State of the globe: Bevölkerungswachstum und Verhütungsmittel, Nachtrag

Die geschätzte jährliche Zahl der ungeplanten Schwangerschaften (87 Millionen, Quelle) ist höher als der Geburtenüberschuss der Weltbevölkerung (ca. 70 Millionen).

Die Zahl der Frauen, die zu geringen Zugang zu Verhütungsmitteln und Beratung haben, ist etwa drei mal so hoch. (siehe auch meinen früheren Post hier).

Dies zeigt die immense Bedeutung, die dieses Thema hat – nicht nur für jedes einzelne Paar, das weniger, dafür besser ernährte und ausgebildete Kinder aufzieht, sondern auch für das ganze Land, den ganzen Globus.

Der Guardian hat diesem Thema eine Reihe von Artikeln gewidmet. Hier kann man die Steigerung der Verhütungsmittelverwendung in verschiedenen Ländern und Erdteilen verfolgen, und hier, wie die Informationsverbreitung über Friseursalons funktioniert.

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Regenerative Energie: unbekannte Champions

In 2015 investierten die weniger entwickelten Länder (unter Einschluss von China, Indien und Brasilien) mehr in regenerative Energiegewinnung als die entwickelten. Das steht in einer Studie von REN21.net, die ich von hier zitiere.

Sie investieren nicht nur mehr als wir, sondern viele Länder, an die ich in der Beziehung nicht dachte, sind bereits ziemlich weit fortgeschritten.

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Ausbaurate der Photovoltaik in Deutschland (Quelle)

In Deutschland ist man es gewohnt, sich wegen der regenerativen Energien auf die Schulter zu klopfen, aber das entbehrt weitgehend der Grundlage. Nicht nur, dass etwa der jährliche Ausbau der Photovoltaik auf dem Stand von 2006 ist:

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Fossile Kraftwerkskapazität (ohne Kernenergie) (Quelle)

Dazu kommt, dass die fossile Kraftwerkskapazität aller Energiewende zum Trotze einen stetigen Zuwachs erfuhr und sogar die Kohlekraft nach einem Abbau in 2011 wieder zunahm:

anteil_reg_en_europa_2014Auch im europäischen Vergleich stehen wir ziemlich mickrich da – 16 Länder liegen da noch vor uns: (Quelle)

 

Noch interessanter wird es, wenn man sich die Liste der Länder mit den höchsten Anteilen an regenerativer Energie auf der Welt anschaut.
In dieser Liste befindet sich Deutschland an 115ter Stelle. Ich nenne nur die ersten 10: Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Mozambique, Tansania, Sambia, Nigeria, Nepal, Haiti, Eritrea, Myanmar. Das erste „reiche“ Land ist Island an Stelle 12 und Norwegen an Stelle 23.

Auffallend ist dabei, dass viele „arme“ Länder sehr hohe regenerative Anteile haben, während die „reichen“ generell im 10 – 15 % – Bereich herumtümpeln.Natürlich ist dort oft ein hoher Anteil an Wasserkraft enthalten. Dabei kommt zum Tragen, dass die absolute Leistung, die über Wasserkraft gewonnen werden kann, von den geographischen Gegebenheiten abhängt und in erster Näherung proportional zur Fläche ist. (Dies trifft auch für Sonnenstrom, Wind und Biomasse zu.) Bei niedrigem absoluten Leistungsbedarf einer Region ist dann der relative Anteil der Wasserkraft sehr hoch. Man kann direkt eine Gleichung

arm  =   niedriger Energieumsatz = hoher Anteil an regenerativer Energie

aufstellen. Das zeigt in welche Richtung wir uns in den reichen Ländern bewegen müssen. Der Ausbau der regenerativen Energiegewinnung wird nicht reichen – der Gesamt-Energieumsatz muss auch sinken.

Und dazu brauchen wir ein funktionierendes Emissionszertifikatesystem.

Leben in einer egalitären, klimaneutralen Gesellschaft

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Cuba aus dem All (Quelle)

Dass die Treibhausgas-(THG-)Emissionen durch das Aufholen der ärmeren Länder in Bezug auf Konsum ansteigen, ist eine Binsenweisheit. (Über das Wachsen der Weltbevölkerung wollen wir hier nicht reden.)

Würde aber eine Gleichverteilung des Einkommens in der Welt ohne Anhebung der Summe einen Anstieg der Treibhausgasemissionen bewirken? Die hier verlinkte Studie sagt: Nein, da die Emissionen pro Kopf nahezu proportional zum Einkommen seien, würden wir in einer gleichreichen, vollkommen egalitären Welt gerade ebensoviel pro Kopf emittieren.

Wenn das Einkommen der reichsten 1 % gleichmäßig auf den Rest verteilt würde, hätte jeder 100 € mehr im Monat. Interessant. Für einen gutverdienenden Mitteleuropäer nicht so viel, aber für die meisten Anderen ein echter Sprung…

Ist eine Gesellschaft mit hoher Lebenserwartung, hohem Bildungsgrad und geringer Einkommensspreizung, bei gleichzeitig niedriger THG-Emission und Rohstoffverbrauch, möglich? Hier gibt die Studie eine interessante Antwort: Eine solche Gesellschaft gibt es bereits, nämlich die von Kuba. Die Lebenserwartung und Anzahl von Schuljahren sind auf dem Niveau der reichen Gesellschaften. Allerdings um den Preis einer stark beschnittenen Meinungs- Bewegungs- und Gewerbefreiheit und materieller Armut.

