Die Resilienz des Schnittlauchs

schnittlauchDie Trockenheit des Sommers in Ostdeutschland hat die Bepflanzung unseres Daches verkümmern lassen. Die dünne Schicht Erde ist rissig geworden, die Pflanzen, im Wesentlichen kleine krautige Sukkulenten mit holzigen, wurmähnlichen Stengeln und kleinen, rotgrünen schaufeligen dicken Blättchen oder rötlichen Gnubbeln, sind braun und klein geworden, kaum noch von Erde zu unterscheiden. Doch es gibt noch eine andere Pflanzenart, die sich hier angesiedelt hat und halten kann: Schnittlauch. Seine Stengel sind von der Trockenheit gelblich-weiß geworden, wie Stroh.

Jetzt im Oktober legt sich morgens eine Menge Tau auf die Erde. Dieser und das Bischen Regen, das wir hatten, reicht offenbar aus, dass der Schnittlauch wieder zu wachsen beginnt. Kleine, noch dünne, aber gesunde hellgrüne Stengel sind aus den alten Nestern geschossen und sagen: Hallo, es sah zwar nicht so aus, aber ich bin noch da!

Ist das nicht ein schönes Symbol der Hoffnung?

Es tut überhaupt nicht weh – Emissionskompensation

reiserouteFliegen ist BÖSE. Das sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben.
Deswegen bin ich auch mit der Bahn in den Urlaub gefahren, 1700 km nach Neapel. Macht 85 kg CO2 (etwa…).
Dann noch etwas mit dem Schiff und Bus, ca. 20 kg.
Auf der Rückreise bin ich dann schwach geworden und geflogen. Macht noch einmal 145 kg, was wegen der Emission in großer Höhe um den Faktor 3 verstärkt wirkt, also 390 kg CO2-äquivalent.
Summa Summarum ca. 500 kg.
So und weil ich ja so ein guter Mensch sein will, bin ich zu Atmosfair gegangen und habe Projekte mit einem Einsparungswert von 1 Tonne finanziert, macht 50 €. Zweifel an der behaupteten Einsparungsmenge sind nämlich angebracht, daher ein Sicherheitsfaktor von 2. Bei Reisekosten von um die 1000 € ein Spottpreis, ein Witz.

Es ist ganz einfach und tut überhaupt nicht weh.

Flanieren in Sizilien

Tauche wieder ein in die Straßen einer Stadt, diesmal ist es Catania. Die Unterkunft: alles in Marmor und glänzend, kalt, kein Mensch anwesend, ein Anruf: eine Frau gibt einem den Zahlencode für die Haustüre, leitet einen zum Zimmer, dort findet man dann die Schlüssel, Handtücher liegen dort von unsichtbaren Händen hingelegt, alles effizient und beinahe makellos.

Die Ware ist fehlerlos, aber der Akt des Austausches ist zerstört. Die Ware ist eben nicht alles (Hallo, Amazon-Generation!), wir wollen doch irgendwie die Menschen dazu, oder sind wir einfach zu war gestern? Hier gibt es noch die kleinen Läden, die Panifici mit den Klappen des Backofens im Hinterraum.

Es nieselt, aber das stört einen nicht, schmale Straßen, langsamer Verkehr, man kann einfach auf die Straße laufen, ohne überfahren zu werden. (Der Italiener nimmt Rücksicht.) Lichter, Optiker, Schuhgeschäfte, schicke Klamotten, Uhren… wenig Lokale, die sind in einem anderen Viertel. Die Italiener reden im eigentümlichen Rhythmus ihrer Sprache miteinander, ein Rollerfahrer quetscht sich zwischen mir und einem Krankenwagen durch, niemand regt sich auf – es ist auch nicht kalt, ich gerate in eine Art Trance.

