Ein wenig Aprilnachmittag und ein wenig philosophieren über die Deckung

Fahre mit dem grazilen, flinken Rad über das Tempelhofer Feld, es ist leicht in meiner Hand und es trägt mich, es rollt mit mir, wohin ich will. Die unglaubliche Weite, ein Rückenwind, eine wärmende Aprilsonne, eine Feldlärche, die oben in der Luft steht und trillert, machen alles leicht.

Ich bin nicht auf dem Rückweg von der Arbeit, nein: ich bin mitten auf einer zehntausend-Kilometer-Radtour, ich erforsche neue Wege, ich schweife ab, erfüllt von Erwartung.

Da ist der Uferweg und all die verschiedenen Leute, die mir entgegenkommen oder am Rand sitzen und auf ganz verschiedene Weisen miteinander sprechen. Ich überhole einen Mann mit einem Buggy, in dem ein kleines Mädchen sitzt. Über dem Bügel vor ihr hängt eine Decke, so dass sie rundum Schutz um sich hat. Sie schaut glücklich aus ihrem Wagen und schleckt ein Eis.

Die Decke gibt ihr Deckung. Kennt ihr das Phänomen der Deckung auch? Man hat im Rücken etwas Großes: eine Wand oder ähnliches und vor sich einen Sichtschutz, der einem selbst aber erlaubt, draußen alles zu sehen, idealerweise noch ein Dach über sich.
Diese Konfiguration verursacht ein bestimmtes Behagen. Sie ist fast heilsam.

Das ist noch evolutionäres Erbe aus Jahrmillionen.

Tempelhofer Feld, aus der Deckung hinter dem Unterarm gesehen.

 

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Der Körper

Betrachten wir einen menschlichen Körper von außen, so ist er glatt und schön, von einer wunderbaren Haut bedeckt. Sehen wir jedoch ins Innere, so ist er überall feucht, ja nass, erfüllt von Flüssigkeiten: Blut, Lymphe, Zellflüssigkeit. Und er tauscht Flüssigkeit mit seiner Umgebung aus: Schweiß, Speichel, Tränenflüssigkeit, Urin, Magensäure (der Verdauungstrakt ist topologisch gesehen Körperumgebung), Galle & c.

Dieses mir klarzumachen fasziniert mich seltsamerweise.

Der evolutionäre Ursprung all dieser Flüssigkeiten ist das Urmeer, in dem sich die ersten Zellen gebildet haben; sie haben dann im weiteren Verlauf der Evolution ihre flüssige Umgebung quasi mit sich mitgenommen, unsichtbar, verborgen hinter dieser wundervollen Hülle der Haut, aufrechterhalten durch eine genau dosierte, sorgfältig gesteuerte Abgabe und Aufnahme von Wasser.

Damit nicht genug des Wunderns: Dieser in Flüssigkeit getauchte, nasse, von Wasser in verschiedenen Formen durchzogene Organismus ist gleichzeitig von Elektrizität durchflossen – ein offensichtlicher Widerspruch, aber es ist so: Jede willkürliche oder unwillkürliche Bewegung ist von Spannungen und Strömen begleitet, jede Wahrnehmung, jedes Gefühl; jeder Gedanke besteht aus Strömen, die in Form schwacher Impulse in  einem unfassbar komplexen Leitungssystem, das durch dünne Membranen gerade genug isoliert ist, herumfließen. Und diese Ströme machen unsere Lebendigkeit aus: erlöschen sie, erlischt das Leben.

Wir sind eigentlich elektrische Wesen, nasse elektrische Wesen.

worry be happy

Die Freunde wünschen einem, eine schöne Zeit zu verleben.

Wie wir alle wissen, gelingt das nicht immer perfekt.

Was Andere einem wünschen mag schön sein und aus Liebe kommen, aber in letzter Konsequenz gehört es zu ihnen.

Sei so schlecht drauf wie du willst!

Eine von den heilsamen Paradoxien.

 

Sei so (schlecht | gut | mittel | alles zusammen | nichts davon) drauf wie du willst!

 

Im Zufälligen und doch entschieden.

