Ein wenig Aprilnachmittag und ein wenig philosophieren über die Deckung

Fahre mit dem grazilen, flinken Rad über das Tempelhofer Feld, es ist leicht in meiner Hand und es trägt mich, es rollt mit mir, wohin ich will. Die unglaubliche Weite, ein Rückenwind, eine wärmende Aprilsonne, eine Feldlärche, die oben in der Luft steht und trillert, machen alles leicht.

Ich bin nicht auf dem Rückweg von der Arbeit, nein: ich bin mitten auf einer zehntausend-Kilometer-Radtour, ich erforsche neue Wege, ich schweife ab, erfüllt von Erwartung.

Da ist der Uferweg und all die verschiedenen Leute, die mir entgegenkommen oder am Rand sitzen und auf ganz verschiedene Weisen miteinander sprechen. Ich überhole einen Mann mit einem Buggy, in dem ein kleines Mädchen sitzt. Über dem Bügel vor ihr hängt eine Decke, so dass sie rundum Schutz um sich hat. Sie schaut glücklich aus ihrem Wagen und schleckt ein Eis.

Die Decke gibt ihr Deckung. Kennt ihr das Phänomen der Deckung auch? Man hat im Rücken etwas Großes: eine Wand oder ähnliches und vor sich einen Sichtschutz, der einem selbst aber erlaubt, draußen alles zu sehen, idealerweise noch ein Dach über sich.
Diese Konfiguration verursacht ein bestimmtes Behagen. Sie ist fast heilsam.

Das ist noch evolutionäres Erbe aus Jahrmillionen.

Tempelhofer Feld, aus der Deckung hinter dem Unterarm gesehen.

 

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Heimatkunde

Werkzeug, Beton, Regen.

Kreuzberg, ehedem Arbeiter- und Fabrikbezirk, dann saniert, im Rahmen dessen Erinnerungen installiert, nach dem Motto: bedenke, das ist die Basis, der Grund auf dem alles hier geschieht.

In der Fabrik

Ich arbeite seit einigen Monaten in der Helpdeskbranche. Angestellt bei der einen Firma, befristet natürlich, ausgeliehen an eine Zweite und betreuend eine Dritte. Das Ganze für einen Hickser mehr als Mindestlohn – aber ich mach das jetzt.

Im Scherz sage ich morgens: „Ich gehe ins Werk.“, denn das ist fabrikmäßiges Arbeiten, in einem Fabrikgebäude, mit nüchterner, zweckmäßiger Einrichtung (immerhin sind einige Pflanzen in Aquakultur mit eingezirkelt worden), fabrikmäßigen Arbeitsplätzen, fabrikmäßigen Produktionszahlen und -Normen. In der Pause, die niemals alle „Arbeiter“ zugleich machen, sitzt man fast immer schweigend, einige über ihren Tablets spielend oder per Kopfhörer Musik hörend, einige ihr mitgebrachtes Essen in der Mikrowellen aufwärmend. An der Wand ein Firmenplakat mit gemachter Begeisterung drauf. Ein Gespräch ist schwer in Gang zu bringen, aber es findet sich immer wieder jemand, der froh ist, dass einer den Anfang macht, und den Faden dankbar aufnimmt und weiterspinnt.

Ich bin in der Pause fast immer draußen, laufe den Weg am Kanal entlang, der schnurgerade und in einem tiefen Einschnitt von Ost nach West führt – so etwas ähnliches wie Natur. Oder ich gehe ins Café, wo man mich schon kennt, weil ich immer dasselbe bestelle, eine Tasse Kakao, die wärmt und süß ist; es ist ein größerer Raum mit vielen Tischen, angenehm, selten voll, entspannt, eine Oase. Die Kellnerin scheut sich nicht, mit ihrem spitzbübischen, sehr selbstsicheren Eros zu spielen.

Die Arbeit ist noch anstrengend, weil noch oft Fälle auftreten bei denen ich nicht weiterweiß, oder weil die Gesprächspartner schlecht gelaunt sind. Letzteres ist zum Glück selten. Mit den Meisten kann man auch mal einen Scherz machen und bei einigen bin ich sogar erfreut und aufgebaut nach dem Gespräch. Langsam wächst die Kompetenz, Sicherheit und auch Routine. Das ist gut.

 

Eine meditative Schau des sich bewegenden Organismus

Eine mögliche Aufteilung der Funktionen des Organismus, die ich gefunden habe und die mir Freude bereitet, ist folgende:

  • Der Fußsohlen – Boden – Kontakt gibt Zugang zur organismischen Selbstsicherheit. Ähnlich der Haut – Luft – Kontakt. Der Organismus, der sich in Luftraum und Schwerkraft bewegt und fühlt.
  • Der Becken – Boden – Kontakt, der über die Beine vermittelt ist, ist die flexible und doch feste Basis für das Leben des darüberliegenden Körpers.
  • Der Zentralkörper ist der Ort für die Impulse, Reaktionen und Antriebe, die in die Welt gebracht werden wollen. Und die kann man spüren.
  • Der Kopf ist der Ort der Fernsinne (Auge, Ohr, Nase) und des Strukturierens, Wegfindens und Bewegungs-Vorbereitens.
  • Das Gesicht und die Stimme ist der Ort des Ausdrucks des Fühlens und Wollens für die Andern.
  • Die Arme und Hände sind der Ort des Dinge-Bewegens, des Änderns, aber auch von Kontakt.
  • Die Beine sind der Ort der entschlossenen Fortbewegung und des kräftigen Stehens.

