Sloterdijk und Palestina

Lese seit längerem in kleinen Häppchen den Salonphilosophen Sloterdijk: „Zorn und Zeit“. Der Mann hat so viele witzige und (finde ich) treffende, manchmal auch bissige, Wort- und Begriffsschöpfungen, dass ich jedes Mal in Jammer darüber ausbreche, dass die meisten davon allzubald im Strom der Zeit aus meinem Gedächtnis davongeschwommen sein werden.

Die Grundidee des Buches ist die Darstellung von Zorn, Machtausübung und Selbstbehauptung – oder den Wunsch dazu – in der Geschichte der Kollektive. Im Moment bin ich bei seiner Abhandlung des Alten Testaments und hier speziell der Genesis und der Psalmen.

Er interpretiert Erstere nicht nur als großartige Erzählung des Anfangs der Welt, sondern auch als eine subtile Zornreaktion der Juden auf ihr babylonisches Gefangensein: gerade die elementare geistige Wucht der Erschaffung der Welt durch den Einen Gott demonstriere für jeden dessen Überlegenheit über die Bedrücker und deren „polytheistische Entourage“.

In den Psalmen findet Sloterdijk ehrlich bewegt „singuläre spirituelle Reichtümer“, die keinen Vergleich etwa mit indischen oder chinesischen Texten zu scheuen brauchten. Und doch sind dort bittere und innigste Hassausbrüche verzeichnet: Möge der Eine Gott doch die Unterdrücker töten. Man spart nicht mit Bildern, in denen deren Vernichtung ausgemalt wird.

Für Sloterdijk ist das nicht nur Ausdruck einer innigen seelischen Not, die sich Luft verschaffen will, sondern Anhäufung eines Zornschatzes, den man jederzeit zur Wiederauffrischung des Gefühls verwenden könne, Beginn des Phänomens, das man Militanz nennt, „verliererpsychologische Binnenkommunikation“.

Ich musste dabei an die palestinensischen Araber denken, die auch in einer Art babylonischer Gefangenschaft leben, unter der direkten oder indirekten Herrschaft Israels. Die Mechanik des Zorns funktioniert in jeder Richtung.


Anmerkung:
Unter der Bezeichnung „Palestinenser“ nur die arabischen Palestinenser zu verstehen ist eine falsch gewordene Benennungstradition – schließlich ist Palestina die Landschaft, in der Israel liegt, und jeder Israeli ist daher auch Palestinenser. Man tut immer noch so, als seien die jüdischen Israelis (auch hier genau sein!) die Dazugekommenen, die Einwanderer.

Handeln im Kausalitätsgewebe der Welt

Auf dem nächtlichen, frösteligen Heimweg versuchte ich wahrzunehmen, wie jeder Schritt sich aus den fast unendlich in der Welt, zu der auch wir selbst gehören, verdünnten Ursachen, die bereits vorhanden sind, herauskondensiert und ins Bewusstsein tritt. Auch das Schreiben dieses Textes war schon im Hintergrund vorhanden und ist nur eben gerade vor das Auge gekommen.

Wir gehen nicht einfach vor in einer unbekannten Welt, sondern unser zukünftiges Selbst ist bereits jetzt in der Welt enthalten, in tausend und tausend Dingen und Zusammenhängen, deren Kausalgewebe schließlich zu den Handlungen und den Entschlüssen führt, auf die wir stolz oder nicht so stolz sind.

Lob und Tadel sind in diesem Kontext Interventionen, die nachträglich Verhalten verstärken oder schwächen sollen. Verantwortung ist eine Intervention, die den Geist auf die Wahrnehmung der Folgen – oft nur bestimmter Folgen – unseres Handelns hinlenken soll. Und diese Interventionen sind selbst ebenfalls im Gewebe der Welt enthalten und entfalten sich im Zusammenhang mit unseren Handlungen.

