Wochenende

Habe jetzt ungefähr 115.000 Sekunden vor mir zum Verwenden, ha!!!

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Ein wenig Aprilnachmittag und ein wenig philosophieren über die Deckung

Fahre mit dem grazilen, flinken Rad über das Tempelhofer Feld, es ist leicht in meiner Hand und es trägt mich, es rollt mit mir, wohin ich will. Die unglaubliche Weite, ein Rückenwind, eine wärmende Aprilsonne, eine Feldlärche, die oben in der Luft steht und trillert, machen alles leicht.

Ich bin nicht auf dem Rückweg von der Arbeit, nein: ich bin mitten auf einer zehntausend-Kilometer-Radtour, ich erforsche neue Wege, ich schweife ab, erfüllt von Erwartung.

Da ist der Uferweg und all die verschiedenen Leute, die mir entgegenkommen oder am Rand sitzen und auf ganz verschiedene Weisen miteinander sprechen. Ich überhole einen Mann mit einem Buggy, in dem ein kleines Mädchen sitzt. Über dem Bügel vor ihr hängt eine Decke, so dass sie rundum Schutz um sich hat. Sie schaut glücklich aus ihrem Wagen und schleckt ein Eis.

Die Decke gibt ihr Deckung. Kennt ihr das Phänomen der Deckung auch? Man hat im Rücken etwas Großes: eine Wand oder ähnliches und vor sich einen Sichtschutz, der einem selbst aber erlaubt, draußen alles zu sehen, idealerweise noch ein Dach über sich.
Diese Konfiguration verursacht ein bestimmtes Behagen. Sie ist fast heilsam.

Das ist noch evolutionäres Erbe aus Jahrmillionen.

Tempelhofer Feld, aus der Deckung hinter dem Unterarm gesehen.

 

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In der Fabrik

Ich arbeite seit einigen Monaten in der Helpdeskbranche. Angestellt bei der einen Firma, befristet natürlich, ausgeliehen an eine Zweite und betreuend eine Dritte. Das Ganze für einen Hickser mehr als Mindestlohn – aber ich mach das jetzt.

Im Scherz sage ich morgens: „Ich gehe ins Werk.“, denn das ist fabrikmäßiges Arbeiten, in einem Fabrikgebäude, mit nüchterner, zweckmäßiger Einrichtung (immerhin sind einige Pflanzen in Aquakultur mit eingezirkelt worden), fabrikmäßigen Arbeitsplätzen, fabrikmäßigen Produktionszahlen und -Normen. In der Pause, die niemals alle „Arbeiter“ zugleich machen, sitzt man fast immer schweigend, einige über ihren Tablets spielend oder per Kopfhörer Musik hörend, einige ihr mitgebrachtes Essen in der Mikrowellen aufwärmend. An der Wand ein Firmenplakat mit gemachter Begeisterung drauf. Ein Gespräch ist schwer in Gang zu bringen, aber es findet sich immer wieder jemand, der froh ist, dass einer den Anfang macht, und den Faden dankbar aufnimmt und weiterspinnt.

Ich bin in der Pause fast immer draußen, laufe den Weg am Kanal entlang, der schnurgerade und in einem tiefen Einschnitt von Ost nach West führt – so etwas ähnliches wie Natur. Oder ich gehe ins Café, wo man mich schon kennt, weil ich immer dasselbe bestelle, eine Tasse Kakao, die wärmt und süß ist; es ist ein größerer Raum mit vielen Tischen, angenehm, selten voll, entspannt, eine Oase. Die Kellnerin scheut sich nicht, mit ihrem spitzbübischen, sehr selbstsicheren Eros zu spielen.

Die Arbeit ist noch anstrengend, weil noch oft Fälle auftreten bei denen ich nicht weiterweiß, oder weil die Gesprächspartner schlecht gelaunt sind. Letzteres ist zum Glück selten. Mit den Meisten kann man auch mal einen Scherz machen und bei einigen bin ich sogar erfreut und aufgebaut nach dem Gespräch. Langsam wächst die Kompetenz, Sicherheit und auch Routine. Das ist gut.

