Solange der nächste IPCC-Bericht noch nicht da ist – der Weltbank-Bericht

Wie allgemein bekannt, befinden wir uns in einem 4-Grad-Szenario. Das heißt, dass wenn die Emissionen so weitergehen, eine Erhöhung der mittleren Temperatur der Erdoberfläche von 4 K wahrscheinlich ist.

Die umfassendsten Zusammenfassungen des Stands der Forschung sind die IPCC-Berichte, die in größeren Abständen herauskommen. Wer so lange nicht warten will kann derweil auf einen Weltbankbericht von Ende 2012 zurückgreifen, in dem die wichtigsten Ergebnisse zu den Bereichen

  • erwartete regionale und globaleTemperaturänderungen
  • Meeresspiegelanstieg
  • Meeresversauerung
  • Verlust von Meer- und Land-Eis
  • Hitzewellen und Trockenzeiten
  • Starkniederschläge
  • Stürme
  • landwirtschaftliche Erträge
  • Einwanderung von Krankheitsüberträgern
  • Gegenseitige Beeinflussung und Zusammenwirken

beschrieben sind, so wie sie heute bekannt sind – und das ist naturgemäß lückenhaft.

Der wichtigste Punkt ist die Nahrungsmittelerzeugung. Einige Vorsaussagen dort sind:

  • Es wird eine erhebliche Einschränkung der bebaubaren Fläche geben, vor allem in niedrigen Breiten
  • Ebenso wird es eine erhebliche Änderung der Ökosysteme geben, weil sich die Lebensräume vieler Pflanzen verschieben (oder ganz verschwinden).
  • Allein durch die Temperaturen – ohne Berücksichtigung von Dürrezeiten oder Überschwemmungen – ist in den heißeren Gebieten mit Ertragsrückgängen pro Hektar zu rechnen.
  • Dazu kommen erheblich erhöhte Häufigkeit von langen Dürreperioden und andererseits Überschwemmungen.

Zusammenfassend ist die Fähigkeit der Menschen in den heißen Gebieten, sich zu ernähren, mehr und mehr in Frage gestellt.

Dem steht eine zu erwartende erhebliche Verbesserung des Bildungs- und Organisationsgrads und der landwirtschaftlichen Intelligenz gegenüber, die sich bereits abzeichnet. Die politische Stabilität wird nach und nach größer, auch wenn dies ein Prozess mit Rückschlägen ist.

Es ist ein Vabanquespiel: nur dass wir die Gewinne machen und unsere Nachkommen die Einsätze.

Klimalektüre: 4 Grad und was ist mit dem Wasser?

Es gibt ja dieses 2-Grad–Ziel, d.h. die Begrenzung der Erhöhung der globalen Mitteltemperatur auf 2 Grad Celsius. Ihm ist unter tatkräftiger Mithilfe von unserer Frau Merkel der Rang eines Weltziels zugefallen. Wer die Dinge ein wenig verfolgt, dem ist seit einiger Zeit klar, dass es nur ein frommer Wunsch ist, eine kleine Motivationshilfe, nicht mehr. (Der Klimaverhandlungsführer der USA, Todd Stern, sagt das auch, mit anderen Worten, hier.) Wahrscheinlich war es das schon von Anfang an. Die Folgen der Erwärmung liegen einfach zu weit in der Zukunft und sind zu ungreifbar und die Kosten für ihre Vermeidung sind sofort da und sehr greifbar – das ist eine sehr ungünstige Konstellation für menschliche Motivation.

Also wir steuern mehr in Richtung 4 Grad Erhöhung, die unsere Enkel, so wir welche haben, genießen können. Das wird sicher recht spannend für sie. Aber sie werden es gewohnt sein. (Siehe z.B. hier.)

Was ich mich daran am meisten interessiert, ist die Nahrungsmittelsituation und als deren wichtigste Voraussetzung die Wassersituation. Deren Hauptkenngröße ist die jährliche Niederschlagsmenge. Und dafür gibt es mittlerweile Ergebnisse aus Simulationsrechnungen, die Aussagen über deren raumzeitliche Verteilung erlauben. (Dies sind natürlich, wie alle wissenschaftlichen Aussagen, Wahrscheinlichkeitsaussagen.)

water runoff and stress index 4 deg Die Grafik bezieht sich auf 4 °C Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau und zeigt die Differenzen.

Durch die Erwärmung nimmt die Menge des Wassers im Wasserkreislauf zu. Es gibt also in der Summe mehr Niederschläge. Dennoch kommt es Gebietsweise zu einer Verringerung der Niederschläge, zu einer Erhöhung in anderen.

