Deutschland hat den Mund zu voll genommen (ein bischen)

Die Bundesregierung legt in jedem Jahr einen Monitoringbericht zur Energiewende vor, der die Entwicklung des Energieverbrauchs und der Emissionen in Deutschland darstellt. Wer Zahlen liebt, für den ist das ein Paradies(1). Zusätzlich haben vier professorale Energieexperten dazu eine Stellungnahme verfasst (2), deren Tenor im Wesentlichen dem Titel dieses Postings entspricht.

Auf fast allen Teilgebieten ist die Wahrscheinlichkeit, die bis 2020 gesetzten Ziele zu erreichen, nur mittel bis gering.

Als Beispiel hier eine Grafik für die meiner Meinung nach wichtigste Zielgröße, die Treibhausgasemissionen (3):

thg-emissionen-1990-2015

Es wurde durchaus etwas erreicht, aber das da rechts bei 2020 ist die Zielmarke, und das werden wir wohl nicht schaffen, besonders nicht bei dem langsamen Tempo seit 2008.

Eine weitere sehr interessante Grafik bieten die Treibhausgasemissionen je € Inlandsprodukt und je Nase der Bevölkerung:

thg-emissionen-pro-bip-und-nase

Wir emittieren für unseren Wohlstand je Einheit nur noch die Hälfte des Werts von 1990, aber pro Kopf liegen wir immer noch um die 11 t.

Das muss man in Beziehung setzen dazu, dass bei momentaner Emissionsrate die 50 % – Chance mit der Temperaturerhöhung unter 1,5 K zu bleiben, in 9 Jahren unterschritten ist, und die 50 % – 2 K – Chance in 27 Jahren (4). Und dazu, dass der Zielwert bei 2 t / Kopf und Jahr.

(1) http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/fuenfter-monitoring-bericht-energie-der-zukunft.html

(2) http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads/V/fuenfter-monitoring-bericht-energie-der-zukunft-stellungnahme-zusammenfassung.pdf

(3) Die Daten des Monitoringberichtes als Exceldatei

(4) https://www.carbonbrief.org/analysis-only-five-years-left-before-one-point-five-c-budget-is-blown

 

Zwei Ansätze für Frieden: Zivilität und Vergebung

Große Worte von einem kleinen Blogger in einem Berlin-Kreuzberger Hinterhof.

Aber warum nicht?

Zivilität

Damit meine ich, Akte der Gewalt nicht als von einer Gruppe, sondern vom Individuum ausgehend zu begreifen, und darauf nicht per Kampf gegen die Gruppe, sondern als Gesamtgesellschaft gegen gewalttätige Individuen zu reagieren.

Eines der bekanntesten Beispiele dafür sind die Nürnberger Prozesse. Auch der Internationale Gerichtshof im Haag gehört dorthin.

Weitergehend stelle ich mir vor, dass etwa Israel auf die arabisch-palästinensischen Raketenangriffe nicht mit eigenen Kriegsmaßnahmen reagiert, die die Kampfstellung zweier Kollektive (wie Alfred Adler das vielleicht nennen würde) nur bestärkt, sondern mit strafrechtlichen Klagen vor einem arabisch-palästinensischen Gericht. Absurd? So weit sollte es kommen.

Vergebung

scheint eine christliche Kategorie zu sein, ist es aber  nicht: jede Kultur kennt sie. Ich verzichte auf die Rache, ich verzichte auf einen Teil meiner Macht, ich verzichte darauf, alles, was ich als mein Recht ansehe, durchzusetzen, um eine Zukunft zu erreichen, die nicht durch bitteren Kampf geprägt ist.

Beispiele sind etwa das Verhalten der Siegermächte gegenüber Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und jüngst der Friedensvertrag der kolumbianischen Regierung mit den FARC.

Diese Elemente können vielleicht mehr und mehr in das öffentliche und private Gespräch über alles einfließen.

Ein pikantes Detail des Flüchtlingsdramas

zaatri refugee camp
Das Flüchtlingslage Za’atri in Jordanien (Quelle)

Viele der Menschen, die jetzt aus Syrien fliehen, würden gern in Jordanien oder Libanon bleiben, weil dort arabisch gesprochen wird, oder in der Türkei, weil sie dann näher bei ihrem Zuhause sind, sollte der Krieg einmal enden. Dies sagte Melissa Fleming, Sprecherin des UNHCR, gerade bei Günther Jauch.