Hilft solches Denken reale Probleme zu lösen? Ist doch das im Gewebe der Welt Eingewebte uns prinzipiell nicht zugänglich – wir wissen nur, dass es da ist. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es bei mir eine eigentümliche Belustigung und gewisse temporäre Ruhe des Geistes bewirkt. Man kann auch eine Technik daraus machen: die Entscheidungen sich aus dem Gewebe der Welt, genauer: was davon in unserem Geist repräsentiert wird, entwickeln sehen, entwickeln lassen – und erst danach dazu stehen.

Über das Mehrdeutige

Etwas Uneindeutiges, das wir intuitiv als wertvoll ansehen, nennen wir „mehrdeutig“, während dasselbe, wenn wir es für wertlos erachten, „beliebig“ genannt wird.

Das Mehrdeutige hat eine wichtige Position im menschlichen Leben, neben den klaren, eindeutigen Dingen. Alle großen Themen sind mehrdeutig. Ich erkenne seinen Wert an einem gewissen Gefühl der Tiefe. Träume sind mehrdeutig, Kunstwerke sind mehrdeutig, Narrative sind mehrdeutig.

Im Traumerleben werden Geistesinhalte anscheinend absichtslos und ohne Beachtung des Realitätswissens in Beziehung miteinander gesetzt, ähnlich wie sich Atome und Moleküle ohne übergreifenden Sinn miteinander verbinden. Dennoch lassen sich die Traumbilder als Metaphern für Lebensthemen interpretieren, die teils satirisch übertreiben, teils innere Wahrheiten über den Umweg von Sprachbildern enthalten können.

In etwas Uneindeutiges Sinn hineinzusehen ist ein Selbstorganisationsprozess des Geistes. Sinn heißt in dem Falle immer: Sinn für uns, in unserer gegenwärtigen Situation. Das produktive Mehrdeutige schafft größere Klarheit auf einer tieferen, schwer verbal zu beschreibenden Ebene. Beim bloß Beliebigen fehlt das. Die Klarheit auf der tieferen Ebene ist letztlich Handlungsleitung, Orientierung und damit Weltwissen.

Wie kommen physikalische Konstanten in die Welt?

Morgendliche Philosophie nach dem Teetrinken:

Jede Konstante entsteht als Grenzwert durch selbstorganisierende Wiederholung. Wenn so das Universum und seine Bestandteile durch selbstorganisierende Wiederholung sich konstituiert, kann es vielleicht zurückgeführt werden auf ein konstantenloses Prinzip. Was wir Konstante nennen, ist eigentlich eine Proportion. Die Größe von Etwas im Verhältnis zu allem Andern und im Kontext einer Reihe von spezifischen Begriffen und Verfahren. Die Konstante und die dazugehörigen Verfahren bedingen einander. (Beispiel: Gravitationskonstante und ihre Messung.). Sie sind aber nicht beliebig. Man kann keinen beliebigen Satz von Verfahren und Konstanten aufstellen, sondern sie sind „elegant“, sie haben sich in einem längeren Prozess von Versuch und Irrtum als die mit geringstem Aufwand an Information Funktionierenden erwiesen, als die Einfachsten.

Man könnte sagen, dass sie die „verallgemeinerten Eigenwerte“ des Universums sind, und die Verfahren dann sozusagen die „verallgemeinerten Eigenvektoren“.

Atavismen

Die Grundformen unseres individuellen und kollektiven Verhaltens wurden nicht in den 300 Jahren seit der Aufklärung gebildet, nicht in den 5000 Jahren Schriftkultur und auch nicht in den 30000 Jahren seit der kognitiven Revolution, sondern in den zwei Millionen Jahren Menschheitsgeschichte, die davor liegen.

