Ist Gewalt gegen Frauen schlimmer als Gewalt gegen Männer?

Allenthalben finden wir Kampagnen gegen Gewalt gegen Frauen. Was kann dagegen zu sagen sein? Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde sie in einer Hinsicht sexistisch: Ich bin eigentlich gegen jegliche Gewalt, nicht nur gegen die gegen Frauen. Mein Slogen wäre also: „Gegen Gewalt gegen jeglichen Menschen!

Ich finde sogar, dass die Gegen-Gewalt-gegen-Frauen-Kampagnen Frauen in einem speziellen Punkt schaden könnten, nämlich insofern sie sie in der Rolle der Schwachen, besonders Beschützenswerten einschließen.

Kann diese Auffassung einem tieferen Nachdenken standhalten?

Diese Kampagnen beziehen Energie aus zwei gesellschaftlichen Topoi:

  1. Frauen als schöne, schwache, aber auch besondere, emotionale und wertvolle Wesen zu sehen, die attraktiv sein wollen, aber auch besonders verletzlich sind. So eine Art Edelsteine unter den Menschen. (Das ist nur die positive Seite der Medaille!) Insofern sind Attacken von Männern gegen sie besonders verwerflich und schändlich. Männer, die dem zustimmen, fühlen sich einerseits ein wenig schlecht wegen ihrer miesen Geschlechtsgenossen, werden aber andererseits durch ein gewisses Gefühl von Edelmut und Größe entschädigt.
  2. Der feministische Diskurs, in dem die Männer die Gegner in einem jahrtausende-alten Kampf der Frauen um ihre Befreiung sind, und in dem dieser Kampf gegen den gemeinsamen Feind die Frauen untereinander zusammenschweißt, ihnen eine Identität als Kämpferinnen für ihre Gruppe gibt. Je nach Vertreterin neigt dieser Diskurs gleichzeitig zu Punkt 1, also Frauen real als besonders beschützenswert zu sehen, oder zu einer Rollenänderung, d.h. dem Aufbauen der Frauen zu starken, unabhängigen und durchsetzungsfähigen Menschen.

In der ersten Position ist es nicht einfach so, dass Gewalt gegen Frauen als Gewalt gegen Schwächere angesehen wird, die geächtet ist, sondern dass sie eine besondere emotionale Aufladung erhält, die auf der Position der Frau als dem Zentrum fürsorglicher Gefühle beruht. Die Gewalt gegen sie ist so nicht nur moralisch, sondern geradezu ästhetisch abscheulich.

Die unterschiedliche emotionale Konnotation zu Frauen und Männern ist ein (unverzichtbarer?) Bindungsklebstoff sowohl zwischen Frau und Mann in der Paarbeziehung, als auch – als eine geteilte Überzeugung – für die gesamte Gesellschaft.

Wäre es nützlich, anstatt gegen Gewalt gegen Frauen nunmehr gegen Gewalt gegen jeglichen Menschen zu kämpfen (das heißt diese unterschiedliche Konnotation zu ignorieren)? Ich weiß es nicht. Ich neige nun beinahe dazu, dies nicht zu tun, aber als eine Entscheidung, nicht nur als ein Reflex.

Größer als jede Rolle

Ich merke, dass ich etwas brauche, das größer ist als jedes Rollenbild, jede Identität.

Das habe ich nicht.

Aber ich habe etwas das kleiner ist, immerhin: den Geist und die Wünsche. Der Geist ist weder männlich noch weiblich, weder jung noch alt, und das trifft auch auf die Wünsche zu. Mann und Frau, jung und alt, sind Resonanzen, die sich in der andauernden Interaktion mit den anderen Menschen bilden, und die so viel tragen wie behindern können.

Dieses sehend, kann man Vergnügen daran finden.

State of the globe: Bevölkerungswachstum und Verhütungsmittel, Nachtrag

Die geschätzte jährliche Zahl der ungeplanten Schwangerschaften (87 Millionen, Quelle) ist höher als der Geburtenüberschuss der Weltbevölkerung (ca. 70 Millionen).

