Sozialismus ist gesund

Das ist natürlich ein kleiner Scherz. Aber mit einem wahren Kern.

In vielen Untersuchungen ist eine Korrelation von sozialer Gleichheit einer Gesellschaft und der Lebenserwartung der Menschen, die in ihnen leben festgestellt worden.

Es  scheint so zu sein, dass der absolute Reichtum einer Gesellschaft nur einer von mehreren Faktoren ist, die Zufriedenheit und Lebenserwartung bestimmen, und dass die erlebte (ökonomische) Gleichheit mindestens ebenso stark wirken.

Am meisten beeindruckt hat mich das Beispiel des amerikanischen Städtchens Roseto. Dort starb bis in die sechziger Jahre hinein kaum jemand an Herzinfarkt, obwohl man rauchte und fett aß. Die Einwohner stammten alle aus Apulien. Sie erhielten sich ihre Rituale einer italienischen Kleinstadt: der tägliche Abendspaziergang, das Spielen in Clubs, das Abhalten von Prozessionen und Kirchenfesten. Es war verpönt, Reichtum zu zeigen und es war unmöglich, an Kleidung, Auto oder Haus Arme oder Vermögende zu erkennen. Unter den meisten Dächern lebten drei Generationen. Jeder konnte sich auf seine Familie und Nachbarn verlassen.

In den 70ern fingen die Leute an, ihren Reichtum zu zeigen, mit dicken Autos, Häusern, Swimming Pools, und bumms – kam der Herztod zu ihnen in demselben Maß wie zu allen anderen US-Amerikanern.

Eine Korrelation ist noch keine Kausalität, aber wenn sie oft genug wiedergefunden wird, kommt sie ihr schon ziemlich nahe.

Oberhalb eines gewissen Levels ist nicht die Armut das Problem, sondern die Demütigung.

Zum Glück scheint in letzter Zeit die Verminderung von Ungleichheit mehr und mehr zu einem allgemein und öffentlich akzeptierten Ziel zu werden.

Informationen aus: Stefan Klein: Die Glücksformel, rororo 2004, p 264 ff.

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Klotzen, nicht kleckern

Es ist wichtig, sich die Dimensionen der Investitionen klar zu machen, die ein komplettes Zurückfahren unserer CO2  -Emissionen erfordert.

Ein Versuch dazu ist im Artikel „The transition to sustainable energy: how much will it cost?“ auf Ugo Bardis Blog nachzulesen: wir müssen jedes Jahr unsere globalen Investitionen um 6 – 9 % erhöhen, so dass wir schließlich 2045 bei 1,5 – 2,5 Trillionen USD landen. Zum Vergleich: das globale Sozialprodukt liegt bei 72 Trillionen USD, und die Militärausgaben bei 1,7 Trillionen. (Alle Zahlen vom angegebenen Blogartikel.)

Ein anderer, martialische Dringlichkeit verbreitender Artikel ist Bill McKibbens „A World At War“ auf newrepblic.com: Er vergleicht die Anstrengungen, die gegen den Klimawandel nötig sind mit denen, die gegen Nazideutschland und Japan nötig waren und kommt zu dem Schluss, dass es möglich ist, aber Entschlossenheit erfordert. Es gibt (noch) genügend Rohstoffe dafür (z.B. Neodym für die Magnete der Generatoren in Windturbinen und Lithium für Batterien). Er argumentiert weiter, dass der zweite Weltkrieg von den USA durch eine komplette Umstellung der Industrie gewonnen wurde, und der „Krieg gegen den Klimawandel“ eine ähnlich massive Umstellung erfordere, und ein ähnlich robustes Eingreifen der Regierung. (Er schreibt das für den US-Leser, aber man kann es durchaus auf den Rest der Welt übertragen.)

Die Eingriffe der Regierung unter Roosevelt in die Wirtschaft damals waren massiv und fanden gegen den Widerstand der Industrie statt – wie es heute auch wäre. Aber es gab ein starkes kollektives Gefühl der Dringlichkeit und der Solidarität, durch eine allgemein anerkannte und sehr greifbare Bedrohung.

In Buffalo wird gerade eine riesige Fabrik für Photovoltaik-Panels gebaut, die Module mit 1 GW Nennleistung pro Jahr produzieren wird. Allein die Vereinigten Staaten brauchen an die 300 dieser Fabriken, um das Ziel zu erreichen.

Ach tiese pöse EEG-Umlage

Medien voll von steigender EEG – Umlage, z.B. hier in der zum richtigen Käseblatt gewordenen ZEIT. Der Bürger schäumt.

In der Tat wird sie 2017 um 0,53 cent auf 6,88 cent/kWh steigen.