Noch ist der Anteil regenerativer Exergiegewinnung in Kuba trotz großen Potentials gering, aber er ist im Wachsen begriffen. Wenn er einmal hoch ist, kann dort auch der materielle Reichtum wachsen, ohne dass die Emissionen explodieren.

Migration und Gefahrenwahrnehmung

nyt-opdoc-afgh-160608Auf der New-York-Times-Website findet sich ein sehr ruhig und einfühlsam gemachtes Video mit Interviews von Afghaninnen und Afghanen, die sich mit der Frage der Emigration auseinandersetzen. Manche wollen bleiben, wie eine junge Frau, die sagt „Was wollt ihr, ich lebe, ich mache einen Film, ich baue ein Frauen-Schwimmteam auf, helft mir lieber dabei, anstatt das Leben wegen der vielen Toten in schwarzen Farben zu sehen!“

Andere halten das Risiko nicht aus und gehen – zuerst legal in die Türkei, und dann über das Meer nach Europa. Obwohl sie ihr Land lieben. Die Medien sind voll von den Toten – es ist eine Menge, die wir uns hier nicht vorstellen wollen.

Aber wie groß ist das Risiko in Zahlen?

2014 starben 4500 Menschen durch Terrorismus (1), durch den Krieg insgesamt 15000 (2).

Im selben Jahr starben 210000 Menschen durch andere Ursachen, davon 6500 durch Verkehrsunfälle (2).

Ich will damit nicht sagen, dass das Risiko durch den Terrorismus und Krieg unbedeutend sei – es ist bedeutend, besonders für die, die nicht von den Krankheiten der Armut und des Alters betroffen sind. Aber es ist nicht wesentlich größer als andere Risiken, mit denen die Menschen dort leben. Es wird allerdings – anders als die anderen Risiken – in den Medien millionenfach vervielfältigt, nach dem Motto: nur eine schlechte Nachricht ist eine Nachricht. Das zieht die Leute mehr runter als nötig wäre.

Die veröffentliche Meinung ist eine Traumwelt.

 

 

Klimawandel, Überbevölkerung und Kondome

weltbevoelkerungswachstum
Wachstumsrate in Prozent pro Jahr
weltbevoelkerung
Entwicklung der Weltbevölkerung

Es ist eine Banalität, dass das Klimaproblem nicht nur ein Reichtumsproblem ist, sondern auch ein Übervölkerungsproblem:

  • Es wird durch unsere phantastische Anzahl erst hervorgerufen. Wären wir weniger, würden wir nicht nur deswegen weniger emittieren, wir könnten auch unsere Energiebedürfnisse einfacher regenerativ befriedigen. So ist zum Beispiel die Energie aus Wasserkraft durch die landschaftlichen Gegebenheiten begrenzt. Hätten wir nur die halbe Bevölkerung, hätten wir einen doppelt so hohen Anteil an Strom aus Wasserkraft in Deutschland. Ähnliches gilt für Bioenergie, und auch für Wind.
  • Die Klimaerwärmung wird erst richtig riskant durch die große Anzahl an Menschen, die sich ernähren müssen. Zwar wächst die Welt-Nahrungsmittelproduktion seit längerer Zeit schneller als die Bevölkerung, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass sich dieser Prozess durch Trockenperioden, das Ausbleiben von Schmelzwasser, zusammen mit dem  Leerpumpen unterirdischer Wasservorräte und der Degradation von Ackerböden umkehrt.

Es ist bekannt, dass die Fertilitätsrate abhängig ist vom Bildungsgrad der Menschen, insbesondere der Frauen (siehe etwa hier). Deshalb unterstütze ich UNICEF finanziell, weil die nicht nur Kindern helfen, sondern auch Schulen bauen und ausstatten.

Aber es gibt noch einen anderen, viel direkteren Zugang zum Übervölkerungsproblem – Verhütungsmittel, im puritanischen Entwicklungshilfesprech als „Familienplanung“ umschrieben. Und dort gibt es ein Problem: (ich gebe hier einfach wieder, was Bill und Melinda Gates hier schreiben): 220 Millionen Frauen in Entwicklungsländern haben keinen ausreichenden Zugang zu Verhütungsmitteln und -Informationen und 80 Millionen pro Jahr werden ungewollt schwanger, was sich in 20 Millionen Abtreibungsoperationen niederschlägt 1,2.

Der Geburtenüberschuss auf der Welt liegt bei 76 Millionen pro Jahr (Quelle).

Erhebt sich die Frage, was wir als Normalmenschen da tun können. Schwierig.

 

1   Dass hier die Verhütung komplett als Frauenaufgabe behandelt und das mögliche Bedürfnis von 220 Millionen Männern nach Verhütung  unterschlagen wird, ist für mich nicht nachvollziehbar, ist aber eine andere Baustelle.

