Im Zufälligen und doch entschieden.

Eine Sicht auf den Menschen von einem imaginären höheren Standpunkt aus ist die als Organismus im lebendigen Netz der sozialen Beziehungen.

Dort fluktuieren Gedanken und Konzepte, die ihre Speicher in uns und in den Medien finden, und die unser Wahrnehmen, Fühlen und Handeln inspirieren. (Medium ist dabei alles von Papier bis zum Webserver…) Und diese Fluktuation ist chaotisch, unvorhersehbar. Sie findet immer wieder quasistabile Zustände, die dann als „Realität“ erscheinen. Ob wir nun von Konzepten inspiriert werden, die Leid oder Freude erzeugen, ist ebenfalls zufällig.

Allerdings erzeugt diese Sicht auf das Ganze Freude in mir.

Vom realen Standpunkt in diesem Netz in diesem Leben aus gesehen stellt sich sie Sache anders dar:

Wissend, dass unser Wahrnehmungshorizont zufällig ist, sollten wir ihn doch – wie er ist – annehmen und ausschöpfen. Wissend, dass wir ihn beschränken müssen, um handeln zu können, sollten wir die Beschränkung so verantwortlich und entschieden wie möglich vornehmen. Wissend, dass der Widerspruch zwischen Altruismus und Egoismus unentrinnbar ist, sollten wir den Punkt in dem Intervall zwischen diesen beiden Polen ohne Begründung wählen, und dabei beweglich bleiben.

 

Über Musik, Selbstorganisation, Wiederholung, Emotionen und Riten

Die innere Stimme spricht (, wenn auch unterbrochen), die äußeren Stimmen, meine und I.’s sprechen, umspielen einander wie Ranken und dann ist da die Stimme des Konzerts aus dem Radio, eine so wundervolle, selbstbewusste, süße Stimme, eine unerwartete Bereicherung, eine Erzählung, freundlich, positiv, mit Verve gespielt, abgestimmt.

Die Menschen, die diese alten Stücke interpretieren, zum Leben bringen, tun dies mit einem Augenzwinkern, denn sie spielen auf einem abgeschlossenen Körper an Stücken aus alter Zeit, als moderne Menschen, also eine x-te Wiederholung, aber dessen sich voll bewusst seiend berühren sie die Musik, setzen ihre Stimme über sie in die Welt und siehe: sie ist eine ungeheuer wertvolle Stimme, sie hat etwas zu sagen, nämlich süße Freude (in diesem Fall).

Ein Musikstück ist ein Typ, eine sorgfältig entwickelte Form, deren Elemente, die instrumentale und zeitliche Struktur, zusammenarbeiten wie ein Organismus.

Setzte sich das Orchester ohne das Stück zusammen und ließe eines spontan entstehen, so entstünde schwerlich etwas vergleichbares – es sei denn in langer Zeit, in vielen Iterationen, die sich aufeinander bezögen und in denen sich die Organisation herausbilden könnte. Dieser Selbstorganisationsprozess findet im Kopf des Komponisten ebenfalls statt, jedoch viel schneller und kongruenter, da die Kommunikationswege im System viel kürzer sind.

Die Verwendung des fertigen Stückes ist das Vehikel, um komplexe Musik überhaupt in verhältnismäßig kurzer Zeit zu ermöglichen.

Neben den Iterationen bei der Entstehung und den Wiederholungen der Aufführung tritt Wiederholung auch innerhalb des Stücks mannigfach auf. Sie bedeutet Verstärkung und das Spiel mit der Vorfreude, der Erwartung, die erfüllt wird – oder eben gerade nicht. Sie verschafft die Freude des Wiedererkennens, die Freude des Erforschens, das ist die des Findens eines Zusammenhangs im zunächst Chaotischen, das ist die der Intelligenz, der geistigen Anforderung.

Dieses geistige Erfassen ist auf sonst unerreichte Weise mit dem Genuss der Emotion verbunden – so haben wir Emotion, die aber nicht über uns hereinbricht unvorhersagbar wie die Natur, sondern eingebunden in eine Form – und über das gemeinsame Erleben in ein Ritual.

Die so eingebundene, wiederholte Emotion verliert ihren Schrecken, sie wird vertraut, und so kann die Musik uns helfen, vertrauter mit uns zu werden.

(Hier fällt mir eine Ähnlichkeit auf mit beliebten Krimiserien: Vieles bleibt gleich und gibt Sicherheit: Sendezeit, das Team der Ermittler, der Ort im Film, das Ablaufschema der Emotionen und sogar das rituelle gemeinsame Anschauen.)