Was am Ende zählt ist aber der Endpreis, und der hat sich so entwickelt:

Strompreisentwicklung private Haushalte 2006 – 2016
Infografik „Strompreisentwicklung private Haushalte 2006 – 2016“ von Strom-Report.de

Er wird wohl 2017 wieder ein bischen steigen, aber das wird auch an deutlich höheren Netzkosten liegen. Dass Letztere steigen, liegt auch an der erneuerbaren Energie: Wegen noch fehlender Leitungen können die Kraftwerke nicht optimal genutzt werden.

Facit: Wenn man den Pelz waschen will, muss man ihn nass machen. Wenn man erneuerbare Energiequellen will, muss man investieren.

Wat ick imma sahre: Energieverbrauch runta…

„Energieeffizienz ist  d i e  Ressource, die jedes Land im Überfluss besitzt.“

Dr. Fatih Birol, IEA Executive Director

Es ist gerade ein Report der EIA (International Energy Agency) erschienen (hier), der gute, nicht aber sehr gute Nachricht bringt. Die  International Energy Agency  hat die wichtigsten Industrieländer als Mitglied.

  • Die globale Energieeffizienz ist um 1,5 % p.a. gestiegen. Energieeffizienz = Sozialprodukt / Energieverbrauch.
  • Um das 2 °C – Ziel zu erreichen (nicht das 1,5 °C – Ziel!) müsste sie um 2,6 % p.a. steigen.
  • Der größte Beitrag für die globale Verbesserung entstand durch chinesische Effizienzmaßnahmen, die die chinesische Energieeffizienz um 5,6 % p.a. erhöhten.
  • Der größte Teil der globalen Verbesserungen entstand durch staatliche Regeln und Gesetze, wie z.B. Verbrauchslimits für Fahrzeuge, Verbot von Glühbirnen und ähnlichem.
  • Hierbei wurden jedoch nur 30 % der Möglichkeiten ausgeschöpft.
  • Die Verbesserung wurde trotz niedriger fossiler Energiepreise erzielt – d.h. bei höheren Preisen ist noch mehr zu erwarten.
endenergie-oecd
Der Endenergieverbrauch der OECD-Länder hatte 2007 sein Maximum. Der Verlauf „450“ ist für das 2 °C – Ziel notwendig. Mtoe = Million tonnes oil equivalent.

Moderne Frachtsegelschiffe

sky_sails_schiff

mit freundlicher Genehmigung der SkySails GmbH

Die Frachtschifffahrt erzeugt einige Prozent der weltweiten anthropogenen CO2-Emissionen und einen großen Anteil an Ruß- und sonstigen Kohlenwasserstoffemissionen, deswegen wäre die Ausnutzung der Windenergie nützlich und logisch.

Jedoch ist die gesamte Frachtschifffahrt erobert vom Schweröl. Die Ganze? Nein, an der deutschen Nordseeküste gibt es eine kleine Firma von unbeugsamen Ingenieuren, die die Frachtsegelei wiederbeleben möchten: Skysails in Hamburg. Allerdings bauen sie keine Windjammer seligen Angedenkens, sondern einen großen Drachen, der an einem hochfesten Seil an einem kurzen Mast am Bug angebracht ist, ziemlich hoch in Zonen mit hoher Windgeschwindigkeit steigt und dort rechnergesteuert Achten fliegt.

Dieser Apparat lässt sich an den meisten Schiffen nachrüsten und dient der Unterstützung des Maschinenantriebs. Die gesamte Spritersparnis im Dauerbetrieb lag bisher bei 10 – 15 %, bei optimalen Verhältnissen liegt sie zeitweise bei 50 %. Installation, Betrieb und Wartung kosten natürlich auch Geld, aber weniger, als durch den geringeren Spritverbrauch eingespart werden kann.

Also alles bestens? Bisher gibt es das System nicht für wirklich große Schiffe – und wird es wegen der Unhandlichkeit des Segels vielleicht auch nie geben. Aber jedes Prozent weniger Emission ist gut.

Regenerative Energie: unbekannte Champions

In 2015 investierten die weniger entwickelten Länder (unter Einschluss von China, Indien und Brasilien) mehr in regenerative Energiegewinnung als die entwickelten. Das steht in einer Studie von REN21.net, die ich von hier zitiere.

