Das Leben der Kontexte

Höre Radio und beobachte, wie jeder Satz durch Themenwahl, Wortwahl, Stimmlage &c. implizit einen Kontext aufspannt, auf den man einsteigen kann, den man modifizieren kann, ablehnen kann oder den man komplett brechen kann.

In jedem Gespräch entwickelt sich der Kontext von Satz zu Satz auf eine dieser vier Arten.

Unter Kontext kann man das gerade aktive Assoziationsspektrum verstehen.

Das Unangenehme positiv bewerten

Eine Übung, die helfen kann, aus der Falle des Angenehmen hinaus zu gehen.

Für die Menschen, die sich öfter in dieser Falle wiederfinden.

Unangenehmes ruft oft als Assoziationen unangenehme Bewertungen hervor, die aus dem Regal der in der Gesellschaft angebotenen Interpretationsmuster genommen werden. Es ruft Projektionen in die Zukunft hervor, dass es noch schlimmer werde &c.

Es folgen unter Umständen als Reaktionen zweiter Ordnung Bestürzung oder Ärger über diese Bewertungen und Projektionen.

Das ist ein Rattenkönig von unangenehmen Prozessen, die sich gegenseitig triggern.

Das kann man abschneiden, wenn man es schafft, das Unangenehme von vornherein positiv zu bewerten. Das muss man üben.

Das heißt nicht, dass man es als angenehm deklariert. Man gibt aber seinem Bauch und Geist mehr Raum, quasi ungestört damit umzugehen.

Man könnte es auch neutral bewerten. Das Positive aber ist eine zusätzliche Stärkung des Selbst.

Über Erzählungen

Grau in Wolken und Seele. Wieder die eigentümlich Morgenklarheit im Halbschlaf: „Der Erfolg winkt, wenn du ins Handeln gehst wider Bequemlichkeit, Unvertrautheit, Furcht, Abwertung, Misserfolgsmöglichkeit.“

Die Geschichte des Scheiterns kann eine ergreifende, tragische, hochromantische Geschichte sein, und eine Gegenerzählung, die eigentlich eine Für-Erzählung ist, kann dünn, zerfasert und unwahrscheinlich sein.

Nicht vergessen, dass ausnahmslos jede Erzählung willkürlich ist, dass es aber Elemente gibt, die nicht willkürlich sind. Erzählungen über einsame Weihnachtsabende zum Beispiel. Dass des Weiteren Erzählungen, die nur im eigenen Geist stattfinden, nicht nur besonders leicht ausgetauscht werden können, sondern auch leicht sind, flüchtig. Eine Erzählung ist quasi eine Themenwahl, und man kann andere Themen wählen. Aber sie kann auch tiefe, starke, schöne Gefühle hervorlocken, wenn sie im Gespräch und Handeln lebt.

Die tragische Erzählung ist eine Wahl, aber eine, die nicht in den luftleeren Raum hinein erfunden wurde: es gibt schon reale Formen, die relativ zu Anderen angenehm oder unangenehm sind. Die Erzählung bietet eine Art Fokussierungs- und Verstärkungsfaktor. Den weise einsetzen. Das muss man erstmal können! Immerhin ist das reale relativ-Schöne die Basis für eine schöne Erzählung.

Da ist niemand mehr!

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Die künstliche Intelligenz ist schon seit 40 Jahren im Gespräch. Neuronale Netze gibt es auch schon lange. Aber sie stehen nun an ihrem Durchbruch: sie beginnen, sich selbst ein Bild der Welt zu machen, oder immerhin des Teils der Welt, auf den sie angewandt werden.

Die Maschinen spielen besser Schach und Go als wir, komponieren Musik, steuern Autos und Werkzeugmaschinen, pflegen Menschen , bringen uns Fremdsprachen bei ,&c. p. p.

In Kürze werden sie den Turing-Test bestehen können. Wir bekommen eine Oberfläche vorgesetzt, die uns reagieren lässt wie auf etwas anderes Reales.

Das begann schon mit dem ersten zeitversetzten Aufnehmen menschlicher Sprache, d.h. mit der Schrift, und der konservierten, vom Objekt gelösten Form, dem Bild. Seitdem kennen wir die eigentümliche Spannung zwischen unserer Reaktion auf das Dargebotene, die der auf das Reale ähnlich ist, und dem Wissen, dass es sich nur um einen Informationsträger, quasi ein Kunstobjekt, handelt. Diese Spannung macht gerade einen Teil des Kunstgenusses aus.

Dann kam die europäische Musik, in der die Noten bereits eine Konserve der Gedanken des Komponisten darstellen. Aber die Aufführung ist noch real, ein soziales Ereignis in Echtzeit und Echtraum.

Dann kamen Tonkonserven und Filme. Die Oberfläche eines Ereignisses kann nun beliebig kopiert und wiederholt werden. Oft wissen wir nicht einmal, ob wir es mit Echtzeit oder Konserve zu tun haben. Wir wissen nicht mehr, ob hinter der Wand jemand ist oder nicht! Die Radiomoderatorin sagt: „Sie hörten ein aufgezeichnetes Gespräch.“ Die Ansagen auf den Bahnhöfen kommen von der Maschine. Ebenso die die des Sprachcomputers am Support-Telefon.

