Migration und Gefahrenwahrnehmung

nyt-opdoc-afgh-160608Auf der New-York-Times-Website findet sich ein sehr ruhig und einfühlsam gemachtes Video mit Interviews von Afghaninnen und Afghanen, die sich mit der Frage der Emigration auseinandersetzen. Manche wollen bleiben, wie eine junge Frau, die sagt „Was wollt ihr, ich lebe, ich mache einen Film, ich baue ein Frauen-Schwimmteam auf, helft mir lieber dabei, anstatt das Leben wegen der vielen Toten in schwarzen Farben zu sehen!“

Andere halten das Risiko nicht aus und gehen – zuerst legal in die Türkei, und dann über das Meer nach Europa. Obwohl sie ihr Land lieben. Die Medien sind voll von den Toten – es ist eine Menge, die wir uns hier nicht vorstellen wollen.

Aber wie groß ist das Risiko in Zahlen?

2014 starben 4500 Menschen durch Terrorismus (1), durch den Krieg insgesamt 15000 (2).

Im selben Jahr starben 210000 Menschen durch andere Ursachen, davon 6500 durch Verkehrsunfälle (2).

Ich will damit nicht sagen, dass das Risiko durch den Terrorismus und Krieg unbedeutend sei – es ist bedeutend, besonders für die, die nicht von den Krankheiten der Armut und des Alters betroffen sind. Aber es ist nicht wesentlich größer als andere Risiken, mit denen die Menschen dort leben. Es wird allerdings – anders als die anderen Risiken – in den Medien millionenfach vervielfältigt, nach dem Motto: nur eine schlechte Nachricht ist eine Nachricht. Das zieht die Leute mehr runter als nötig wäre.

Die veröffentliche Meinung ist eine Traumwelt.

 

 

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Zu Gast bei Feinden oder die Banalität des Bösen

Die Taliban – schlimme Fanatiker,die ihr Land ins Mittelalter zurückbomben wollen – oder Befreiungsbewegung aufrechter, tugendhafter und religiöser Patrioten?

Eine Dokumentation, von einem afghanischen Journalisten gedreht, lässt uns 10 Tage mit einer ihrer Kampfgruppen mitgehen. Wir sehen ihre parallele Justizinfrastruktur, d.h. ein kleines Gefängnis, in dem zwei Männer ihr Urteil erwarten, die Beratung ihres Scharia-Gerichtes; wir sehen ihren Kommandeur, der entspannt und selbstsicher Verlautbarungen abgibt, die ein klein wenig an der Wahrheit vorbei gehen; wir sehen, wie die Gruppe an einer von Kundus kommenden Überlandstraße Militärfahrzeugen auflauert, um sie mit einem händigezündeten IED und RPG7 anzugreifen, und wie der Anschlag scheitert, weil die Kommunikation mit den Spähern nicht klappt; wir sehen Al Qaeda – Leute, die anscheinend scharfe Hunde sind und unseren Journalisten der Spionage bezichtigen, und wir sehen den Talibankommandeur diesen mit der Begründung des Gastrechtes unter seinen persönlichen Schutz stellen und nach Hause schicken. Wir sehen auch Patrouillen der offiziellen Polizei an just der Stelle des Hinterhalts, die standhaft beteuert, dass es keine Talibanaktivität gebe.

Was wir aber vor allem sehen, sind junge Männer, die freundlich sind, die entspannt sind, die ärgerlich und aufgebracht sind, die sich vor ihrem Kommandeur fürchten, die angeberisch sind, kurz – die ganz normal, menschlich und durchaus liebenswert sind bis auf die unbedeutende Tatsache, dass sie Leute umbringen wollen. Es sind Leute, von denen man einige sich sehr gut als Freunde vorstellen könnte.

Das ist der Krieg.

Ich meine den Krieg als Seinsform, als Wahrnehmungsform, als zeitweilige Existenzweise, die Individuen und Gruppen ergreift und Gründe finden lässt, zu töten. Dieselben Leute – ohne Talibanideologie – wären umgängliche Kerle, die sich für Fußball interessieren würden, für Händis, Autos, oder eine Familie gründen wollten.

Nach dem Film überlegte ich, wie dem wohl beizukommen sei und dachte an solche Sachen wie ununterbrochene, großflächige, teilautomatisierte optische Überwachung der Überlandstraßen mittels Drohnen, an das Abhören des von den Taliban wahrhaftig skandalös selbstverständlich benutzten Händinetzes und so fort, und schätzte, dass mit genügend Geld und Technik vielleicht einige der besagten jungen Leute bald tot wären. Und es täte mir leid. Das ist paradox, aber es ist so.

Deswegen finde ich den Ansatz, Taliban den Ausstieg zu ermöglichen, nicht  nur klug (, obwohl keineswegs ausgemacht ist, dass er funktionieren wird ), sondern auch menschlich.

Vietnam am Hindukusch

Der Wahlbetrug unter der Karzai-Regierung erweckt für den, der den Vietnamkrieg noch mitbekommen – oder sich etwas mit ihm beschäftigt hat – sehr unangenehme Erinnerungen: ein Dritte-Welt-Land, in dem eine totalitäre, hochmotivierte Guerillabewegung um die Macht und gegen die USA kämpft, ein anscheinend unaufhaltsames Ausbreiten dieser Bewegung, die nicht völlig unberechtigte Selbststilisierung der Bewegung als Verteidiger der Heimat, da sie ja (auch) gegen ausländische Kräfte kämpft – und nun auch noch dieser Offenbarungseid der lokalen Eliten, korrupt und manipulativ zu sein. Wenn etwas, war es damals die Verdorbenheit, Unfähigkeit und der Machthunger der südvietnamesichen Elite, die ihren Untergang und damit den der südvietnamesischen „Demokratie“ besiegelt haben. Das ist es, was diesen Krieg damals schmutzig gemacht hat und den heute schmutzig macht – die Frage, ob die gute Sache, für die „wir Europäer“ uns haben hineinziehen lassen, wirklich so gut ist – ob sie wirklich mehr ist, als das kleinere Übel.