Sie investieren nicht nur mehr als wir, sondern viele Länder, an die ich in der Beziehung nicht dachte, sind bereits ziemlich weit fortgeschritten.

pv_ausbau_d_2002_2015
Ausbaurate der Photovoltaik in Deutschland (Quelle)

In Deutschland ist man es gewohnt, sich wegen der regenerativen Energien auf die Schulter zu klopfen, aber das entbehrt weitgehend der Grundlage. Nicht nur, dass etwa der jährliche Ausbau der Photovoltaik auf dem Stand von 2006 ist:

fossile_stromerzeugung_ohne_nukes_2002-2016
Fossile Kraftwerkskapazität (ohne Kernenergie) (Quelle)

Dazu kommt, dass die fossile Kraftwerkskapazität aller Energiewende zum Trotze einen stetigen Zuwachs erfuhr und sogar die Kohlekraft nach einem Abbau in 2011 wieder zunahm:

anteil_reg_en_europa_2014Auch im europäischen Vergleich stehen wir ziemlich mickrich da – 16 Länder liegen da noch vor uns: (Quelle)

 

Noch interessanter wird es, wenn man sich die Liste der Länder mit den höchsten Anteilen an regenerativer Energie auf der Welt anschaut.
In dieser Liste befindet sich Deutschland an 115ter Stelle. Ich nenne nur die ersten 10: Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Mozambique, Tansania, Sambia, Nigeria, Nepal, Haiti, Eritrea, Myanmar. Das erste „reiche“ Land ist Island an Stelle 12 und Norwegen an Stelle 23.

Auffallend ist dabei, dass viele „arme“ Länder sehr hohe regenerative Anteile haben, während die „reichen“ generell im 10 – 15 % – Bereich herumtümpeln.Natürlich ist dort oft ein hoher Anteil an Wasserkraft enthalten. Dabei kommt zum Tragen, dass die absolute Leistung, die über Wasserkraft gewonnen werden kann, von den geographischen Gegebenheiten abhängt und in erster Näherung proportional zur Fläche ist. (Dies trifft auch für Sonnenstrom, Wind und Biomasse zu.) Bei niedrigem absoluten Leistungsbedarf einer Region ist dann der relative Anteil der Wasserkraft sehr hoch. Man kann direkt eine Gleichung

arm  =   niedriger Energieumsatz = hoher Anteil an regenerativer Energie

aufstellen. Das zeigt in welche Richtung wir uns in den reichen Ländern bewegen müssen. Der Ausbau der regenerativen Energiegewinnung wird nicht reichen – der Gesamt-Energieumsatz muss auch sinken.

Und dazu brauchen wir ein funktionierendes Emissionszertifikatesystem.

Auf dem Weg in die gesättigte Wirtschaft

arbeitsproduktivitaetswachstum_oecd_1971-2014
Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität in % p.a., OECD-Länder (Quelle)

Seit längerer Zeit wird bei uns die private Rentenvorsorge, d.h. die Kapitalrente, ziemlich propagiert, mit der (falschen) Behauptung, dass die staatliche Rente unhaltbar sei. Für den etwas weiter Denkenden war klar, dass dieses System darauf beruht, dass es genügend Möglichkeiten gibt, dieses Kapital auch produktiv anzulegen, dass diese Möglichkeiten immer geringer werden für jede neue Millarde Euro, die angelegt werden wollen und dass deshalb das ganze Kapitalrentensystem in eine große Enttäuschung münden könnte.

Es gibt sogar Leute, die behaupten, dass die Subprimekrise auch dadurch bedingt war, dass es wegen des Kapitalrentensystems zu viel Geld auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten gab.

Nun beobachten wir in den entwickelten Ländern zunehmend etwas, das als „zero rate liquidity trap“ bezeichnet wir. Siehe hier. Das Wort beschreibt einen wirtschaftlichen Systemzustand, in dem die Investitionen trotz sehr niedriger Zinsen gering sind, was zur Folge hat, dass die Produktivität kaum wächst. Dies bedeutet, dass die Belastung für die Arbeitenden durch die  nichtarbeitenden Menschen eben nicht durch höhere Produktivität aufgefangen werden wird, sondern als niedrigerer realer Netto-Stundenlohn durchschlägt.

Dazu kommt noch die Einkommensschere. Die da oben neigen dazu, prozentual mehr Geld investieren zu wollen, und wir hier unten müssen eine noch stärkere Abnahme des realen Nettolohns erleben.

Eine Änderung ist nur möglich durch eine Wahrnehmungsverschiebung: die Bereitschaft, niedrige Rentabilität bei mittlerem Risiko zu ertragen. Die Ansprüche senken.

Nachtrag (24.4.17):

In der OECD sind die 35 am weitesten entwickelten Länder. Man sollte denken, dass das Produktivitätswachstum in der gesamten Welt höher ist, aber nach diesem Artikel im Economist ist das auch nicht der Fall.