Eine Pizzeria sieht einladend aus, die Pizza ist es jedoch nicht, ich lasse die Hälfte übrig. Der Laden ist leer, die junge Bedienung läuft nervös auf und ab, sie hat nichts zu tun, weiter hinten Musikvideos, italienisches Fernsehen, Werbung für Orangensaft (Alle Früchte garantiert aus Italien! – das ist doch jetzt wieder wichtig geworden, dass sich hier nicht etwa auswärtige Orangen einmischen!) Dann wird es dunkler und eine Frau singt mit Hingabe vom Liebesschmerz zum Text, der halbsatzweise auf der Leinwand erscheint, woraufhin ich weiterziehe. Nicht weit am Domplatz, ausladender Barock, wundervoller Elefantenbrunnen, wenig Leute, wird es eine Flasche Bier für sieben Euro, dafür in exquisiter Umgebung und mit heiterem Jazz. Das Getränk ist eine seltene Dänische Marke. Das versöhnt mich wieder.

Nachtzug


München Hauptbahnhof, das freie Gefühl des Reisenden stellt sich ein als ich über den Bahnsteig ging. Männer in Lederhosen und Frauen in Dirndkleidern wollen zum Oktoberfest. Die ganzen Chinesen desgleichen. Mein Zug steht noch nicht am Gleis 11. Bereits etliche Italiener zu erkennen. Am Bahnhof gibt’s 30 minuten WLAN. Ich will mal sehen, ob ich die ÖBB App runterladen kann. Damit kann ich vielleicht ein Ticket kaufen, ohne dass ich einen Drucker bemühen muss. Ja es geht, aber es ist recht undurchsichtig. 21:07 Im Zug. Im Abteil hat sich eine kleine Gemeinschaft gebildet: eine Italienerin, zwei junge, etwas dickliche Amerikanerinnen und ich. Die Italienerin ist aus einem Dorf bei Bologna und schimpft über die schwarzen Gestalten am Münchener Bahnhof,die nicht arbeiten et c. Die Amerikanerinnen sind auf einer zweimonatigen Tour d’Europe und fahren nach Florenz, dann Budapest. Der Rest des Zuges ist voll mit Jugendlichen,die alles toll finden. Ich hatte mich geirrt mit dem Ticket: ich habe keinen Liegewagen sondern normales Abteil – aber eins von der alten Sorte, wo man die Sitzflächen ausziehen kann; wir sind eben nicht bei der Deutschen Bahn, sondern bei der ÖBB, wo man das Bewährte noch nicht für das Schicke geopfert hat. Nach dem zum besseren Schlaf notwendigen Bier stellt sich das altbekannte Nacht-Bahnfahrgefühl ein: der ruckelnde Wagen, der lange Gang, vorbeihuschende Lichter, warten bis man müde ist, das Quietschen irgendwelcher Türen, ein höllischer Lärm, wenn sich die Schiebetür zu dem kleinen Raum zwischen den Waggons öffnet, zur Seite gedrückt zu werden in den Kurven – kurz: sich im Zug geborgen fühlen.

Eine schöne Szene …

… vor dem LPG-Laden: ein alter Bettler mit Pappbecher sah mich bittend an und ich ließ mich fangen, kramte ein 50 Cent – Stück raus und warf es in den Becher und sagte: „Du stehst hier… (ich meinte: du müsstest nicht hier stehen) … Wie lange schon?“ „Anderthalb Stunden, und noch anderthalb Stunden.“ Er lächelte so warm, wir hatten eine Verbindung, fast zärtlich. Ich ging weiter, hier einmal der Starke, Unabhängige, Aktive, Reiche.

Düstere Gemälde des Feuers

PLUM2G

PLUM2G

Diese Bilder sind nach einem schlimmen Wohnungsbrand entstanden.
Das verdampfte Löschwasser war auf dem Ruß an der Treppenhauswand kondensiert und in Streifen heruntergelaufen. Das obere Foto ist gegen die schräge Unterseite der Treppe gemacht, das Untere gegen die Wand neben der Wohnungstür.