Die Zahl der Frauen, die zu geringen Zugang zu Verhütungsmitteln und Beratung haben, ist etwa drei mal so hoch. (siehe auch meinen früheren Post hier).

Dies zeigt die immense Bedeutung, die dieses Thema hat – nicht nur für jedes einzelne Paar, das weniger, dafür besser ernährte und ausgebildete Kinder aufzieht, sondern auch für das ganze Land, den ganzen Globus.

Der Guardian hat diesem Thema eine Reihe von Artikeln gewidmet. Hier kann man die Steigerung der Verhütungsmittelverwendung in verschiedenen Ländern und Erdteilen verfolgen, und hier, wie die Informationsverbreitung über Friseursalons funktioniert.

Jeffrey Eugenides: Middlesex, das erste Fünftel

Lese mich langsam ein. Hat sogar den Pulitzerpreis gewonnen, 2003. Merke, dass es spannend ist. Möchte wissen, wie es weitergeht – und wie Eugenides das macht, diesen Wunsch in mir wachzurufen.

Seine Bilder sind interessant, oft skurril-treffend, originell. Er vergleicht die Schwangerschaft mit einem Labyrinth, hinter jeder Ecke etwas Neues, Unbekanntes und unentrinnbar. Er beschwört eine Zeitrafferdarstellung herauf, wie wir sie im Film gesehen haben, in der die langsamen Veränderungen des Körpers der Schwangeren vor dem Hintergrund “des Geflackers der Tage und Nächte” ablaufen.

Er ist ehrlich in Bezug auf die Scham und Frustration, die seine unvollständige Männlichkeit in ihm hervorruft. (Denn er ist Hermaphrodit, wurde bis zu seiner Pubertät als Mädchen angesehen und erzogen, bis dann seine Hoden, die im Körper verborgen sind, begannen, ihn zum Mann zu machen.) Er schneidet Szenen aus seinem eigenen Leben und dem seiner Großeltern gegeneinander, und er wendet sich, wie Dostojewskij, gelegentlich direkt an den Leser, sein Schreiben erläuternd.

Dennoch, in all seiner Farbigkeit und seinem Detailreichtum berührt mich das Buch (bis jetzt, ich bin am Ende des ersten Fünftels) weniger als Dostojewskijs Karamasows. Ich weiß nicht warum. Es fühlt sich so an, als würde alle die Originalität und Intelligenz einen gewissen Mangel an Substanz nicht wettmachen können. Wahrscheinlich ungerecht.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Eugenides in diesem ersten Teil sehr viel Geschehen aus einem längeren Zeitraum darstellen muss und deshalb zwangsläufig oberflächlicher bleibt.

Mal sehen wie es sich noch entwickelt.

Klimawandel, Überbevölkerung und Kondome

weltbevoelkerung
Entwicklung der Weltbevölkerung

weltbevoelkerungswachstum
Wachstumsrate in Prozent pro Jahr

Es ist eine Banalität, dass das Klimaproblem nicht nur ein Reichtumsproblem ist, sondern auch ein Übervölkerungsproblem:

  • Es wird durch unsere phantastische Anzahl erst hervorgerufen. Wären wir weniger, würden wir nicht nur deswegen weniger emittieren, wir könnten auch unsere Energiebedürfnisse einfacher regenerativ befriedigen. So ist zum Beispiel die Energie aus Wasserkraft durch die landschaftlichen Gegebenheiten begrenzt. Hätten wir nur die halbe Bevölkerung, hätten wir einen doppelt so hohen Anteil an Strom aus Wasserkraft in Deutschland. Ähnliches gilt für Bioenergie, und auch für Wind.
  • Die Klimaerwärmung wird erst richtig riskant durch die große Anzahl an Menschen, die sich ernähren müssen. Zwar wächst die Welt-Nahrungsmittelproduktion seit längerer Zeit schneller als die Bevölkerung, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass sich dieser Prozess durch Trockenperioden, das Ausbleiben von Schmelzwasser, zusammen mit dem  Leerpumpen unterirdischer Wasservorräte und der Degradation von Ackerböden umkehrt.