Sie können dies jedoch nicht, weil die Nachbarländer sich weigern, weitere Menschen aufzunehmen und lediglich den Transit erlauben. Darüberhinaus machen viele sich auf den Weg, die seit einiger Zeit, oft schon seit Jahren, in Lagern in den syrischen Nachbarländern leben, weil sie das Lagerleben nicht mehr ertragen.

Diese Lager sind oft vom UNHCR betreut, das sich große Mühe gibt, mit Schulen und Einkaufsmöglichkeiten den Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Und genau dieses UNHCR ist, so Fleming, krass unterfinanziert. Es stellt seit 2010 systematisch Bedarfsbudgets auf, um seine Arbeit nachvollziehbar zu priorisieren und vorauszuplanen. 2014 wurden nur 55 % dieses Ansatzes gedeckt (Quelle).

Der größte Anteil der Spenden stammt von Staaten und staatlichen Organisationen wie der EU, ein kleinerer Teil von Firmen und Privatpersonen. Man muss sagen, dass Deutschland sich hier nicht mit Ruhm bekleckert. Gemessen am Sozialprodukt liegen wir an 18. Stelle, weit hinter den nordischen Ländern, aber auch Großbritannien und den USA (Quelle).

Elmar Brok, Vorsitzender des auswärtigen Ausschusses des EU-Parlaments, sagte in der nämlichen Sendung, dass jeder Euro, der für bessere Versorgung der Flüchtlinge in den syrischen Nachbarländern ausgegeben wird, drei Euro in Deutschland für Integrationskosten erspare.

Ob das so genau stimmt? Plausibel erscheint es jedenfalls.

Eine differenziertere Sicht auf den IS

In dem aktuellen „Monde Diplomatique“ ist eine längere Analyse des Erfolges des IS, der nachdenklich macht.

Er ist genau die Art von Ergänzung der üblichen verkürzten und voreingenommenen Berichterstattung, die wir so dringend brauchen, und sein Inhalt ist in einem Satz: Weder sind die Guten so gut, wie sie dargestellt werden, noch die Bösen so böse.

Das hatten wir uns schon gedacht, hatten aber keinen Ansatzpunkt für diese Ahnung.

Die Kurden sind zweifellos die Guten in unserer Berichterstattung: Sie haben heldenhaft Kobane verteidigt, sie haben dem IS einige weitere Niederlagen zugefügt, wenngleich sie auch selbst welche einstecken mussten, sie wurden von ihren jeweiligen Mehrheitsnationen Irak, Syrien und Türkei – teilweise massiv – unterdrückt und bekämpft. Sie haben eine Menge junger Frauen in ihren Einheiten, was sie per se sympathisch macht.

Nun stellt sich aber heraus (wenn man dem Artikel Glauben schenkt, was ich tue), dass sie in den von der YPG beherrschten Gebieten arabische Familien vertreiben, angeblich aus Angst vor IS-Schläfern. Und dass das Regime im kurdischen Teilstaat im Irak ebenfalls korrupte und unterdrückerische Eigenschaften zeigt, die sogar einige der ihren auf die Seite des IS vertreibt.

Umgekehrt ist es seltsam, dass der IS so viel Zuwachs erhält. Dieser besteht einerseits aus Ausländern, die bei den Einheimischen kein hohes Ansehen genießen, weil sie aus Abenteuerlust oder anderen niederen Motiven kämpfen, andererseits aus zwangsrekrutierten Männern aus den vom IS beherrschten Gebieten. Aber es gibt auch genug Kämpfer, die im IS die einzige Möglichkeit sehen, Rechnungen mit den Leuten zu begleichen, durch die sie verletzt wurden, sei es Assad, seien es (in diesem einen Fall) die Kurden, seien es die Irakischen Schiiten.

Diese Leute nehmen möglicherweise die Brutalität und den Fundamentalismus des IS mehr in Kauf als dass sie sie unterstützen.

Das heißt nicht, dass der IS plötzlich nicht mehr die Bösen sind, zeigt aber doch, dass überall Menschen kämpfen, die uns mit ihrer Weltsicht nicht so völlig fremd und unerklärlich sind, wie die Dämonisierung in den Medien glauben machen will.

