Wider das rein individuelle Gutsein

Ich stolpere über diesen Guardian-Artikel: „Würdest du jemandem raten, in brennendem Haus mit dem Handtuch zu schlagen oder mit der Fliegenklatsche im Feuergefecht?“

Er macht sich – zu Recht – über die Winzigkeit der Effekte unseres individuellen Verhaltens lustig und spürt dahinter ein tieferes Problem auf: die Reduktion des gesellschaftlichen Seins auf die individuelle Verantwortung. Und das ist Neoliberalismus: alles, alles, ist deine Verantwortung, und nur deine. Was für eine Dummheit!

„Steeped in a culture telling us to think of ourselves as consumers instead of citizens, as self-reliant instead of interdependent, is it any wonder we deal with a systemic issue by turning in droves to ineffectual, individual efforts?“

Das ist für mich der Kernsatz, „interdependent“, ein nicht treffend übersetzbares Wort, der Kernbegriff. Sich als Teil des Netzes sehen anstatt als Teil einer Herde von Einzelkämpfern, oder Einzelschafen.

Aber das spricht natürlich gar nicht gegen individuelle Anstrengungen! Nur dass es da noch mehr gibt.

 

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Sozialismus ist gesund

Das ist natürlich ein kleiner Scherz. Aber mit einem wahren Kern.

In vielen Untersuchungen ist eine Korrelation von sozialer Gleichheit einer Gesellschaft und der Lebenserwartung der Menschen, die in ihnen leben festgestellt worden.

Es  scheint so zu sein, dass der absolute Reichtum einer Gesellschaft nur einer von mehreren Faktoren ist, die Zufriedenheit und Lebenserwartung bestimmen, und dass die erlebte (ökonomische) Gleichheit mindestens ebenso stark wirken.

Am meisten beeindruckt hat mich das Beispiel des amerikanischen Städtchens Roseto. Dort starb bis in die sechziger Jahre hinein kaum jemand an Herzinfarkt, obwohl man rauchte und fett aß. Die Einwohner stammten alle aus Apulien. Sie erhielten sich ihre Rituale einer italienischen Kleinstadt: der tägliche Abendspaziergang, das Spielen in Clubs, das Abhalten von Prozessionen und Kirchenfesten. Es war verpönt, Reichtum zu zeigen und es war unmöglich, an Kleidung, Auto oder Haus Arme oder Vermögende zu erkennen. Unter den meisten Dächern lebten drei Generationen. Jeder konnte sich auf seine Familie und Nachbarn verlassen.

In den 70ern fingen die Leute an, ihren Reichtum zu zeigen, mit dicken Autos, Häusern, Swimming Pools, und bumms – kam der Herztod zu ihnen in demselben Maß wie zu allen anderen US-Amerikanern.

Eine Korrelation ist noch keine Kausalität, aber wenn sie oft genug wiedergefunden wird, kommt sie ihr schon ziemlich nahe.

Oberhalb eines gewissen Levels ist nicht die Armut das Problem, sondern die Demütigung.

Zum Glück scheint in letzter Zeit die Verminderung von Ungleichheit mehr und mehr zu einem allgemein und öffentlich akzeptierten Ziel zu werden.

Informationen aus: Stefan Klein: Die Glücksformel, rororo 2004, p 264 ff.

Werbefritzen dieser Welt…

Wenn ich eine Jacke oder Stiefel, die ich mir kürzlich in einem Webshop angeguckt habe, ungefragt auf einer komplett verschiedenen Website sehe, werde ich wütend und verliere jede Lust, dort noch etwas zu kaufen.

Heimatkunde

Werkzeug, Beton, Regen.

Kreuzberg, ehedem Arbeiter- und Fabrikbezirk, dann saniert, im Rahmen dessen Erinnerungen installiert, nach dem Motto: bedenke, das ist die Basis, der Grund auf dem alles hier geschieht.

Putzen ist Frauensache

Sehe ich eine Anzeige für einen Wischmop mit „Rotationseimer“ – wat is dat denn???

Gehe ich auf die Website einer bekannten Reinigungsartikelfirma und schau mir deren Werbevideo an  – und mich trifft der Schlag: Ich denke ich bin auf einer Zeitreise fünfzig Jahre in die Vergangenheit.

„Warum wechseln immer mehr Frauen zum Dadidada-Wischmop?“ fragt eine interessant-expertenhafte Männerstimme. Vier oder fünf wohlgekleidete Frauen in wohlgestalteten Mittelklassehäuschen zählen begeistert alle Vorteile des Apparats auf. Eine davon, eine Jüngere, sagt mit süßer Mädchenstimme: „Den Dadidada habe ich von meiner Mama bekommen…“

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Ach tiese pöse EEG-Umlage

Medien voll von steigender EEG – Umlage, z.B. hier in der zum richtigen Käseblatt gewordenen ZEIT. Der Bürger schäumt.

In der Tat wird sie 2017 um 0,53 cent auf 6,88 cent/kWh steigen.

Was am Ende zählt ist aber der Endpreis, und der hat sich so entwickelt:

Strompreisentwicklung private Haushalte 2006 – 2016
Infografik „Strompreisentwicklung private Haushalte 2006 – 2016“ von Strom-Report.de

Er wird wohl 2017 wieder ein bischen steigen, aber das wird auch an deutlich höheren Netzkosten liegen. Dass Letztere steigen, liegt auch an der erneuerbaren Energie: Wegen noch fehlender Leitungen können die Kraftwerke nicht optimal genutzt werden.

Facit: Wenn man den Pelz waschen will, muss man ihn nass machen. Wenn man erneuerbare Energiequellen will, muss man investieren.

Zwei Ansätze für Frieden: Zivilität und Vergebung

Große Worte von einem kleinen Blogger in einem Berlin-Kreuzberger Hinterhof.

Aber warum nicht?

Zivilität

Damit meine ich, Akte der Gewalt nicht als von einer Gruppe, sondern vom Individuum ausgehend zu begreifen, und darauf nicht per Kampf gegen die Gruppe, sondern als Gesamtgesellschaft gegen gewalttätige Individuen zu reagieren.

Eines der bekanntesten Beispiele dafür sind die Nürnberger Prozesse. Auch der Internationale Gerichtshof im Haag gehört dorthin.

Weitergehend stelle ich mir vor, dass etwa Israel auf die arabisch-palästinensischen Raketenangriffe nicht mit eigenen Kriegsmaßnahmen reagiert, die die Kampfstellung zweier Kollektive (wie Alfred Adler das vielleicht nennen würde) nur bestärkt, sondern mit strafrechtlichen Klagen vor einem arabisch-palästinensischen Gericht. Absurd? So weit sollte es kommen.

Vergebung

scheint eine christliche Kategorie zu sein, ist es aber  nicht: jede Kultur kennt sie. Ich verzichte auf die Rache, ich verzichte auf einen Teil meiner Macht, ich verzichte darauf, alles, was ich als mein Recht ansehe, durchzusetzen, um eine Zukunft zu erreichen, die nicht durch bitteren Kampf geprägt ist.

Beispiele sind etwa das Verhalten der Siegermächte gegenüber Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und jüngst der Friedensvertrag der kolumbianischen Regierung mit den FARC.

Diese Elemente können vielleicht mehr und mehr in das öffentliche und private Gespräch über alles einfließen.