Ein banaler Ubahnhof

2018-01-26 003 abends görlitzer bhf 1980breit

Ich liebe den Blick durch Öffnungen oder Scheiben  in Gehäuse, wie hier die Treppenhäuser, in denen Menschen hinauf- oder heruntersteigen. Erst im Nachhinein sah ich die Resonanz der schrägen Linien des außer Dienst gestellten Radweges und des Schattens der Gleisbrücke an der Wand. Das Bild hat große Tiefe nach rechts hin. Die planenartige Struktur am Fuß der Wand ist tatsächlich ein Bett, in dem nachts jemand schläft!

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Eine schöne Szene …

… vor dem LPG-Laden: ein alter Bettler mit Pappbecher sah mich bittend an und ich ließ mich fangen, kramte ein 50 Cent – Stück raus und warf es in den Becher und sagte: „Du stehst hier… (ich meinte: du müsstest nicht hier stehen) … Wie lange schon?“ „Anderthalb Stunden, und noch anderthalb Stunden.“ Er lächelte so warm, wir hatten eine Verbindung, fast zärtlich. Ich ging weiter, hier einmal der Starke, Unabhängige, Aktive, Reiche.

Da ist niemand mehr!

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Die künstliche Intelligenz ist schon seit 40 Jahren im Gespräch. Neuronale Netze gibt es auch schon lange. Aber sie stehen nun an ihrem Durchbruch: sie beginnen, sich selbst ein Bild der Welt zu machen, oder immerhin des Teils der Welt, auf den sie angewandt werden.

Die Maschinen spielen besser Schach und Go als wir, komponieren Musik, steuern Autos und Werkzeugmaschinen, pflegen Menschen , bringen uns Fremdsprachen bei ,&c. p. p.

In Kürze werden sie den Turing-Test bestehen können. Wir bekommen eine Oberfläche vorgesetzt, die uns reagieren lässt wie auf etwas anderes Reales.

Das begann schon mit dem ersten zeitversetzten Aufnehmen menschlicher Sprache, d.h. mit der Schrift, und der konservierten, vom Objekt gelösten Form, dem Bild. Seitdem kennen wir die eigentümliche Spannung zwischen unserer Reaktion auf das Dargebotene, die der auf das Reale ähnlich ist, und dem Wissen, dass es sich nur um einen Informationsträger, quasi ein Kunstobjekt, handelt. Diese Spannung macht gerade einen Teil des Kunstgenusses aus.

Dann kam die europäische Musik, in der die Noten bereits eine Konserve der Gedanken des Komponisten darstellen. Aber die Aufführung ist noch real, ein soziales Ereignis in Echtzeit und Echtraum.

Dann kamen Tonkonserven und Filme. Die Oberfläche eines Ereignisses kann nun beliebig kopiert und wiederholt werden. Oft wissen wir nicht einmal, ob wir es mit Echtzeit oder Konserve zu tun haben. Wir wissen nicht mehr, ob hinter der Wand jemand ist oder nicht! Die Radiomoderatorin sagt: „Sie hörten ein aufgezeichnetes Gespräch.“ Die Ansagen auf den Bahnhöfen kommen von der Maschine. Ebenso die die des Sprachcomputers am Support-Telefon.

Und nun treibt die gefakte Interaktion die Relativierung des Gegenübers auf die Spitze. Wir werden einsamer, aber wir merken es nicht, weil all die künstlichen Oberflächen unser System reagieren lassen wie auf reale Gegenüber.

Aber was zeichnet denn dann das reale Gegenüber aus, wenn die Oberflächen es immer besser und besser simulieren?

Dass wir eine emotionale Bindung mit ihnen aufbauen können? Das können wir auch zu Dingen, wie jeder weiß, der einmal beim Verschrotten seines Autos traurig geworden ist. Immerhin ist ein Auto etwas Reales. Ist es das Nichtflüchtige? Ein Programm ist sofort weg, wenn ich den Strom ausschalte. Aber auch ein Mensch ist weg, wenn keine Ströme mehr in ihm fließen, obwohl sein Körper noch derselbe ist. Auch ein Mensch ist flüchtig. Das erschreckt. Immerhin, verglichen mit Software ist er beständig.

