Prokrastination, Sucht, Achtsamkeit und Motivation

In einem Prokrastinationszyklus erlaubte ich mir, TEDx-Talks zu diesen Themen anzuschauen, und zwar hier, hier und hier.

Der Geist des Prokrastinators

Während im Geist eines normalen Menschen idealerweise ein rationaler Kapitän das Steuer allein in der Hand hat, gibt es im Geist des Prokrastinators (Aufschiebers), gemäß der bahnbrechenden Theorie Tim Urbans, noch eine weitere Figur: den Sofortbelohnungsaffen.

Sobald der rationale Kapitän zu der Einschätzung kommt, dass es an der Zeit wäre, zu arbeiten oder etwas anderes sinnvolles, aber komplexes, risikobehaftetes oder sonst unangenehmes zu tun, springt der Sofortbelohnungsaffe auf, ruft: „Das ist eine ganz schlechte Idee!“schubst den rationalen Kapitän weg vom Ruder und steuert das Schiff zur nächsten Aktivität, die einfach und angenehm ist. instan-gratification-monkey

Die meisten Prokrastinierer haben allerdings noch ein zweites Wesen in ihrem Geist, das das Schlimmste verhütet:

the-panic-monster

wenn auch um einen hohen Preis.

Ich habe mich ziemlich wiedergefunden in diesem Modell.

Nach meiner Erfahrung kann der Sofortbelohnungsaffe vollkommen immun sein gegen moralische oder vernünftige Argumente oder Drohungen aller Art, unterhalb der Schwelle des sicheren Untergangs.

Ein Mittel, das allerdings hilft, ist, ihn ein bischen zu vertrösten: Du darfst ran, aber ein bischen später. Jetzt wird etwas gearbeitet und dann gibt es relativ bald eine Pause für dich. Wenn ich dann drin bin, kann ich die versprochene Pause auch aufschieben, ohne größere Probleme.

Er ist mir nicht böse, sondern eigentlich ganz froh dann. Er ist nämlich nicht entspannt. Seine Fröhlichkeit ist aufgesetzt. Wenn ich ihn so austrickse, kann er ein bischen entspannen.

Sucht und Achtsamkeit

Im zweiten TEDx-Talk ging es um Sucht und wie Achtsamkeit gegen sie helfen kann. Letztlich ist der Sofortbelohnungsaffe auch ein Suchtphänomen. Das Kernprinzip ist:

  • Man lernt, die Aufmerksamkeit auf die unmittelbare Gegenwart des Körper-Geistes zu lenken.
  • Und zwar nicht hauptsächlich über eine Vorschrift, sondern durch die Entwicklung von Neugier und Interesse, d.h. über eine angenehme Motivation.
  • Dieses lernt man unmittelbar vor Einsetzen der Suchthandlung abzurufen.

Eine Reihe von Effekten kommen zusammen:

  • Der Automatismus wird unterbrochen.
  • Man vermeidet den Widerstand dagegen, dominiert zu werden oder etwas Angenehmes loslassen zu sollen.
  • Man deaktiviert Motivationen sekundärer Natur (wie etwa sozial gut dazustehen).
  • Man nimmt u.U. das Unangenehme des Tuns, das bei Rauchen, Saufen oder Spritzen vorhanden ist, wieder als relevant wahr.

Elemente von Motivation

Im dritten TEDx-Talk werden eine ganze Reihe von Motivationshilfen angesprochen.

Scott Geller ist ein sehr lebendiger, freundlicher Mann, dem ich gerne zugehört habe.

Er bietet drei Leitfragen an, um einen Menschen (auch sich selbst) zu einer konkreten Aufgabe zu motivieren, die mit Ja beantwortet sein müssen:

  1. Kannst du es (mit den gegebenen Ressourcen an Zeit, Können und Mitteln)?
  2. Wird es den beabsichtigten Effekt haben, d.h. funktionieren?
  3. Ist es den Aufwand wert?

Interessanterweise können diese Fragen nicht objektiv beantwortet werden. Z.B. hängt die Antwort auf Frage 2 von der Perspektive ab. Eine Aktion kann in einem kleineren Maßstab funktionieren, aber in einem Größeren nicht. Frage 3 ruft den Vergleich mit anderen Zielen hervor und setzt voraus, dass eine gewisse Zielklarheit vorhanden ist, eine Selektion.

Es reicht aber, eine Weltsicht zu finden, in der die Fragen mit Ja beantwortet werden können, um Motivation herzustellen. Das ist dann die Kunst.