 

worry be happy

Die Freunde wünschen einem, eine schöne Zeit zu verleben.

Wie wir alle wissen, gelingt das nicht immer perfekt.

Was Andere einem wünschen mag schön sein und aus Liebe kommen, aber in letzter Konsequenz gehört es zu ihnen.

Sei so schlecht drauf wie du willst!

Eine von den heilsamen Paradoxien.

 

Sei so (schlecht | gut | mittel | alles zusammen | nichts davon) drauf wie du willst!

 

Dachgedanken

dach P250516_1157 schmaler StreifenGehe auf’s Dach, mit dem Tee und der grünen flauschigen Decke. Setze mich an meinen Platz auf der niedrigen Mauer, die Decke wegen des Windes am Hals fest zugehalten. Die Weite und Farben überraschen mich wieder, wie jedes Mal, und das Licht. Der Himmel ist grau, aber er leuchtet sehr hell, eigentlich ist er weiß. Das Zinkblech der Mauerkrone und der gelochten Dacheinfassung strahlt bläulich. Die Sukkulenten sind von einem fleckigen Rostrot. Ein Windstoß streicht über das strohgelbe Hafergras dazwischen und erzeugt eine Welle darin, die sich in meinem Geist wiederholt. Die atemberaubenden Abhänge der Dachschrägen sind ziegelrot, gebleicht durch das Weiß des Himmels, wie auch das tiefe Grün der Pappelreihe am Kanal. Stadtrauschen, die Vögel zwitschern, Kinderstimmen vom Kindergarten. Eine Krähe arbeitet sich gegen den Wind heran, fliegt einen Kreis über mir und krächzt ein Mal. Vielleicht hat sie mich gesehen, einen potentiellen Feind. Eine Andere antwortet.

Ein grundlegendes Wunder

M lag morgendlich im Bett, gerade aus dem Traum gekommen,  und dachte bei sich: Jetzt will ich mich doch einmal bewegen! Aber nichts geschah, sein Körper blieb reglos wohlig liegend. Dann antizipierte er das Bewegen seiner Füße in der Vorstellung und aktivierte einen unnennbaren, aber doch jedem bekannten, Informationskanal in sich, und seine Füße bewegten sich. Da gab es diese Lücke zwischen Denken und Handeln, diesen Bereich des Dunkels. Über einen unsichtbaren Abgrund zwischen sich-Vorstellen und Bewegen führt eine unsichtbare Brücke. Vor dem körperlichen Bewegen geht der Geist an eine innere Stelle ohne Namen und ohne Form, die die Bewegung einleitet.

M fand Spaß an dem Spiel. Jetzt will ich mich ein wenig herumwälzen, dachte er, wartete einen kleinen Moment, bevor er die Information in die Realität schickte und sich genüsslich herumwälzte.

Dann fand M etwas Neues: er ließ seinen Körper sich bewegen, ohne etwas zu antizipieren, er ließ ihn frei, überließ ihn seinen spontanen Fluktuationen.

M erinnerte sich, wie er sich dabei zusehen konnte, Dinge automatisch zu tun (oh, wieviel tun wir automatisch!) Er war dann dankbar für die Automatik; sie entlastete ihn – er konnte etwas tun, und innerlich ruhig bleiben, fast sorglos.

Das ist doch eine seltsame Sache, sagte M sich.

Mozarts Mantren

Heute mal von Mozart wecken lassen (Junior, Flötenkonzert).

Mir fiel eine eigentümliche Monotonie auf. Da sind auf einer Plattenseite vielleicht hundert Mal Dominante – Tonika – Harmonien drin, das heißt hundert Mal Spannung – Auflösung. Das ist wie eine beruhigende Stimme, wie ein Indoktrination: Welche Unruhe auch kommt, sie wird sich  wieder auflösen. Wie die Stimme der Mutter: Es wird gut. Natürlich allerhand melodische Verzierungen dabei, die aber nur Beiwerk bleiben zu diesem Mantra.

Diese Weltsicht kann ich gerade gut brauchen.