Wenn man geistige Kapazität frei hat, wie in einer leichten Bewegung beim Gehen oder Joggen, kann man diese Arbeitsteilung in Aktion beobachten: Wie die Impulse aus dem Zentrum kommen, die Aktionen mit den Beinen gegen den Fußboden oder mit den Armbewegungen stattfinden, die Augen und Ohren die Umwelt prüfen, der Geist die kommenden Aktionen, z.B. den genauen Weg, den wir nehmen, oder den genaueren Bewegungsablauf, erwägt und vorwegnimmt – und so weiter.

Was ich interessant finde ist, dass dabei das, was wir in der unreflektierten Kommunikation „Ich“ nennen, das Individuum (das Unteilbare), geteilt wird.

Vielleicht ist dies für einige Menschen nützlich.

Dachgedanken

dach P250516_1157 schmaler StreifenGehe auf’s Dach, mit dem Tee und der grünen flauschigen Decke. Setze mich an meinen Platz auf der niedrigen Mauer, die Decke wegen des Windes am Hals fest zugehalten. Die Weite und Farben überraschen mich wieder, wie jedes Mal, und das Licht. Der Himmel ist grau, aber er leuchtet sehr hell, eigentlich ist er weiß. Das Zinkblech der Mauerkrone und der gelochten Dacheinfassung strahlt bläulich. Die Sukkulenten sind von einem fleckigen Rostrot. Ein Windstoß streicht über das strohgelbe Hafergras dazwischen und erzeugt eine Welle darin, die sich in meinem Geist wiederholt. Die atemberaubenden Abhänge der Dachschrägen sind ziegelrot, gebleicht durch das Weiß des Himmels, wie auch das tiefe Grün der Pappelreihe am Kanal. Stadtrauschen, die Vögel zwitschern, Kinderstimmen vom Kindergarten. Eine Krähe arbeitet sich gegen den Wind heran, fliegt einen Kreis über mir und krächzt ein Mal. Vielleicht hat sie mich gesehen, einen potentiellen Feind. Eine Andere antwortet.

Der hohe Himmel

Männer spielen Boule, oder Pétanque, wie es in der Provence hieße. Mit Ernst zielen sie auf den ziemlich weit entfernten „Cochon“, auf dem Bouleplatz am Landwehrkanal, der von einem glänzenden Flachstahlrechteck begrenzt ist und von Bänken. Die Männer sind ungefähr in meinem Alter, wirken gar nicht wie Herren, ganz umgängliche Typen. Einer trifft auf acht Meter die gegnerische Boulekugel. Ich staune.

Fahrräder. Ich bewundere eines , ein Girlsfahrrad. Es hat einen niedrigen roten Sattel und einen Korb vorn. Alle Girlsfahrräder haben Körbe vorn. Aber der Rahmen ist anders als gewöhnlich bei Damenfahrrädern, die obere Stange ist höher angesetzt, fast so hoch wie bei einem Männerfahrrad. Dann die Gangschaltung. Es muss eine haben, denn die Hinterrradnabe ist dick. Aber ich sehe keinen Zug, keinen Schalthebel.
Man bemerkt mein Interesse und witzelt: für 20 Euro kannst du es haben. Na gut, 15, weil du’s bist, komm.
Die Besitzerin erläutert stolz: es ist eine Automatik. Zweigang.
Reicht ja auch. Ich habe einundzwanzig Gänge und benutze praktisch nur zwei davon.

Ich sehe nach oben. Helle Schäfchenwolken, ziemlich hoch, vor dem weiten schwarzen All. Darin, in dem All, der Mond, von einer Helligheit, einer Brillanz, wie ich sie kaum je gesehen habe.
Im Schwarz, weit über den Wolken, blitzen regelmäßig zwei weiße, eng zusammenliegende Lichtpunkte auf, deren Fortschreiten die Bahn des Flugzeugs markiert. Da oben müssen sie einen traumhaften Blick auf das Land da unten haben, unter den Wolken, die große Stadt mit ihrem Funkeln, das an den Rändern ausläuft in das dunkle Land, das vom Mond erhellt wird.

Hinten, nach der Brücke hin, werden die Menschen seltener. Vier schwarzhäutige Männer lauschen entspannt dem Rhythmus, der aus ihrer USB-Box ertönt. Auf der Brücke bleibe ich stehen, um das stumme Schauspiel des Nachthimmels in mich aufzunehmen. Eine Gruppe junger Männer schiebt ihre Fahrräder um mich herum. Auf der dicken steinernen Brüstung ein Liebespaar. Kein besserer Abend für sie.