Der logische Endpunkt dieser Entwicklung ist der Android, der künstliche Mensch, den wir lieben und hassen können und der selbst sich freuen und leiden kann. Wir nähern uns ihm asymptotisch nicht nur über neuronale Netze, sondern auch über die Prothetik, die Kunst, Körperbestandteile des Menschen durch Künstliche zu ersetzen.  Wenn wir alles ersetzt haben – gibt es einen Kern, der nicht ersetzbar ist?

Die Grenze zwischen „Gegenüber“ und „kein Gegenüber“, zwischen Realität und Simulation, verschwimmt, wenn man analytisch hinschaut. Wir müssen irgendwie mit diesem Verschwimmen zu leben lernen. Und dabei nicht vergessen, dass wir reale Menschen brauchen.

 


Bild: By en:User:CburnettOwn workThis vector image was created with Inkscape., CC BY-SA 3.0, Link

Eine originelle Petition zum Klimaschutz

bundesadlerJeder Bürger kann Petitionen per WWW an den Bundestag schicken, und ich bin verschroben genug, um genau dieses gerade getan zu haben.

Mit so einer Petition passieren dann zwei Dinge:

  1. Sie wird, wenn wie hier gewünscht, auf einem Diskussionsforum erscheinen, und
  2. sie wird im Petitionsausschuss behandelt, bewertet, sachlich geprüft und gegebenenfalls dem Bundestag mit einer Empfehlung zur Beschlussfassung vorgelegt.

Welchen Inhalt hat nun mein Meisterwerk?

Hier ist es:


Petition an den Deutschen Bundestag

Petition 74954 – 18. November 2017

Der Deutsche Bundestag möge beschließen,

dass in jeder Werbung für Automobile der CO2-Emissionswert in g / 100 km prominent auftauchen muss.

zum Beispiel: auf Plakaten und Print- oder WWW-Anzeigen mindestens in 3/4 der maximalen Schriftgröße mit optimalem Kontrast und mit einem Mindestabstand vom Rand, in Werbefilmen als deutliche Einblendung und akustisch am Anfang für eine Mindestdauer, mit normaler Sprechgeschwindigkeit.

Begründung

Angesichts der dringenden Notwendigkeit, die Erwärmung der Erdatmosphäre zu begrenzen, ist eine Änderung des Kaufverhaltens in Richtung auf sparsamere Autos unabdingbar.

Die CO2 – Emission eines Wagens ist immer noch für die meisten Autokäufer*innen ein Nebenthema. Sie taucht in der Werbung gar nicht oder so marginalisiert auf, dass allein schon dadurch dem Käufer ihre Unwichtigkeit suggeriert wird. Dieses wird in der Autoberichterstattung in der Presse noch verstärkt, in der Emissionen allenfalls in einem Nebensatz abgehandelt werden. Der finanzielle Anreiz zur Entscheidung für sparsamere Autos ist aufgrund des fehlenden wirksamen Preises auf Emissionen auf absehbare Zeit zu schwach. Entsprechend hat sich die Verbesserung der Motoren nicht in einer Verringerung der Emissionen niedergeschlagen, da ihre Wirkung durch den Bau und Verkauf größerer und schwerer Autos aufgehoben wurde. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt durch massiven Werbeeinsatz für diese schwereren Wagen verstärkt worden.

Mit der Vorschrift soll erreicht werden, dass die Verbraucher*innen sich angewöhnen, die Emissionswerte der Autos stärker in ihrer Kaufentscheidung zu gewichten. Als Nebeneffekt wird der Wertevergleich für die Autokäufer*innen, die bereits jetzt darauf achten, deutlich erleichtert. Möglicherweise wird auch eine Konkurrenz zwischen den Autofahrer*inne*n um den Wagen mit den niedrigsten Werten angeregt.

Es muss vermieden werden, das Autotypen nur innerhalb ihrer Klasse um Bestwerte konkurrieren, da gerade der Kauf sparsamerer Klassen angeregt werden soll.