Dies gilt für das Verhältnis der Geschlechter ebenso wie für das Führen und Geführtwerden, und insbesondere für die Aggression. Man findet es auch in kleinen Dingen wieder, wie unserer Vorliebe, von Erhebungen herabzusehen, unserem Vergnügen an Parklandschaften und Seeufern, an unserem Bedürfnis nach einem gedeckten Rücken und überhaupt einem Platz, von dem aus wir sehen können, ohne selbst ausgesetzt zu sein, oder dem Unbehagen, wenn jemand Unbekanntes hinter uns läuft.

Wenn ich mir dies klarmache, sehe ich Entwicklungen wie z.B. den deutschen Vernichtungsfeldzug, von dem der Holocaust ein Teil war, überraschend klar als Episode in einer uralten Geschichte, als Atavismus, aufgestiegen aus unvorstellbar weit zurückliegenden Zeiten. Unser Humanismus und unsere Aufgeklärtheit können das vielleicht künftig in Schach halten. Vielleicht!

Ist Gewalt gegen Frauen schlimmer als Gewalt gegen Männer?

Allenthalben finden wir Kampagnen gegen Gewalt gegen Frauen. Was kann dagegen zu sagen sein? Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde sie in einer Hinsicht sexistisch: Ich bin eigentlich gegen jegliche Gewalt, nicht nur gegen die gegen Frauen. Mein Slogen wäre also: „Gegen Gewalt gegen jeglichen Menschen!

Ich finde sogar, dass die Gegen-Gewalt-gegen-Frauen-Kampagnen Frauen in einem speziellen Punkt schaden könnten, nämlich insofern sie sie in der Rolle der Schwachen, besonders Beschützenswerten einschließen.

Kann diese Auffassung einem tieferen Nachdenken standhalten?

Diese Kampagnen beziehen Energie aus zwei gesellschaftlichen Topoi:

  1. Frauen als schöne, schwache, aber auch besondere, emotionale und wertvolle Wesen zu sehen, die attraktiv sein wollen, aber auch besonders verletzlich sind. So eine Art Edelsteine unter den Menschen. (Das ist nur die positive Seite der Medaille!) Insofern sind Attacken von Männern gegen sie besonders verwerflich und schändlich. Männer, die dem zustimmen, fühlen sich einerseits ein wenig schlecht wegen ihrer miesen Geschlechtsgenossen, werden aber andererseits durch ein gewisses Gefühl von Edelmut und Größe entschädigt.
  2. Der feministische Diskurs, in dem die Männer die Gegner in einem jahrtausende-alten Kampf der Frauen um ihre Befreiung sind, und in dem dieser Kampf gegen den gemeinsamen Feind die Frauen untereinander zusammenschweißt, ihnen eine Identität als Kämpferinnen für ihre Gruppe gibt. Je nach Vertreterin neigt dieser Diskurs gleichzeitig zu Punkt 1, also Frauen real als besonders beschützenswert zu sehen, oder zu einer Rollenänderung, d.h. dem Aufbauen der Frauen zu starken, unabhängigen und durchsetzungsfähigen Menschen.

In der ersten Position ist es nicht einfach so, dass Gewalt gegen Frauen als Gewalt gegen Schwächere angesehen wird, die geächtet ist, sondern dass sie eine besondere emotionale Aufladung erhält, die auf der Position der Frau als dem Zentrum fürsorglicher Gefühle beruht. Die Gewalt gegen sie ist so nicht nur moralisch, sondern geradezu ästhetisch abscheulich.

Die unterschiedliche emotionale Konnotation zu Frauen und Männern ist ein (unverzichtbarer?) Bindungsklebstoff sowohl zwischen Frau und Mann in der Paarbeziehung, als auch – als eine geteilte Überzeugung – für die gesamte Gesellschaft.

Wäre es nützlich, anstatt gegen Gewalt gegen Frauen nunmehr gegen Gewalt gegen jeglichen Menschen zu kämpfen (das heißt diese unterschiedliche Konnotation zu ignorieren)? Ich weiß es nicht. Ich neige nun beinahe dazu, dies nicht zu tun, aber als eine Entscheidung, nicht nur als ein Reflex.