses mindestens drei Mal am Tag zu tun, ist sehr positiv. Negative Zustände von Enge oder Bedrücktheit vermindern sich sofort, und allein die Erfahrung, dass das möglich ist, geben mir nicht nur Motivation, sondern auch ein grundlegend besseres Weltgefühl.

Ich wünsche mir eine Arbeit, wo ich mindestens einmal, besser zweimal am Tag 10 Minuten in einem Raum für mich sein kann, um dieses zu tun.

Über Erzählungen

Grau in Wolken und Seele. Wieder die eigentümlich Morgenklarheit im Halbschlaf: „Der Erfolg winkt, wenn du ins Handeln gehst wider Bequemlichkeit, Unvertrautheit, Furcht, Abwertung, Misserfolgsmöglichkeit.“

Die Geschichte des Scheiterns kann eine ergreifende, tragische, hochromantische Geschichte sein, und eine Gegenerzählung, die eigentlich eine Für-Erzählung ist, kann dünn, zerfasert und unwahrscheinlich sein.

Nicht vergessen, dass ausnahmslos jede Erzählung willkürlich ist, dass es aber Elemente gibt, die nicht willkürlich sind. Erzählungen über einsame Weihnachtsabende zum Beispiel. Dass des Weiteren Erzählungen, die nur im eigenen Geist stattfinden, nicht nur besonders leicht ausgetauscht werden können, sondern auch leicht sind, flüchtig. Eine Erzählung ist quasi eine Themenwahl, und man kann andere Themen wählen. Aber sie kann auch tiefe, starke, schöne Gefühle hervorlocken, wenn sie im Gespräch und Handeln lebt.

Die tragische Erzählung ist eine Wahl, aber eine, die nicht in den luftleeren Raum hinein erfunden wurde: es gibt schon reale Formen, die relativ zu Anderen angenehm oder unangenehm sind. Die Erzählung bietet eine Art Fokussierungs- und Verstärkungsfaktor. Den weise einsetzen. Das muss man erstmal können! Immerhin ist das reale relativ-Schöne die Basis für eine schöne Erzählung.

Ein wenig Aprilnachmittag und ein wenig philosophieren über die Deckung

Fahre mit dem grazilen, flinken Rad über das Tempelhofer Feld, es ist leicht in meiner Hand und es trägt mich, es rollt mit mir, wohin ich will. Die unglaubliche Weite, ein Rückenwind, eine wärmende Aprilsonne, eine Feldlärche, die oben in der Luft steht und trillert, machen alles leicht.

Ich bin nicht auf dem Rückweg von der Arbeit, nein: ich bin mitten auf einer zehntausend-Kilometer-Radtour, ich erforsche neue Wege, ich schweife ab, erfüllt von Erwartung.

Da ist der Uferweg und all die verschiedenen Leute, die mir entgegenkommen oder am Rand sitzen und auf ganz verschiedene Weisen miteinander sprechen. Ich überhole einen Mann mit einem Buggy, in dem ein kleines Mädchen sitzt. Über dem Bügel vor ihr hängt eine Decke, so dass sie rundum Schutz um sich hat. Sie schaut glücklich aus ihrem Wagen und schleckt ein Eis.

Die Decke gibt ihr Deckung. Kennt ihr das Phänomen der Deckung auch? Man hat im Rücken etwas Großes: eine Wand oder ähnliches und vor sich einen Sichtschutz, der einem selbst aber erlaubt, draußen alles zu sehen, idealerweise noch ein Dach über sich.
Diese Konfiguration verursacht ein bestimmtes Behagen. Sie ist fast heilsam.

Das ist noch evolutionäres Erbe aus Jahrmillionen.

Tempelhofer Feld, aus der Deckung hinter dem Unterarm gesehen.

 

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In der Fabrik

Ich arbeite seit einigen Monaten in der Helpdeskbranche. Angestellt bei der einen Firma, befristet natürlich, ausgeliehen an eine Zweite und betreuend eine Dritte. Das Ganze für einen Hickser mehr als Mindestlohn – aber ich mach das jetzt.

Im Scherz sage ich morgens: „Ich gehe ins Werk.“, denn das ist fabrikmäßiges Arbeiten, in einem Fabrikgebäude, mit nüchterner, zweckmäßiger Einrichtung (immerhin sind einige Pflanzen in Aquakultur mit eingezirkelt worden), fabrikmäßigen Arbeitsplätzen, fabrikmäßigen Produktionszahlen und -Normen. In der Pause, die niemals alle „Arbeiter“ zugleich machen, sitzt man fast immer schweigend, einige über ihren Tablets spielend oder per Kopfhörer Musik hörend, einige ihr mitgebrachtes Essen in der Mikrowellen aufwärmend. An der Wand ein Firmenplakat mit gemachter Begeisterung drauf. Ein Gespräch ist schwer in Gang zu bringen, aber es findet sich immer wieder jemand, der froh ist, dass einer den Anfang macht, und den Faden dankbar aufnimmt und weiterspinnt.

Ich bin in der Pause fast immer draußen, laufe den Weg am Kanal entlang, der schnurgerade und in einem tiefen Einschnitt von Ost nach West führt – so etwas ähnliches wie Natur. Oder ich gehe ins Café, wo man mich schon kennt, weil ich immer dasselbe bestelle, eine Tasse Kakao, die wärmt und süß ist; es ist ein größerer Raum mit vielen Tischen, angenehm, selten voll, entspannt, eine Oase. Die Kellnerin scheut sich nicht, mit ihrem spitzbübischen, sehr selbstsicheren Eros zu spielen.

Die Arbeit ist noch anstrengend, weil noch oft Fälle auftreten bei denen ich nicht weiterweiß, oder weil die Gesprächspartner schlecht gelaunt sind. Letzteres ist zum Glück selten. Mit den Meisten kann man auch mal einen Scherz machen und bei einigen bin ich sogar erfreut und aufgebaut nach dem Gespräch. Langsam wächst die Kompetenz, Sicherheit und auch Routine. Das ist gut.