Es ist bekannt, dass die Fertilitätsrate abhängig ist vom Bildungsgrad der Menschen, insbesondere der Frauen (siehe etwa hier). Deshalb unterstütze ich UNICEF finanziell, weil die nicht nur Kindern helfen, sondern auch Schulen bauen und ausstatten.

Aber es gibt noch einen anderen, viel direkteren Zugang zum Übervölkerungsproblem – Verhütungsmittel, im puritanischen Entwicklungshilfesprech als „Familienplanung“ umschrieben. Und dort gibt es ein Problem: (ich gebe hier einfach wieder, was Bill und Melinda Gates hier schreiben): 220 Millionen Frauen in Entwicklungsländern haben keinen ausreichenden Zugang zu Verhütungsmitteln und -Informationen und 80 Millionen pro Jahr werden ungewollt schwanger, was sich in 20 Millionen Abtreibungsoperationen niederschlägt 1,2.

Der Geburtenüberschuss auf der Welt liegt bei 76 Millionen pro Jahr (Quelle).

Erhebt sich die Frage, was wir als Normalmenschen da tun können. Schwierig.

 

1   Dass hier die Verhütung komplett als Frauenaufgabe behandelt und das mögliche Bedürfnis von 220 Millionen Männern nach Verhütung  unterschlagen wird, ist für mich nicht nachvollziehbar, ist aber eine andere Baustelle.

2   Enthält nicht die ungewollten Schwangerschaften in den entwickelten Ländern.

Warum ich (beinahe) Oshoist bin

Ich lag im schönen warmen Badewasser, versuchte, den Schmerz und die Gestresstheit des Tages loszuwerden und hörte dabei vom Laptop einen Vortrag: “The vision of tantra”. Diese Lecture transportiert für mich exemplarisch den Geist dieses Mannes, der erst Chandra Mohan Jain hieß, dann Baghwan Shree Rajneesh, dann einfach Osho.

Ich muss sagen, dass ich anfangs durchaus ein wenig erschrocken war über eine gewisse Schärfe und Bestimmtheit in seiner Stimme, in der ich einen Willen zur Macht wahrnehme. Ich finde auch an seiner Rhetorik nicht alles uneingeschränkt toll. So benutzt er oft krasse, gut und böse gegeneinandersetzende Vereinfachungen der Art “die Gesellschaft hat euch verdorben um euch gefügig zu machen (implizit: aber hier findet ihr Befreiung davon), oder “euer Körper ist voller Blockaden” (woher weiß er das? Für viele mag das stimmen, aber…) Es gibt auch Tiraden von ihm, die man nicht anders als als haarsträubenden Unsinn bezeichnen kann. Aber es gibt eben auch jene klaren, luziden, inspirierenden Gedanken, von denen ich hier schreiben will.

osho wild s-w 400 338 Ein erster Gedanke aus der Lecture ist, dass es keinen Mittler, keinen Mittelmann zwischen uns und Gott gibt. Ein Meister ist bestenfalls ein Mittler zwischen unserer Bewusstheit und unserer Unbewusstheit.

Das heißt, dass jeder unmittelbaren Kontakt zu Gott hat (oder auch nicht). Dass mich dieser Gedanke inspiriert hat, wundert mich, da ich doch definitiv Atheist bin – und Osho mit seinem Hintergrund an indischen Religionen ein vom europäischen ziemlich verschiedenes Gottverständnis mitbekommen haben dürfte. Wenn man das so liest, kann man es schwer verstehen. Aber wenn man in einem meditativen Zustand das warme Wasser auf der Haut spürt, dann ist dieses warme Wasser, und es und sich dabei zu genießen, “Gott”, und dies ist unmittelbar, direkt erlebt.

Weiter sagt er, dass wir unser Körper s i n d.Zwar sind wir mehr als das, aber in der tantrischen Sicht verlassen wir diese Grundfläche niemals; alle höheren geistigen Zutaten, alles “höhere” Erleben, bauen bzw. baut darauf auf.