Gut ist die Erwartung im Norden Kanadas und in Sibirien und interessanterweise auch in der östlichen Sahara, Ostafrika, der arabischen Pakistan, West-Indien und Argentinien. Neutral bleiben Ostindien und China. Damit ist zumindest für einige große Bevölkerungsballungen der Welt die Befürchtung von Hungersnöten durch Wassermangel verringert. Mitteleuropa und die USA haben leichte Verschlechterungen hinzunehmen, Brasilien deutliche, aber von einem hohen Niveau aus, das wird man hinkriegen. Südeuropa könnte Probleme kriegen, ebenso wie Westafrika.

Wasserknappheit ist aber nicht nur durch die Niederschlagsmenge bestimmt, sondern auch durch die Bevölkerungsdichte. Dies wird im water stress index abgebildet, und hier fließt natürlich das erwartete Bevölkerungswachstum mit ein. Hier sind die Brennpunkte Brasilien, das zentrale Afrika und Südeuropa.

Ebenso wichtig wie das langjährige Mittel ist vielleicht die Wahrscheinlichkeit von ein- oder mehrjährigen Dürreperioden, und hier sieht das Bild etwas anders aus. (Quelle, die gleiche Grafik hatte ich bereits hier gepostet.)

drought probability 2060-2069 Der Unterschied zum vorigen Bild liegt vor allen Dingen in Zentralamerika und den USA, die beide sehr dürregefährdet werden, und China, das mit einer mittleren Häufigkeit von Dürren umgehen muss. Auffallend hier die Gefährdung des gesamten Mittelmeerraums bis hinauf nach Frankreich!

Facit: Die Ernährungssituation für unsere Nachkkommen wird kritischer, aber nicht unbewältigbar. Einschränkungen und die Notwendigkeit internationalen Ausgleichs sind sehr wahrscheinlich. Immerhin etwas. Billig wird das nicht. In der Größenordnung von 1 Billiarde € (Quelle), das sind um die 100.000 € pro Erdenbürger. Aber das ist eine andere Geschichte und soll in einem anderen Post erzählt werden.

Im übrigen meine ich, dass wir die Zertifikatpflicht auf die gesamten Treibhausgas-Emissionen in der EU ausdehnen müssen.

Ernährungskrise und Gentechnik

Eine Rekapitulation von Allgemeinwissen:

1,2 Milliarden sind unterernährt, das ist ein Sechstel. Die Gesamtnahrungsmittelproduktion der Welt wäre groß genug, wenn da nicht dieses verflixte Verteilungsproblem wäre, dieses vertrackte Armutsproblem: die Leute hungern, weil sie keine ausreichende Produktionsfaktoren haben, um ihre Nahrung entweder selbst anzubauen oder zu kaufen.

Die Lage wird sich wahrscheinlich verschlimmern, weil

  • die Zahl der Menschen zunimmt,
  • die verfügbare Anbaufläche dadurch abnimmt,
  • die wohlhabenderen Menschen durch ihren zunehmenden Fleisch- und Milchkonsum, der je produziertes Kilojoule erheblich mehr Anbaufläche benötigt, einen größeren Anteil der Produktion verbrauchen und so den Preis für die Armen in die Höhe treiben und
  • durch den Klimawandel die Niederschläge in veränderten zeitlichen und örtlichen Mustern fallen, auf die die Landwirtschaft noch nicht eingestellt ist.

Auftritt Gentechnik. Versprechen: Ich erhöhe die Erträge und helfe dadurch, die Menschheit zu ernähren. Wird es gehalten? Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber die Ertragssteigerung und Spritzmitteleinsparung ist unter Umständen nicht so groß wie versprochen und gleicht die höheren Kosten für das Saatgut nicht aus, besonders für Kleinbauern. Die erhöhte Resistenz gegen einen Schädling kann verminderte gegen andere zur Folge haben. 1

Die neuen Gene breiten sich in den alten Arten anscheinend unaufhaltsam aus, d.h. ihre Einführung ist irreversibel.

Die Entwicklung von Pflanzensorten mit größerer Trockenheits-, Nässe-, Hitze- oder Kälteresistenz ist noch in den Kinderschuhen.

Die Strukturprobleme: Unsicherheit bei der Verteilung von Land und Wasser, primitive Anbaumethoden und zu geringes Wissen, hohe Verluste nach der Ernte, zu geringe soziale Absicherung vor allem gegen Missernten werden durch Gentechnik nicht erleichtert. Das heißt, sie kann höchstens eines von mehreren Mitteln sein, wenn man nicht überhaupt die Finger davon lässt.

1 “Solidarische Welt” 208, Dez. 2009 Zeitschrift der ASW.