Weitere Elemente kurz:

  • Gesehenwerden und soziale Verbundenheit
  • Entscheidungsmöglichkeiten
  • Offenheit dafür, dass alles ganz anders sein könnte und dass man von jedem Menschen, auch von einem Schüler, etwas lernen könnte
  • Die Sichtweise der Gelegenheit zu … im Gegensatz zur Bedrohung durch …

 

Texas, Syrien und Indonesien und das Zertifikatesystem für Emissionen

Ein Film über den Klimawandel an drei Orten:

Texas: Hier glaubt man intensiv an Gott und daran, dass die Menschen das Klima nicht ändern können, und die Dürre, die die Landwirtschaft ruiniert, gottgegeben ist. Eine Klimawissenschaftlerin, die das Kunststück fertig bringt, gleichzeitig gläubige Christin zu sein, reist herum und bringt den Leuten die Realität des Klimawandels nahe.

Syrien: Es sind die ehemaligen Bauern, deren Existenz durch die lange Dürre vor dem Bürgerkrieg zerstört wurde, und die vom Regime keinerlei Hilfe bekamen, die als erste zu den Rebellen gegangen sind (siehe auch hier).

Indonesien: Hier ist die Regierung so korrupt, dass nicht einmal der Nationalpark vor der kompletten Umwandlung in Palmölplantagen geschützt wird.

40 % der weltweiten CO2-Emissionen stammt aus Entwaldung.

(Deshalb muss man auch bei Holzpellets darauf achten, dass sie nicht aus Holzraubbau stammen – aber wie das prüfen bei Importware? siehe z.B. hier. Generell lautet die Devise aber: “Nicht heizen, dämmen!”)

Indonesien ist sowohl absolut als auch pro Kopf einer der bedeutendsten Treibhausgasemittenten der Welt – allein wegen der phantastischen Emissionen, die die Brandrodung seiner Wälder verursacht (siehe hier).

yearsoflivingdangerously_indonesiannationalpark_3 Bild: Palmölsetzlinge in zerstörtem Indonesischem Nationalparkgelände

Es gibt verschiedene Versuche, den Palmölwahn zu stoppen. Die EU hat nach langen Jahren eine Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln eingeführt, die allerdings erst Ende 2014 greift und nicht umfasst, ob das Öl auf brandgerodeten Flächen erzeugt wurde. (siehe hier).

Emissionszertifikate: Hier würde ein generelles, den Import umfassendes Zertifikatesystem helfen. Der Importeur müsste den Emissionen seines Produkts entsprechende Zertifikate kaufen. Das würde bedeuten, dass er die Herkunft seines Palmöls plausibel nachweisen müsste. Palmöl aus Brandrodungsgebieten würde teurer und weniger nachgefragt. (Siehe auch hier.)

Ach es könnte alles einfacher sein… Das ist alles so weit weg von unserem täglichen Leben. Noch.

Die Kabarettistin als Pfadfinderin

Im Internet führt eins zum Andern, und so kam ich von einem süßen Sketch des Bauchredners Sascha Grammel zu einem von Carolin Kebekus bei Fun Club.

Vom Aussehen her ist die Frau süß und Mainstream, aber in dem was sie sagt und wie sie es tut drückt sich der Verdruss aller intelligenten Menschen an der Langeweile des Mainstream aus. Sie geht beherzt über die Grenzen des Anstandes hinweg, z.B. indem sie krasse Abscheu darstellt, und das tut uns allen gut, die wir durch tausendundeine Rücksichtnahme eingeengt sind. So fies sein will jeder mal!!

Auch spielt sie vergnügt mit der Geschlechtergrenze, indem sie ankündigt, sich aus Missfallen über die Dummheit ihrer Geschlechtsgenossinnen zum Mann umoperieren lassen zu wollen. Auf ihre Brüste zeigend sagt sie: “Das hier kommt alles weg!” Und dann der imaginäre “Riesenknüppel” den sie genüsslich in der Hand wiegt und dann hin und her schlappen lässt! “Immer was zum Spielen dabei!”

carolinkebekusschwanz1Bezeichnenderweise will sie ihn nicht für seinen natürlichen Zweck benutzen, sondern um “alles kaputt” zu schlagen, was sie nervt, insbesondere ihn den verhassten Ex-Mit-Weibern um die Ohren hauen. Das ist so over-the-top, so ein saftiges Waten im Skurrilen, dass ich nicht anders kann, als begeistert zu sein.

Gerade bei Geschlechtsgrenzen werden viele verdruckst und angespannt. Auch sie wahrt jene in der Realbeziehung zum Publikum, aber in der vom Zügel gelassenen Phantasie findet sie Pfade darüber hinweg.