Ein grundlegendes Wunder

M lag morgendlich im Bett, gerade aus dem Traum gekommen,  und dachte bei sich: Jetzt will ich mich doch einmal bewegen! Aber nichts geschah, sein Körper blieb reglos wohlig liegend. Dann antizipierte er das Bewegen seiner Füße in der Vorstellung und aktivierte einen unnennbaren, aber doch jedem bekannten, Informationskanal in sich, und seine Füße bewegten sich. Da gab es diese Lücke zwischen Denken und Handeln, diesen Bereich des Dunkels. Über einen unsichtbaren Abgrund zwischen sich-Vorstellen und Bewegen führt eine unsichtbare Brücke. Vor dem körperlichen Bewegen geht der Geist an eine innere Stelle ohne Namen und ohne Form, die die Bewegung einleitet.

M fand Spaß an dem Spiel. Jetzt will ich mich ein wenig herumwälzen, dachte er, wartete einen kleinen Moment, bevor er die Information in die Realität schickte und sich genüsslich herumwälzte.

Dann fand M etwas Neues: er ließ seinen Körper sich bewegen, ohne etwas zu antizipieren, er ließ ihn frei, überließ ihn seinen spontanen Fluktuationen.

M erinnerte sich, wie er sich dabei zusehen konnte, Dinge automatisch zu tun (oh, wieviel tun wir automatisch!) Er war dann dankbar für die Automatik; sie entlastete ihn – er konnte etwas tun, und innerlich ruhig bleiben, fast sorglos.

Das ist doch eine seltsame Sache, sagte M sich.

Winterradiosamstag

Links Radio über Indie-Songwriter Gropper. Rechts schwatzen Mitbewohner spanisch. Draußen frischer Schnee auf Terrassenboden, Blumenkästen, Tischen und Dächern in dunklem, diffusem, fast gelblich wirkendem, grauem Licht.

„Frau = runderer Leib, sorgenderes Herz. Alles Andere, Haare, hypnotisierendes Makeup, Kleidung, ist Tand. Mann = festerer Körper, kräftigere Knochen, Unruhe im Geist.“ , versuche ich zu einer finalen Charakterisierung der Geschlechter zu kommen.

Die Worte strömen aus dem Radio, funken zwischen meine Gedanken. Ununterbrochen werden Bilder und Reaktionen hervorgerufen. Der Radiosprecher spricht gegen ein Mikrofon. Wir, wir hören einem Lautsprecher zu. Das Wichtige ist das im Duktus mitgemeinte: Wir sprechen über die Vor- und Nachteile der Exzellenzinitiative für die großen und kleinen Universitäten (sorgfältig artikuliert auszusprechen.) Professor Doktor Professor Doktor. Wir sprechen über Literatur (mit moderierter Emotionalität auszusprechen.) Ich wollte endlich mal einen Song über die Dankbarkeit schreiben (Wolfgang Niedecken über „De lieve Gott mähntet jood med mia.“, in kultiviertem Köllsch. )

Das hier * ist jetzt genau die Frontfläche der Weltentwicklung, was mich betrifft. Das Bewusstsein, an dieser Frontfläche dran zu sein, ist köstlich und erhebend, wenigstens das.

Eine Handlungskette beginnt von außerhalb des Bewusstseins, durch pure Assoziiertheit; ich stehe auf, gehe hinunter, fülle neue Tinte in den Füller, sehe den Computer, schalte ihn ein, starte das Emailprogramm, werde genervt, überlasse ihn sich selbst, gehe wieder hoch.

* , d.h. der Füller, der seine verschlungene blaue Linie malt, und der Geist, der ihn antreibt,

 

Ein Zwischeneindruck bei der Lektüre der „Brüder Karamasow“

dostojewski_kleiner
Quelle

Ich hatte ja Anfangs das Buch als „geschwätzig“ bezeichnet, weil es mit Betrachtungen über gewisse Eigenheiten der russischen Gesellschaft beginnt, als säße man abends nach dem Essen noch am Tisch und der Hausherr gäbe seine Meinung über dies und das zum Besten.

Nun ist die Geschichte fortgeschritten und ich kann sagen, dass mir diese Behandlung der Erzählungssituation gut gefällt, sogar sehr gut, sie ist süß, sie ist zart, und sie ist genau dosiert eingesetzt.

Wie er die Figur Dimitrijs gleichzeitig erfindet und etwas ratlos-abschätzig über sie urteilt, ist köstlich. Ein sehr subtiler Witz.

