Mitten auf der Kreuzung

Ich genieße den Anblick des regennassen Kopfsteinpflasters mit den verwitterten Bitumenresten dazwischen. Auch die Stadt ist verbunden mit dem Himmel, aus dem der Regen kam. Aus der Ferne kommt ein einzelnes Auto langsam.

Handeln im Kausalitätsgewebe der Welt

Auf dem nächtlichen, frösteligen Heimweg versuchte ich wahrzunehmen, wie jeder Schritt sich aus den fast unendlich in der Welt, zu der auch wir selbst gehören, verdünnten Ursachen, die bereits vorhanden sind, herauskondensiert und ins Bewusstsein tritt. Auch das Schreiben dieses Textes war schon im Hintergrund vorhanden und ist nur eben gerade vor das Auge gekommen.

Wir gehen nicht einfach vor in einer unbekannten Welt, sondern unser zukünftiges Selbst ist bereits jetzt in der Welt enthalten, in tausend und tausend Dingen und Zusammenhängen, deren Kausalgewebe schließlich zu den Handlungen und den Entschlüssen führt, auf die wir stolz oder nicht so stolz sind.

Lob und Tadel sind in diesem Kontext Interventionen, die nachträglich Verhalten verstärken oder schwächen sollen. Verantwortung ist eine Intervention, die den Geist auf die Wahrnehmung der Folgen – oft nur bestimmter Folgen – unseres Handelns hinlenken soll. Und diese Interventionen sind selbst ebenfalls im Gewebe der Welt enthalten und entfalten sich im Zusammenhang mit unseren Handlungen.

Hilft solches Denken reale Probleme zu lösen? Ist doch das im Gewebe der Welt Eingewebte uns prinzipiell nicht zugänglich – wir wissen nur, dass es da ist. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es bei mir eine eigentümliche Belustigung und gewisse temporäre Ruhe des Geistes bewirkt. Man kann auch eine Technik daraus machen: die Entscheidungen sich aus dem Gewebe der Welt, genauer: was davon in unserem Geist repräsentiert wird, entwickeln sehen, entwickeln lassen – und erst danach dazu stehen.

Eine Sache, die wir vom Islam lernen können

Ein gläubiger Muslim betet mehrere Male am Tag („Salat“). Einige beten drei Mal, die meisten aber fünf Mal (Quelle).

Als Atheist kann ich natürlich nicht beten, aber ich kann meditieren, Autosuggestionen anwenden, Autogenes Training machen oder Ähnliches – wesentlich ist, dass ich mich für eine definierte Zeit aus dem Fluss der Interaktionen heraus nehme und bewusst nur für mich bin.

Man kann ein Gebet oder religiöses Ritual auch als Meditation auffassen, wenn man den Begriff weit fasst; es geht dabei vorrangig um meinen inneren Zustand, wobei die Gottesvorstellung als Hilfsmittel benutzt wird. Sehr viele Meditationstraditionen benutzen Hilfsmittel, sowohl Reale als auch Imaginierte.

Meine Übung besteht im Moment aus zwei Phasen von fünf Minuten. Zuerst versuche ich, Atem, Stimme, Bewegung und Gesichtsausdruck zu benutzen, um jede Emotion, die im Moment präsent ist, auszudrücken. (Diese ist angelehnt an die zweite Phase der „Dynamischen Meditation“ von Osho.) Danach sammle ich mich, nehme meine Kraft zusammen, erinnere mich an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen und denke noch mehr Gedanken in Richtung klarer Aktion, ebenfalls während ich mich bewege.

Meine Erfahrung damit, dieses mindestens drei Mal am Tag zu tun, ist sehr positiv. Negative Zustände von Enge oder Bedrücktheit vermindern sich sofort, und allein die Erfahrung, dass das möglich ist, geben mir nicht nur Motivation, sondern auch ein grundlegend besseres Weltgefühl.

Ich wünsche mir eine Arbeit, wo ich mindestens einmal, besser zweimal am Tag 10 Minuten in einem Raum für mich sein kann, um dieses zu tun.

Klimawandel nervt – ihn zu bekämpfen auch

Freunde sitzen zusammen. Man beschließt, im nächsten Jahr nach Australien zu fliegen, um einen von uns zum 60. Geburtstag zu besuchen. Zwei mal 16000 Kilometer. Kann man als bewusster Mensch nicht machen, sowas. Töchter fliegen nach Ghana oder Mexiko zum Sozialpraktikum, ohne auch nur eine Sekunde zu zweifeln.