Five Broken Cameras

Sah „Five Broken Cameras“ des palästinensischen Bauern Ermad Burnat, der zwischen 2005 und 2010 die Konflikte in seinem Dorf im Zusammenhang mit der Landnahme durch die israelischen Siedler gefilmt hat.

Ich war ziemlich bestürzt über die Willkürherrschaft, die man hier aus der Perspektive derer von unten zu sehen bekommt.

Durch eine eigentümliche Art von Hebelwirkung haben die Siedler Israel in der Hand und Israel die USA.

Sie kommen mit fast allem durch: Körperverletzung, Sachbeschädigung, Landnahme und – ich muss es sagen – Mord. Einer der Freunde des Bauern, eine positive, optimistische Persönlichkeit, wird während der häufigen Demonstrationen ohne ersichtlichen Grund erschossen. Eine furchtbare Szene.

Israel beschwert sich, dass der Westen mit zweierlei Maß messen würde und israelischen Regelverletzungen wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenke als arabischen. Das mag stimmen. Einen Anteil daran mag haben, dass auf einen israelischen zehn bis zwanzig arabische gewaltsame Todesfälle kommen – ein Verhältnis, das für Besatzungskriege typisch ist.

Aber diese besondere Aufmerksamkeit ist keine Benachteiligung, sondern eine Auszeichnung: es zeigt, dass wir Israel als zu uns, zum Westen, zugehörig ansehen, und entsprechend höhere Maßstäbe anlegen!

 

Ein frischer Blick auf das Treibhaus

Im Economist wurde eine Untersuchung zu der Frage veröffentlicht, welche Maßnahmen in der Vergangenheit am meisten zur Dämpfung des Klimawandels beigetragen haben. (Quelle)

Die vier größten Punkte sind

  1. Die Minimierung des CFKW-Ausstoßes durch das Protokoll von Montreal. Das ist überraschend, aber CFKWs sind extrem wirksame Treibhausgase, so wirksam, dass die Vermeidung einer verhältnismäßig kleinen Menge von ihnen eine große Menge von CO2 – Emissionen aufwiegt.
  2. Wasserkraft. Es ist etwas unklar, ob der Zubau von Wasserkraft gemeint ist oder ihre Gesamtgröße.
  3. Kernkraft. Hier gilt die gleiche Unklarheit.
  4. Chinas Ein-Kind-Politik. Auch ein überraschender Punkt! Aber ganz logisch: weniger Menschen – weniger Emissionen. Geburtenkontrolle als absichtsvolle Politik scheint völlig aus der Mode geraten zu sein, seit die Geburtenraten weltweit zurückgehen.

Die Aufstellung ist mit mehr als einem Körnchen Salz zu genießen, aber sie zeigt, wie wichtig es ist, das ganze System im Blick zu behalten.

Russland im nationalistischen Rausch

“Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.” – diese Gedichtzeile wurde seinerzeit von Brecht auf etwas anderes gemünzt, das wir alle kennen, aber nun sehen wir es wieder: den triumphalen Genuss der eigenen Stärke und  – in Putins Fall – auch Männlichkeitsinszenierung. Die Russen auf den Aufnahmen der Annektionsunterzeichnung waren sichtlich glücklich. So wie die Idioten aller Zeiten mit stolzgeschwellter Brust glücklich über einen starken und – noch – erfolgreichen Führer waren, der den eigenen Ruhm mehrte.

In der Ukraine – und im Westen – die Mimik und Gestik von Geschlagenen, die sich auf den dünnen Steg völkerrechtlicher Erwägungen und hilfloser Sanktionen zurückgezogen haben, die bei den Russen den nationalistischen Rausch doch nur verstärken. Niemand, der ihn beim Namen nennt, obwohl gerade dieser Ebenenwechsel dringend nötig wäre.

Wer die Spielregeln zuerst bricht und dadurch gewinnt, demütigt den Mitspieler, der ihm das nie verzeihen wird. Er setzt ihn vor die Alternative, das Tor zur Hölle noch weiter aufzustoßen, oder unbefriedigt zu bleiben.

Das ist das eigentliche Verbrechen – nicht, eine Rechtsregelung umzustoßen, sondern den Andern das Gesicht verlieren zu lassen, und dadurch Hass zu säen. Das Problem ist nicht ein rechtliches, es ist ein zwischenmenschliches.

Die Lösung ist, den nationalistischen Rausch beim Namen zu nennen und zu verlachen, als Rückfall in vorzivilisatorische Zeiten.