Die Kabarettistin als Pfadfinderin

Im Internet führt eins zum Andern, und so kam ich von einem süßen Sketch des Bauchredners Sascha Grammel zu einem von Carolin Kebekus bei Fun Club.

Vom Aussehen her ist die Frau süß und Mainstream, aber in dem was sie sagt und wie sie es tut drückt sich der Verdruss aller intelligenten Menschen an der Langeweile des Mainstream aus. Sie geht beherzt über die Grenzen des Anstandes hinweg, z.B. indem sie krasse Abscheu darstellt, und das tut uns allen gut, die wir durch tausendundeine Rücksichtnahme eingeengt sind. So fies sein will jeder mal!!

Auch spielt sie vergnügt mit der Geschlechtergrenze, indem sie ankündigt, sich aus Missfallen über die Dummheit ihrer Geschlechtsgenossinnen zum Mann umoperieren lassen zu wollen. Auf ihre Brüste zeigend sagt sie: “Das hier kommt alles weg!” Und dann der imaginäre “Riesenknüppel” den sie genüsslich in der Hand wiegt und dann hin und her schlappen lässt! “Immer was zum Spielen dabei!”

carolinkebekusschwanz1Bezeichnenderweise will sie ihn nicht für seinen natürlichen Zweck benutzen, sondern um “alles kaputt” zu schlagen, was sie nervt, insbesondere ihn den verhassten Ex-Mit-Weibern um die Ohren hauen. Das ist so over-the-top, so ein saftiges Waten im Skurrilen, dass ich nicht anders kann, als begeistert zu sein.

Gerade bei Geschlechtsgrenzen werden viele verdruckst und angespannt. Auch sie wahrt jene in der Realbeziehung zum Publikum, aber in der vom Zügel gelassenen Phantasie findet sie Pfade darüber hinweg.

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Ein Stern allein am Himmel

Wir kamen durch die Tür und gingen an der Theke vorbei. Dahinter wirtschaftete die Bedienung, eine blonde, schwarzgekleidete, schlanke Gestalt mit sehr femininen Bewegungen. Wir waren angesprochen, angenehm berührt.

Als sie dann zu uns nach hinten kam, um die Bestellungen aufzunehmen, sprach sie mit männlicher Stimme. Seine Augen waren sehr schwarz geschminkt, was gut aussah. Sein Teint etwas zu orange, was nicht so gut aussah. Das Gesicht etwas grob für eine Frau. Die Kleidung neutral.

Er stellte die Getränke mit Eifrigkeit und Sorgfalt auf den niedrigen Tisch. Er wollte süß sein. Ich kenne das. Als ich ihn als Mann erkannte hatte, hatte ich den Atem angehalten. Der traut sich was!  Ich wollte ihn belohnen und legte Wärme in meine Stimme, und er/sie freute sich. Ich sah die Inszenierung, und ich bangte mit und freute mich über jede gelungene weibliche Bewegung, jeden gelungenen Gesichtsausdruck wie bei einem Geigenvirtuosen, der schwierige Passagen zu bewältigen hat.

Süß sein als Mann! Das läuft nicht rein. Das heißt, sich der Lächerlichkeit oder – schlimmer – der Aggression preisgeben. Diese Rolle ist etwas ungemütlich, unselbstverständlich.

Und dann ist da noch das Ausblenden der eigenen Männlichkeit, die sich durch das vorhandene Testosteron bemerkbar macht, in den Bewegungen, wenn man das Spiel vergisst. Die Lust und Wonne überdeckt das Ausgeblendete. Aber nicht für immer. Es bleibt da als etwas unvollständiges.

Ich fragte mich, was dem kleinen Jungen, der er früher gewesen war, wohl zugestoßen ist, dass er diesen Weg einschlug. Denn es ist ein etwas einsamer Weg, nicht nur, weil er die Schemata kreuzt und die meisten Menschen irritiert. Sondern auch, weil man seltsam auf sich zurückgeworfen ist und eine innere Welt, die kaum jemand verstehen kann, nach außen abbildet. Man will auf eine Art geliebt werden, die zu vielen Menschen, auch, gerade wenn sie freundlich sind, Distanz schafft. Man liebt sich selbst sichtbar, was anrüchig ist. Man ist ein wenig unerreichbar – wie ein einzeln stehender Stern am Nachthimmel.