Mehr aus der Welt der Algen

Was ich neulich im Focus über Treibstoff-aus-Algen las ist nur die Spitze eines Eisberges an Forschung, die auf diesem Gebiet geleistet wird. Die Idee dazu entstand bereits in den 50er Jahren, damals allerdings noch mit einer anderen Zielrichtung (Methanherstellung unter Nutzung von Abwässern). Von 1978 bis 1996 lief ein Forschungsprogramm des U.S. Department of Energy’s Office of Fuels Development, in dem bereits wesentliche Vorarbeiten wie die Suche geeigneten Arten, die Erforschung von Physiologie und Biochemie der Algen, Erstellung von Demonstrationsanlagen und  Kostenanalysen geleistet wurden. Dieses Programm ist in letzter Zeit wieder aufgenommen worden. Ein PDF-Dokument mit einem Überblick findet sich hier.

Der SPIEGEL könnte ein Beleg für die These sein, das hierzulande die Algentechnologie als exotisch und versponnen gilt. Nicht nur, dass er bei Stichwort „Algen“ überhaupt keinen entsprechenden Treffer in seiner internen Suche liefert, einer der zwei Artikel über die neue Technologie ist ein herber Verriss des Hamburger Pilotprojekts zur Umwandlung von Kraftwerks-CO2 in Biomasse. In anderen Medien wird immerhin wohlwollend über den Algen-Ansatz berichtet, z.B. in der Welt. Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass das besagte Pilotprojekt wirklich nicht mehr sein kann als ein Forschungsprojekt – es krankt an dem Problem aller regenerativen Energien in Deutschland: zu wenig Licht um billig werden zu können. Der andere Artikel im SPIEGEL ist wohlwollender .

Währenddessen haben sich in den USA bereits zwei Organisationen zur Koordination und Interessenvertretung von Sprit-aus-Algen-Unternehmen gegründet, die Algal Biomass Organisation (ABO) und die National Algae Association, von denen die erstere so klangvolle Namen wie Boeing, Airbus, KLM, FedEx und IATA in ihrer Mitgliederliste führt. Die Fliegerei ist harscher Kritik der Umweltschützer ausgesetzt und will nicht nur ihr Image polieren, sondern sich auch langfristig ihre Treibstoffbasis sichern. Auch die Firma Sapphire Energy findet sich in der ABO – sie hat jüngst 100 Mio. Dollar von Bill Gates erhalten.

Doch nicht nur die Großen sind drüben rege – es scheint eine kleine Gemeinde von Hobby-Biodieselern zu geben. Zumindest gibt es Anleitungen im Netz zu kaufen, wie man einer wird, die als Lehrbeispiel für sales hype gelten können. Hier ein Bericht über ein Garagentreffen solcher Algen-Geeks. Amerika ist halt das Land des „can do“!

Leider muss ich meine frühere Darstellung der Wunder der Algen etwas zurückstutzen, nämlich was den maximalen Umwandlungswirkungsgrad betrifft. Nach besagtem „Welt“-Artikel und anderen Quellen beträgt er nicht 30, sondern nur 10 %. Aber immerhin kann ich den geneigten Leser aus dieser Quelle mit einer offiziellen Schätzung des Zeitrahmens versorgen, bis die Sache zum Durchbruch kommt: kommerziell lohnende Produktion 2015, 2022 dann 36 Mrd. Gallonen (= 137 Mrd. Liter, = 98 Mrd. kg, = 98 Mio. t, = etwa der momentane deutsche Verbrauch an Benzin).

Es geht weiter mit den Algen

In den bisherigen Meldungen des besagten Focus – Newsletters war nur von Anlagen die Rede, die mit Süßwasser oder leicht salzigem Wasser arbeiten. Nun wird auch über solche berichtet, die  Meerwasseralgen nutzen (und zwar hier).

Ich hatte mich schon gefragt, warum man nicht Meerwasseralgen nähme – ist doch viel besser und es gibt keinen Grund, warum das nicht möglich sein sollte.

Der wahre Trend in solarer Energie

Manchmal tauchen kleine Meldungen auf, die abseitig wirken. Bei näherem Hinsehen wird einem aber dann klar, dass hier ein echter Durchbruch zu sehen ist.

Focus hat einen Klima-Newsletter, in dem auf verschiedene klimawandelbezogene Artikel hingewiesen wird. Es gibt viele Entwicklungslinien in der Reaktion auf den Klimawandel. Einige werden überbetont (Solarstrom), andere bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die ihrer Relevanz entspricht (Wärmedämmung), andere entpuppen sich als Irrläufer (Agrofuel).  Manchmal kommt etwas neues, das aufhorchen lässt, und das ist die Biomassegewinnung aus Algen.

Sie hat mehrere Vorteile gegenüber der Verwertung von Landpflanzen:

  1. Der Wirkungsgrad bei der Umwandlung von Licht in Biomasse liegt im Bereich von 30 %. (Quelle) Damit ist er ein Vielfaches höher als bei Landpflanzen, d.h. der Flächenverbrauch für dieselbe Menge an Brennstoff ist  geringer – oder aus derselben Fläche lässt sich eine viel höhere Exergie gewinnen.
  2. Da Wasserflächen genutzt werden könnten, wird keine wertvolle landwirtschaftliche Nutzfläche für Kraftstoffgewinnung verbraucht.
  3. Energiefarmen können CO2 durch die in den Algen erfolgende biologische Hydrierung wieder nutzbar machen – ein geschlossener CO2-Kreislauf wird realisierbar.
  4. Die entstehenden Öle können mit heutiger Raffinerietechnik in Kraftstoffe umgewandelt werden. Damit können existierende Autos und andere Anlagen weiter verwendet werden.

Diese Technik ist mit 10 – 15 % Umwandlungswirkungsgrad * ) in mechanische oder elektrische Energie so flächeneffizient wie Photovoltaik, aber mit potentiell einem Bruchteil der Kosten.

 * ) Auf diesen Wert kommt man, wenn man die gewonnene Biomasse per Wärmekraftmaschine nutzt, die ihrerseits einen Wirkungsgrad von 30 – 50 % hat.