Ähnliches gilt für die Figur Aljoschas, von der er sogar schreibt, dass er sie „liebe“. Er spricht über sein Erschaffenes wie über Wirklichkeit und über die Logik des Romans wie über eine wirkliche Logik.

Dann der Sprachwitz:  Gruschenka ist eine Femme Fatale, der Sohn und Vater Karamasow hinterherlaufen, und die doch ihrer ersten Liebe nachhängt, ihrem „Offizier“, der sie so schmählich verlassen hatte. Doch ihre Auslassungen sind, obwohl in einer existentiellen Krise gemacht, so lustig und herzig nur etwas sein kann! Die Sprache ist kraftvoll und treffend. Dostojewski muss auch sein Vergnügen gehabt haben beim Schreiben, dessen bin ich mir sicher.

Metaphern, die ich nicht mehr lesen möchte

Wir alle werden von der ununterbrochen arbeitenden Textproduktionsmaschine “Medien” über die Lage der Welt – oder genauer gesagt, über was von den Redaktionen als wichtige Aspekte dieser Lage bewertet wird – unterrichtet. Diese Auswahl ist hierbei bestimmt von einem implizitem Wertsystem, das sich im “Diskurs” herausbildet und eine Mischung ist aus dem Katastrophenfaktor, Konfliktfaktor, Gewaltfaktor, Prominenzfaktor und vor allem dem Was-die-Anderen-schreiben-Faktor.

Dies bezieht sich nicht nur auf die Themenauswahl, sondern auch auf die Wahl der Worte und Formulierungen. Man schreibt in das Erwartungsfeld hinein und rekreïert es dabei ständig.

Schön, schön. Hierbei ist nun, was das Thema “Kreditkrise” angeht, die Tendenz festzustellen, dass die Dinge nicht mehr bei ihrem Namen genannt werden, sondern saloppe und sarkastische Metaphern verwendet werden, die dermaßen überhand genommen haben und so oft wiederholt werden, dass sie einem zum Hals heraus hängen.

Eine Metapher sollte einen Text farbig und was geschieht greifbar machen, wenn sie verstanden wird. Sie kann damit auch der Abkürzung dienen, aber nur, wenn der nicht abgekürzte Zusammenhang für alle klar ist. Insofern kann sie Bestandteil einer Fachsprache werden – und der Metaphernbenutzer sich so als Fachmann darstellen. Das wird natürlich gern in Anspruch genommen.

Nehmen wir zum Beispiel die Formulierung “unter den Rettungsschirm schlüpfen”, die den Tatbestand beschreibt, dass eine Regierung Kredite aus einem speziellen europäischen Fonds in Anspruch nimmt. Das Bild ist plastisch – es regnet und außerhalb des Schirms wird man nass – aber nicht treffend ist etwas anderes. Zinssätze mit Regen und Trockenheit zu vergleichen – na ja, kann man machen, geistreich ist das nicht. Selbstverliebtes Ökonomendeutsch eben.

Aber wer kann die Bedeutung der Metapher sofort abrufen, die Nachricht sofort verstehen? Ein nicht kleiner Teil der Hörer oder Leser wahrscheinlich nicht. Eben weil sie nicht treffend ist. Nun haben wir die Lage, dass die nüchterne Benennung der Sache kaum noch auftaucht, überall wird nur noch nachgeplappert: “unter den Rettungsschirm schlüpfen”. Abgesehen davon, dass dadurch eine Eintönigkeit durch eine andere ersetzt worden ist, hat der Hörer oder Leser, der die Sache nicht intensiv verfolgt, kaum noch eine Chance, mitzukommen. Das heißt, dass wir weder unterhalten werden, noch belehrt, sondern nur noch berieselt.

Weitere schneidige – aber leider definitiv verbrauchte – Begriffe aus dem Umfeld der Kreditkrise sind: “marode Banken”, “Haushaltsloch”, “die Märkte” – und was sie tun, nämlich “gegen Land X spekulieren”, “die griechische Krankheit droht Land X anzustecken”, Zentralbanken (oder Regierungen) “drucken Geld” – oder noch schlimmer: “setzen die Gelddruckmaschinen in Gang”, “zocken” und “Ramsch” in verschiedenen Zusammensetzungen, “vergiftete Papiere” und so weiter und so fort.

Für diese Wortschöpfungen sollte ein fünfjähriges Benutzungsverbot erlassen werden!