2   Enthält nicht die ungewollten Schwangerschaften in den entwickelten Ländern.

Texas, Syrien und Indonesien und das Zertifikatesystem für Emissionen

Ein Film über den Klimawandel an drei Orten:

Texas: Hier glaubt man intensiv an Gott und daran, dass die Menschen das Klima nicht ändern können, und die Dürre, die die Landwirtschaft ruiniert, gottgegeben ist. Eine Klimawissenschaftlerin, die das Kunststück fertig bringt, gleichzeitig gläubige Christin zu sein, reist herum und bringt den Leuten die Realität des Klimawandels nahe.

Syrien: Es sind die ehemaligen Bauern, deren Existenz durch die lange Dürre vor dem Bürgerkrieg zerstört wurde, und die vom Regime keinerlei Hilfe bekamen, die als erste zu den Rebellen gegangen sind (siehe auch hier).

Indonesien: Hier ist die Regierung so korrupt, dass nicht einmal der Nationalpark vor der kompletten Umwandlung in Palmölplantagen geschützt wird.

40 % der weltweiten CO2-Emissionen stammt aus Entwaldung.

(Deshalb muss man auch bei Holzpellets darauf achten, dass sie nicht aus Holzraubbau stammen – aber wie das prüfen bei Importware? siehe z.B. hier. Generell lautet die Devise aber: “Nicht heizen, dämmen!”)

Indonesien ist sowohl absolut als auch pro Kopf einer der bedeutendsten Treibhausgasemittenten der Welt – allein wegen der phantastischen Emissionen, die die Brandrodung seiner Wälder verursacht (siehe hier).

yearsoflivingdangerously_indonesiannationalpark_3 Bild: Palmölsetzlinge in zerstörtem Indonesischem Nationalparkgelände

Es gibt verschiedene Versuche, den Palmölwahn zu stoppen. Die EU hat nach langen Jahren eine Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln eingeführt, die allerdings erst Ende 2014 greift und nicht umfasst, ob das Öl auf brandgerodeten Flächen erzeugt wurde. (siehe hier).

Emissionszertifikate: Hier würde ein generelles, den Import umfassendes Zertifikatesystem helfen. Der Importeur müsste den Emissionen seines Produkts entsprechende Zertifikate kaufen. Das würde bedeuten, dass er die Herkunft seines Palmöls plausibel nachweisen müsste. Palmöl aus Brandrodungsgebieten würde teurer und weniger nachgefragt. (Siehe auch hier.)

Ach es könnte alles einfacher sein… Das ist alles so weit weg von unserem täglichen Leben. Noch.

Das ägyptische Problem

Dieses Posting ist inspiriert von eine Analyse von Nafeez Mosaddeq Ahmed in “The Atlantic”. Er führt die dortigen Konflikte auf die langsam verbrauchten Ressourcen des Landes zurück.

Ich habe einige der Angaben im Google Data Explorer nachgeschlagen und hier zusammengestellt.

Ägyptens Nahrungsmittel sind zu ungefähr 70 % importiert. Dieser Anteil wird weiter wachsen, weil die Bevölkerung kräftig wächst:

bevoelkerung 1960 - 2011und gleichzeitig, die interne Getreideproduktion stagniert:

getreideproduktion

Das verfügbare Süßwasser bleibt gleich, also sinkt die verfügbare Wassermenge pro Kopf entsprechend dem Bevölkerungswachstum.

suesswasser_per_capita Mit dem Klimawandel wird ein Absinken der Niederschläge und eine Erhöhung der Verdunstung erwartet. Dies bedeutet, dass mit einer Erhöhung der Inlandsernte nicht zu rechnen ist und ein Schrumpfen nicht unwahrscheinlich. Allerdings machen die Nahrungsmittel nur einen Anteil von 9 – 10 % aller Importe aus.

Die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel steigen:

640px-FAO_Food_Price_Index

Der Ölexport sank auf Null und wird sich in Ölimport umwandeln:

 oelproduktionexportverbrauch

Ein Grund dafür ist, dass die Regierung Ölverbrauch subventioniert. Ein Viertel des Staatshaushaltes geht für Energiesubventionen drauf. Allerdings ist Ägypten ziemlich stark industrialisiert: es exportiert noch in größerem Umfang Erdgas, Gold, Stickstoffdünger, Kabel, Zitrusfrüchte. (Quelle)

Sowohl der Staat als auch das Land als ganzes verschulden sich zunehmend – die Staatsverschuldung wächst mit fast 7 % des BIP. (Quelle. Wir erinnern uns: das “Stabilitätskriterium” in der EU ist 3 %.) Eine ägyptische Schuldenkrise ist nicht mehr allzu weit entfernt.

Ist Hunger wahrscheinlich? Das kommt darauf an. Der Staat als Ganzer kann durchaus noch eine Weile die Rechnungen für seine Lebensmittel bezahlen. Anders sieht es mit den Armen im Lande aus. Der Staat subventioniert Lebensmittel. Das muss er weiter tun – sonst ist der Hunger nicht mehr weit.