Da kann ich mitgehen. Für mich ist Leben zuerst Körperleben. Körperliches Genießen ist das intensivste, grundlegendste und erstrebenswerteste. Natürlich ist das Leben mindestens so viel soziales Leben wie es Körperleben ist. Die “tantrische Vision” ist keine komplette Lebensanweisung, das sieht man hier. Vielmehr ist sie eine Sichtweise i n n e r h a l b des gesamten Lebens.

Dann baut er uns auf: Unser Körper ist das größte Wunder von allen – er ist es viel mehr wert, bestaunt, genossen und bewundert zu werden als eine Blume, ein Baum, ein Kunstwerk.

Und das ist schön. Das ist keine Eitelkeit, das ist Wertgefühl, und Wertgefühl ist die Grundlage des Glücks. Diese Sicht ist in meinen Augen eine ungewöhnliche, seltene, aber notwendige.

Weiter Osho: Wenn du willst, dass irgendjemand deinen Körper liebt (und wer will das nicht), dann liebe zuerst du selbst deinen Körper. Wenn du das tust, erschaffst du eine Atmosphäre von Lebendigkeit und Akzeptanz um dich herum, die einfach anziehend wirkt.

Andersrum wird daraus auch ein Schuh. Wir wollen uns ja lieben. Wenn wir uns verleugnen, erzeugt das Leid und Leid erzeugt Aggression – und so können wir niemanden besonders lieben. Uns zu lieben fördert also auch unsere Liebe zu anderen.

Diese beiden Aspekte beschwören die Gefahr herauf, sich zu lieben nur als ein Mittel, eine weitere Anforderung an sich zu sehen – erstens um im Rattenrennen nach mehr Attraktivität vorne zu liegen und zweitens um die moralische Forderung, andere zu lieben, zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie Osho meinte, was er sagte, aber ich meine, dass sich und seinen Körper zu lieben zuerst und vor allem in sich selbst schön ist. Ich sehe die Beförderung des Geliebtwerdens durch andere und des Andere-Liebens nur als Vervollständigung einer wunderschönen Skizze, in der sich das Lieben, von einem Kern ausgehend ausbreitet.

Dann zur Lust, die beim Begriff “Tantra” nicht fehlen darf. “Tantra” ist bei Osho nicht eine besondere Art von Sex, sondern eine Art zu erleben, die sexuelle Lust bejaht und integriert. Er meint hier mit Lust etwas anderes als das, was passiert, wenn ein Mann sich Pornos im Internet anschaut. Er meint etwas anderes als die Lust, bei der man etwas erreichen will, zum Beispiel eine oder viele Frauen zu vögeln. Er meint die Bejahung aus ganzem Herzen aller Empfindungen und damit auch jenes süßen Gefühls, das in unseren Geschlechtsorganen lokalisiert, aber mit so vielen anderen Empfindungen verbunden ist – das ist die Bejahung der Lebendigkeit.

Jedenfalls aber ist die Vorstellung, dass der Fluss der körperlichgeistigen Bewegungen in uns leicht und ungehemmt ist eine schöne und erstrebenswerte.

In dieser “Vision des Tantra” taucht allerdings der Lebenskampf, der Kampf um Status, Attraktivität und Reichtum  – oder auch der um das bischen Geld zum Leben – nicht auf. Das Verfolgen äußerer Ziele in diesem Kampf zieht nahezu unvermeidlich das Vergessen und Vernachlässigen der Körperbewusstheit nach sich. Diese Vision hilft, dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, der uns umgibt und an dem wir teilnehmen, nicht völlig auf den Leim zu gehen. Es ist das Paradiesische in ihr, das ich schön finde, auch das Stille, das friedliche Engagement, das sie fordert und auch der unmittelbare Kontakt zum Schönen, der die Motivation geben kann, gegen das Hässliche in der Welt (und das meine ich nicht ästhetisch) anzugehen.