Und nun treibt die gefakte Interaktion die Relativierung des Gegenübers auf die Spitze. Wir werden einsamer, aber wir merken es nicht, weil all die künstlichen Oberflächen unser System reagieren lassen wie auf reale Gegenüber.

Aber was zeichnet denn dann das reale Gegenüber aus, wenn die Oberflächen es immer besser und besser simulieren?

Dass wir eine emotionale Bindung mit ihnen aufbauen können? Das können wir auch zu Dingen, wie jeder weiß, der einmal beim Verschrotten seines Autos traurig geworden ist. Immerhin ist ein Auto etwas Reales. Ist es das Nichtflüchtige? Ein Programm ist sofort weg, wenn ich den Strom ausschalte. Aber auch ein Mensch ist weg, wenn keine Ströme mehr in ihm fließen, obwohl sein Körper noch derselbe ist. Auch ein Mensch ist flüchtig. Das erschreckt. Immerhin, verglichen mit Software ist er beständig.

Der logische Endpunkt dieser Entwicklung ist der Android, der künstliche Mensch, den wir lieben und hassen können und der selbst sich freuen und leiden kann. Wir nähern uns ihm asymptotisch nicht nur über neuronale Netze, sondern auch über die Prothetik, die Kunst, Körperbestandteile des Menschen durch Künstliche zu ersetzen.  Wenn wir alles ersetzt haben – gibt es einen Kern, der nicht ersetzbar ist?

Die Grenze zwischen „Gegenüber“ und „kein Gegenüber“, zwischen Realität und Simulation, verschwimmt, wenn man analytisch hinschaut. Wir müssen irgendwie mit diesem Verschwimmen zu leben lernen. Und dabei nicht vergessen, dass wir reale Menschen brauchen.

 


Bild: By en:User:CburnettOwn workThis vector image was created with Inkscape., CC BY-SA 3.0, Link

Ein Element: Respektieren

Eine Erkenntnis aus der Meditation: meine Entscheidungen zu  respektieren. Das heißt ganz und garnicht, ihre Wirkungen zu negieren. Im Gegenteil. Es heißt, ihre Wirkungen zu würdigen.

Es heißt auch, die Entscheidungen anderer zu respektieren.

Dies ist noch nicht das Ziel. Das Ziel ist, in einem Flow von Wahrnehmungen, Gefühlen, Entscheidungen, Handlungen und Reflektionen zu sein. Wenn ich über das Respektieren oder Nichtrespektieren von Entscheidungen nachdenke, bin ich bereits nicht mehr in diesem Flow.

Einige von Euch werden das nachvollziehen können, anderen wird es gar nichts sagen.

Sozialismus ist gesund

Das ist natürlich ein kleiner Scherz. Aber mit einem wahren Kern.

In vielen Untersuchungen ist eine Korrelation von sozialer Gleichheit einer Gesellschaft und der Lebenserwartung der Menschen, die in ihnen leben festgestellt worden.

Es  scheint so zu sein, dass der absolute Reichtum einer Gesellschaft nur einer von mehreren Faktoren ist, die Zufriedenheit und Lebenserwartung bestimmen, und dass die erlebte (ökonomische) Gleichheit mindestens ebenso stark wirken.

Am meisten beeindruckt hat mich das Beispiel des amerikanischen Städtchens Roseto. Dort starb bis in die sechziger Jahre hinein kaum jemand an Herzinfarkt, obwohl man rauchte und fett aß. Die Einwohner stammten alle aus Apulien. Sie erhielten sich ihre Rituale einer italienischen Kleinstadt: der tägliche Abendspaziergang, das Spielen in Clubs, das Abhalten von Prozessionen und Kirchenfesten. Es war verpönt, Reichtum zu zeigen und es war unmöglich, an Kleidung, Auto oder Haus Arme oder Vermögende zu erkennen. Unter den meisten Dächern lebten drei Generationen. Jeder konnte sich auf seine Familie und Nachbarn verlassen.

In den 70ern fingen die Leute an, ihren Reichtum zu zeigen, mit dicken Autos, Häusern, Swimming Pools, und bumms – kam der Herztod zu ihnen in demselben Maß wie zu allen anderen US-Amerikanern.

Eine Korrelation ist noch keine Kausalität, aber wenn sie oft genug wiedergefunden wird, kommt sie ihr schon ziemlich nahe.

Oberhalb eines gewissen Levels ist nicht die Armut das Problem, sondern die Demütigung.

Zum Glück scheint in letzter Zeit die Verminderung von Ungleichheit mehr und mehr zu einem allgemein und öffentlich akzeptierten Ziel zu werden.

Informationen aus: Stefan Klein: Die Glücksformel, rororo 2004, p 264 ff.