Eine Sicht auf den Menschen von einem imaginären höheren Standpunkt aus ist die als Organismus im lebendigen Netz der sozialen Beziehungen.

Dort fluktuieren Gedanken und Konzepte, die ihre Speicher in uns und in den Medien finden, und die unser Wahrnehmen, Fühlen und Handeln inspirieren. (Medium ist dabei alles von Papier bis zum Webserver…) Und diese Fluktuation ist chaotisch, unvorhersehbar. Sie findet immer wieder quasistabile Zustände, die dann als „Realität“ erscheinen. Ob wir nun von Konzepten inspiriert werden, die Leid oder Freude erzeugen, ist ebenfalls zufällig.

Allerdings erzeugt diese Sicht auf das Ganze Freude in mir.

Vom realen Standpunkt in diesem Netz in diesem Leben aus gesehen stellt sich sie Sache anders dar:

Wissend, dass unser Wahrnehmungshorizont zufällig ist, sollten wir ihn doch – wie er ist – annehmen und ausschöpfen. Wissend, dass wir ihn beschränken müssen, um handeln zu können, sollten wir die Beschränkung so verantwortlich und entschieden wie möglich vornehmen. Wissend, dass der Widerspruch zwischen Altruismus und Egoismus unentrinnbar ist, sollten wir den Punkt in dem Intervall zwischen diesen beiden Polen ohne Begründung wählen, und dabei beweglich bleiben.

 

Bescheidenheit in Bezug auf unsere Erfolge

Dass wir in der Vergangenheit die Kraft für unsere Erfolge fanden, hatte – genau betrachtet – zufällige Ursachen, und wenn wir in der Zukunft diese Kraft finden werden, wird auch das zufällig sein. Der einzige Ort, an dem unsere Anstrengung nicht zufällig ist, ist das Jetzt.

Das bedeutet, dass es angemessen ist, mehr Bescheidenheit in Bezug auf unsere Errungenschaften der Vergangenheit zu hegen sowie auch weniger Bedauern über unser Scheitern, mehr Zurückhaltung in Bezug auf unsere Erfolge der Zukunft sowie auch weniger Furcht vor unseren möglichen Misserfolgen. Uns einzusetzen, Stolz, Bedauern, Hoffnung und Furcht sind Dinge, die dem Jetzt gehören, die dem Jetzt Kraft geben und Sinn.

(Eine Eigentümlichkeit von Freiheit und der Verantwortung ist, dass sie nur im Jetzt sinnvolle Begriffe sind.)

 

Zwei Ansätze für Frieden: Zivilität und Vergebung

Große Worte von einem kleinen Blogger in einem Berlin-Kreuzberger Hinterhof.

Aber warum nicht?

Zivilität

Damit meine ich, Akte der Gewalt nicht als von einer Gruppe, sondern vom Individuum ausgehend zu begreifen, und darauf nicht per Kampf gegen die Gruppe, sondern als Gesamtgesellschaft gegen gewalttätige Individuen zu reagieren.

Eines der bekanntesten Beispiele dafür sind die Nürnberger Prozesse. Auch der Internationale Gerichtshof im Haag gehört dorthin.

Weitergehend stelle ich mir vor, dass etwa Israel auf die arabisch-palästinensischen Raketenangriffe nicht mit eigenen Kriegsmaßnahmen reagiert, die die Kampfstellung zweier Kollektive (wie Alfred Adler das vielleicht nennen würde) nur bestärkt, sondern mit strafrechtlichen Klagen vor einem arabisch-palästinensischen Gericht. Absurd? So weit sollte es kommen.

Vergebung

scheint eine christliche Kategorie zu sein, ist es aber  nicht: jede Kultur kennt sie. Ich verzichte auf die Rache, ich verzichte auf einen Teil meiner Macht, ich verzichte darauf, alles, was ich als mein Recht ansehe, durchzusetzen, um eine Zukunft zu erreichen, die nicht durch bitteren Kampf geprägt ist.

Beispiele sind etwa das Verhalten der Siegermächte gegenüber Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und jüngst der Friedensvertrag der kolumbianischen Regierung mit den FARC.

Diese Elemente können vielleicht mehr und mehr in das öffentliche und private Gespräch über alles einfließen.