Der Körper

Betrachten wir einen menschlichen Körper von außen, so ist er glatt und schön, von einer wunderbaren Haut bedeckt. Sehen wir jedoch ins Innere, so ist er überall feucht, ja nass, erfüllt von Flüssigkeiten: Blut, Lymphe, Zellflüssigkeit. Und er tauscht Flüssigkeit mit seiner Umgebung aus: Schweiß, Speichel, Tränenflüssigkeit, Urin, Magensäure (der Verdauungstrakt ist topologisch gesehen Körperumgebung), Galle & c.

Dieses mir klarzumachen fasziniert mich seltsamerweise.

Der evolutionäre Ursprung all dieser Flüssigkeiten ist das Urmeer, in dem sich die ersten Zellen gebildet haben; sie haben dann im weiteren Verlauf der Evolution ihre flüssige Umgebung quasi mit sich mitgenommen, unsichtbar, verborgen hinter dieser wundervollen Hülle der Haut, aufrechterhalten durch eine genau dosierte, sorgfältig gesteuerte Abgabe und Aufnahme von Wasser.

Damit nicht genug des Wunderns: Dieser in Flüssigkeit getauchte, nasse, von Wasser in verschiedenen Formen durchzogene Organismus ist gleichzeitig von Elektrizität durchflossen – ein offensichtlicher Widerspruch, aber es ist so: Jede willkürliche oder unwillkürliche Bewegung ist von Spannungen und Strömen begleitet, jede Wahrnehmung, jedes Gefühl; jeder Gedanke besteht aus Strömen, die in Form schwacher Impulse in  einem unfassbar komplexen Leitungssystem, das durch dünne Membranen gerade genug isoliert ist, herumfließen. Und diese Ströme machen unsere Lebendigkeit aus: erlöschen sie, erlischt das Leben.

Wir sind eigentlich elektrische Wesen, nasse elektrische Wesen.

Etwas beenden

Der Raum war banal und trist. Durch die farbigen Butzenscheiben wurde das Licht des grauen Tages mehr draußen gehalten als hereingelassen.

Wir unterhielten uns über Erinnerungen an die, die nicht mehr da war.

Als wir hinaustraten atmete ich auf, das Leben öffnete sich wieder. Der graue Himmel wirkte hell und frisch, das Pflaster des Weges greifbar, wirklich und schön. Geräusche waren zu hören, Vögel auch.

Der Friedhofsdiener trug die Urne mit einer gemessenen, fast heiteren Routine, die wohltat. Ich erstaunte, als er sich vor der Öffnung im Erdboden verbeugte. Mich freute diese Repektsbezeugung, dieses überflüssige Ritual.

Bevor ich dann den Sand auf die Urne warf, in das ziemlich tiefe Loch, wog ich ihn mehrmals in der Hand , zerdrückte ihn mit dem Daumen. Ließ ihn dann nach und nach hineinrieseln.

Wir berieten dann noch, wie die Blumen und Zwiebeln am besten eingepflanzt werden sollten, die wir mitgebracht hatten. Der Sand, mit dem das Loch aufgefüllt worden war, schloss nicht nur das Loch im Erdboden, er vervollständigte auch in meinem Inneren etwas.

 

Heimatkunde

Werkzeug, Beton, Regen.

Kreuzberg, ehedem Arbeiter- und Fabrikbezirk, dann saniert, im Rahmen dessen Erinnerungen installiert, nach dem Motto: bedenke, das ist die Basis, der Grund auf dem alles hier geschieht.

In der Fabrik

Ich arbeite seit einigen Monaten in der Helpdeskbranche. Angestellt bei der einen Firma, befristet natürlich, ausgeliehen an eine Zweite und betreuend eine Dritte. Das Ganze für einen Hickser mehr als Mindestlohn – aber ich mach das jetzt.

Im Scherz sage ich morgens: „Ich gehe ins Werk.“, denn das ist fabrikmäßiges Arbeiten, in einem Fabrikgebäude, mit nüchterner, zweckmäßiger Einrichtung (immerhin sind einige Pflanzen in Aquakultur mit eingezirkelt worden), fabrikmäßigen Arbeitsplätzen, fabrikmäßigen Produktionszahlen und -Normen. In der Pause, die niemals alle „Arbeiter“ zugleich machen, sitzt man fast immer schweigend, einige über ihren Tablets spielend oder per Kopfhörer Musik hörend, einige ihr mitgebrachtes Essen in der Mikrowellen aufwärmend. An der Wand ein Firmenplakat mit gemachter Begeisterung drauf. Ein Gespräch ist schwer in Gang zu bringen, aber es findet sich immer wieder jemand, der froh ist, dass einer den Anfang macht, und den Faden dankbar aufnimmt und weiterspinnt.

Ich bin in der Pause fast immer draußen, laufe den Weg am Kanal entlang, der schnurgerade und in einem tiefen Einschnitt von Ost nach West führt – so etwas ähnliches wie Natur. Oder ich gehe ins Café, wo man mich schon kennt, weil ich immer dasselbe bestelle, eine Tasse Kakao, die wärmt und süß ist; es ist ein größerer Raum mit vielen Tischen, angenehm, selten voll, entspannt, eine Oase. Die Kellnerin scheut sich nicht, mit ihrem spitzbübischen, sehr selbstsicheren Eros zu spielen.

Die Arbeit ist noch anstrengend, weil noch oft Fälle auftreten bei denen ich nicht weiterweiß, oder weil die Gesprächspartner schlecht gelaunt sind. Letzteres ist zum Glück selten. Mit den Meisten kann man auch mal einen Scherz machen und bei einigen bin ich sogar erfreut und aufgebaut nach dem Gespräch. Langsam wächst die Kompetenz, Sicherheit und auch Routine. Das ist gut.

 

Die blaue Linie

Die blaue Linie ist die Spur des Füllers, die sich über Seite und Seite windet, und in dem Tagebuch getreulich Wort auf Wort, Gedanke auf Gedanke codiert, Ausdruck des Gescheh’nen, Ausdruck dessen, was mich bewegte, Kondensat und Echo des Lebens.

Obwohl ich weiß, wie vergeblich das Bemühen um sie ist, und wieviel dumme Eitelkeit in ihr steckt, kann ich doch nicht von ihr lassen. Wenn ich sie weiterführe, weiterzeichne, weitermale beruhige ich mich. Die diffusen Eindrücke des  Erlebten schärfen sich – manchmal auch zu sehr – und ich führe den Tag über das Gehäuse der Ideen mit mir wie ein unsichtbares Schneckenhaus, das mir Rast verspricht, aber auch eine Art Reichtum.

Fast nie bin ich mit meiner Schrift zufrieden, fast immer ist sie mir zu krakelig, oder zu schülerhaft, oder, oder… Jedoch freut es mich und schmeichelt mir, wenn es mir gelang, eine Unterscheidung treffend und poetisch zu fassen – fast ist es, als ob ich Dinge damit abschließe, vervollständige.

Ich weiß nicht, wie lange ich diese Gewohnheit noch durchhhalte, die ich öfter als eine Schlechte ansehe. Aber so lange ich dabei bleibe, wird sie mir ein stiller, sehr privater Genuss bleiben, der zu mir gehört und mein Leben vertieft.