Im Gefolge ist auch eine Änderung des Verhaltens der Produzenten zu erwarten, wenn sie so gezwungen werden, die absoluten CO2-Emissionen in den Mittelpunkt des Marketings zu stellen. Sowohl deren Modellpolitik als auch ihre Innovationsanstrengungen zur Emissionssenkung werden sich wahrscheinlich in Richtung auf größeren Klimaschutz entwickeln.


Tja, sowas kann man machen! Wer hätte das gedacht! Ob dabei etwas herauskommt, kann niemand sagen.

Wenn das Ding im Diskussionsforum auftaucht, werde ich mich nochmals melden…

Wider das rein individuelle Gutsein

Ich stolpere über diesen Guardian-Artikel: „Würdest du jemandem raten, in brennendem Haus mit dem Handtuch zu schlagen oder mit der Fliegenklatsche im Feuergefecht?“

Er macht sich – zu Recht – über die Winzigkeit der Effekte unseres individuellen Verhaltens lustig und spürt dahinter ein tieferes Problem auf: die Reduktion des gesellschaftlichen Seins auf die individuelle Verantwortung. Und das ist Neoliberalismus: alles, alles, ist deine Verantwortung, und nur deine. Was für eine Dummheit!

„Steeped in a culture telling us to think of ourselves as consumers instead of citizens, as self-reliant instead of interdependent, is it any wonder we deal with a systemic issue by turning in droves to ineffectual, individual efforts?“

Das ist für mich der Kernsatz, „interdependent“, ein nicht treffend übersetzbares Wort, der Kernbegriff. Sich als Teil des Netzes sehen anstatt als Teil einer Herde von Einzelkämpfern, oder Einzelschafen.

Aber das spricht natürlich gar nicht gegen individuelle Anstrengungen! Nur dass es da noch mehr gibt.

 

Sozialismus ist gesund

Das ist natürlich ein kleiner Scherz. Aber mit einem wahren Kern.

In vielen Untersuchungen ist eine Korrelation von sozialer Gleichheit einer Gesellschaft und der Lebenserwartung der Menschen, die in ihnen leben festgestellt worden.

Es  scheint so zu sein, dass der absolute Reichtum einer Gesellschaft nur einer von mehreren Faktoren ist, die Zufriedenheit und Lebenserwartung bestimmen, und dass die erlebte (ökonomische) Gleichheit mindestens ebenso stark wirken.

Am meisten beeindruckt hat mich das Beispiel des amerikanischen Städtchens Roseto. Dort starb bis in die sechziger Jahre hinein kaum jemand an Herzinfarkt, obwohl man rauchte und fett aß. Die Einwohner stammten alle aus Apulien. Sie erhielten sich ihre Rituale einer italienischen Kleinstadt: der tägliche Abendspaziergang, das Spielen in Clubs, das Abhalten von Prozessionen und Kirchenfesten. Es war verpönt, Reichtum zu zeigen und es war unmöglich, an Kleidung, Auto oder Haus Arme oder Vermögende zu erkennen. Unter den meisten Dächern lebten drei Generationen. Jeder konnte sich auf seine Familie und Nachbarn verlassen.

In den 70ern fingen die Leute an, ihren Reichtum zu zeigen, mit dicken Autos, Häusern, Swimming Pools, und bumms – kam der Herztod zu ihnen in demselben Maß wie zu allen anderen US-Amerikanern.

Eine Korrelation ist noch keine Kausalität, aber wenn sie oft genug wiedergefunden wird, kommt sie ihr schon ziemlich nahe.

Oberhalb eines gewissen Levels ist nicht die Armut das Problem, sondern die Demütigung.

Zum Glück scheint in letzter Zeit die Verminderung von Ungleichheit mehr und mehr zu einem allgemein und öffentlich akzeptierten Ziel zu werden.

Informationen aus: Stefan Klein: Die Glücksformel, rororo 2004, p 264 ff.

Werbefritzen dieser Welt…

Wenn ich eine Jacke oder Stiefel, die ich mir kürzlich in einem Webshop angeguckt habe, ungefragt auf einer komplett verschiedenen Website sehe, werde ich wütend und verliere jede Lust, dort noch etwas zu kaufen.