Eine Miniatur aus dem 6. Stock

Sah über I.’s Schulter den Ersten der beiden Brechtfilme auf Arte auf dem iPad. Die jungen Schauspieler von heute treffen den Ernst der realen Menschen von damals nicht, soviel Mühe sie sich auch geben. Man ist viel zu verbindlich dafür, zu zart. Ich verstand eine Menge durch diesen Film: die Stücke in ihrem Kontext der Zeit, wie die Beggar‘s Opera („Die bürgerliche Lebensform der Verbrecher – und die verbrecherische Lebensform der Bürger.“) Und im Kontext der kommunistischen Weltsicht Brechts („ Die Aneignung des Mehrwerts durch den Kapitalisten ist das erste Verbrechen, aus dem alle Anderen folgen.“) Die schöne junge Sekretärin Elizabeth „Bess“ (Hauptmann) setzt sich eifrig zum Diktat. Der ebenfalls junge Meister spielt Klavier, ebenso wie sie. Man engagiert Weill, der schwungvoll und gerade schräg genug komponiert. Junge Menschen bauen ihr Leben auf, so gut sie können. Mit Helenen und 2 ½ Kindern in Haus am Ammersee, man hat inzwischen Geld. Er weiß genau was er tut. Ein Ausnahmemensch und als solcher für mich lebensgefährlich – auf der Stelle zu erschießen. Dann die Menschen („in sinnloser Begeisterung“) auf den nächtlichen Straßen Berlins, es ist der 30. Januar 1933.

Feuerzangenbowle mit Nachgeschmack

Silvester bei Freunden kam die DVD mit Heiz Rühmanns „Feuerzangenbowle“ zum Einsatz.

Rühmann war Produzent und dominierender Hauptdarsteller. Man könnte meinen, dass er sich die Rolle hat auf den Leib schreiben lassen. Ein ähnliches Phänomen findet sich in jüngerer Zeit z.B. bei Til Schweiger, ist nicht so selten in der Filmgeschichte, führt aber leicht zu einem übergroßen – und dann auch sichtbaren – Ego.

Wie so oft, wenn man einen Film sehr lange nicht gesehen hat, konnte ich viele Szenen ganz neu sehen und genießen, sah Färbungen, die ich früher schlicht nicht wahrgenommen hatte, etwa wie der wütende, sprachlose vollbärtige Direktor seinen eiligen Tanz durch die leeren Schulgänge aufführt, bei dem er verzweifelt und dem Wahnsinn nahe eine Klassentür nach der Anderen öffnet, schon wissend, dass sich dahinter nur Leere finden wird.

Unter den Lehrern sehe ich zwei positive Antagonisten, den vergnügten, aber nicht respektierten Physiklehrer („de Dampfmaschin. Da stellen wa uns ma janz domm…“), und den strengen Geschichtslehrer, bei dem die Schüler geradezu militärisch auf Zack sind. Beide haben auf ihre Art ein gewisse innere Überlegenheit und Heiterkeit. Der Physiker beweist Witz, als er eine potemkinsche Baustelle in der Schule kreiert und so die Blamage wegen Pfeiffers Schild („Geschlossen wegen Baustelle“) abwendet. Er vertritt  die Menschenfreundlichkeit, der Andere Autorität und Macht, wenn auch gemildert durch Gerechtigkeit.

Der Film bekommt seinen Haut-Gout durch den Zeitpunkt, an dem er gemacht wurde, nämlich 1944. Die Niederlage war für jeden, der sehen wollte, schon absehbar. Die Verluste an Söhnen, Ehemännern, Brüdern und Vätern waren bereits schmerzlich spürbar. (Deren schlimme Taten waren noch halb im Verborgenen.) In dem ganzen Film kommt kein Soldat vor, kein Wehrdienst, keine Flagge. Wohl gibt es deutsch-patriotische Töne, die aber beziehen sich auf zutiefst friedliche und menschenfreundliche Erfolge, nämlich Justus von Liebigs Entwicklung der Kunstdüngung – ja, es wird sogar die Überlegenheit der friedlichen gegenüber der kriegerischen Großtat verkündet.

Dann Pfeiffer-Rühmanns Schlussrede, in der er alles als Phantasiegebilde offenbart, als süßen Traum, aus der Sehnsucht nach der heilen Welt geboren, die im Gegensatz zu einer offensichtlich ernsten Wirklichkeit steht. Und er spricht diese Schlussrede durch die Flammen der Feuerzangenbowle hindurch, die durchaus auch die Flammen symbolisieren könnten, die zu diesem Zeitpunkt bereits viele deutsche Städte verschlangen.