Der Vermieter will die Wohnung begehen. Technischer Zustand und auch „Energiesparpotentiale“. Wenn das mal nicht auf eine energetische Sanierung hinausläuft. Der Klimaschützer in mir kann das nur begrüßen. Der Gegenwartsmensch in mir jedoch fürchtet, durch die umgelegten Kosten die Wohnung nicht mehr halten zu können. Das täte richtig weh.

Nur zwei Aspekte, wo Klimaschutz unangenehm bis richtig unangenehm ist – und zwar besonders, wenn man es als Einzelner tut.

Ich will das nicht kritisieren, ich will es nur würdigen. So kann es sich anfühlen. Es ist kein Wunder, dass die Leute es verdrängen – bestenfalls aus ihrer Zuständigkeit in die politische Sphäre, schlimmstenfalls total.

Unter Andrem auch deswegen brauchen wir die politische Ebene. Die Hürde für den Einzelnen ist verdammt hoch, zumindest solange die Mainstream-Menschen noch so ignorant sind.

Nachtzug


München Hauptbahnhof, das freie Gefühl des Reisenden stellt sich ein als ich über den Bahnsteig ging. Männer in Lederhosen und Frauen in Dirndkleidern wollen zum Oktoberfest. Die ganzen Chinesen desgleichen. Mein Zug steht noch nicht am Gleis 11. Bereits etliche Italiener zu erkennen. Am Bahnhof gibt’s 30 minuten WLAN. Ich will mal sehen, ob ich die ÖBB App runterladen kann. Damit kann ich vielleicht ein Ticket kaufen, ohne dass ich einen Drucker bemühen muss. Ja es geht, aber es ist recht undurchsichtig. 21:07 Im Zug. Im Abteil hat sich eine kleine Gemeinschaft gebildet: eine Italienerin, zwei junge, etwas dickliche Amerikanerinnen und ich. Die Italienerin ist aus einem Dorf bei Bologna und schimpft über die schwarzen Gestalten am Münchener Bahnhof,die nicht arbeiten et c. Die Amerikanerinnen sind auf einer zweimonatigen Tour d’Europe und fahren nach Florenz, dann Budapest. Der Rest des Zuges ist voll mit Jugendlichen,die alles toll finden. Ich hatte mich geirrt mit dem Ticket: ich habe keinen Liegewagen sondern normales Abteil – aber eins von der alten Sorte, wo man die Sitzflächen ausziehen kann; wir sind eben nicht bei der Deutschen Bahn, sondern bei der ÖBB, wo man das Bewährte noch nicht für das Schicke geopfert hat. Nach dem zum besseren Schlaf notwendigen Bier stellt sich das altbekannte Nacht-Bahnfahrgefühl ein: der ruckelnde Wagen, der lange Gang, vorbeihuschende Lichter, warten bis man müde ist, das Quietschen irgendwelcher Türen, ein höllischer Lärm, wenn sich die Schiebetür zu dem kleinen Raum zwischen den Waggons öffnet, zur Seite gedrückt zu werden in den Kurven – kurz: sich im Zug geborgen fühlen.

Das Unangenehme positiv bewerten

Eine Übung, die helfen kann, aus der Falle des Angenehmen hinaus zu gehen.

Für die Menschen, die sich öfter in dieser Falle wiederfinden.

Unangenehmes ruft oft als Assoziationen unangenehme Bewertungen hervor, die aus dem Regal der in der Gesellschaft angebotenen Interpretationsmuster genommen werden. Es ruft Projektionen in die Zukunft hervor, dass es noch schlimmer werde &c.

Es folgen unter Umständen als Reaktionen zweiter Ordnung Bestürzung oder Ärger über diese Bewertungen und Projektionen.

Das ist ein Rattenkönig von unangenehmen Prozessen, die sich gegenseitig triggern.

Das kann man abschneiden, wenn man es schafft, das Unangenehme von vornherein positiv zu bewerten. Das muss man üben.

Das heißt nicht, dass man es als angenehm deklariert. Man gibt aber seinem Bauch und Geist mehr Raum, quasi ungestört damit umzugehen.

Man könnte es auch neutral bewerten. Das Positive aber ist eine zusätzliche Stärkung des Selbst.

Ein banaler Ubahnhof

2018-01-26 003 abends görlitzer bhf 1980breit

Ich liebe den Blick durch Öffnungen oder Scheiben  in Gehäuse, wie hier die Treppenhäuser, in denen Menschen hinauf- oder heruntersteigen. Erst im Nachhinein sah ich die Resonanz der schrägen Linien des außer Dienst gestellten Radweges und des Schattens der Gleisbrücke an der Wand. Das Bild hat große Tiefe nach rechts hin. Die planenartige Struktur am Fuß der Wand ist tatsächlich ein Bett, in dem nachts jemand schläft!