Der Mensch ist des Menschen Wolf

Ich sah einen Videobeitrag über den Kampf der Peschmerga gegen die ISIS-Miliz im nördlichen Irak. Ein Mann der Yesiden berichtete, wie sie ins Dorf kamen, die Männer, die sie kriegen konnten, erschossen und die Frauen versklavten. Ob er welche von den ISIS-Leuten kenne, fragte der Reporter. Ja, viele seien aus der Gegend, er kenne sie, es seien besonders die Jungen.

Also ehemalige Nachbarn fallen übereinander her. Wie in Ruanda. Wie in Yugoslawien. Früher fiel man bei uns über die Juden her, die ja auch Nachbarn waren.

Was ist das? Wo kommt das her?

Eine differenziertere Sicht auf den IS

In dem aktuellen „Monde Diplomatique“ ist eine längere Analyse des Erfolges des IS, der nachdenklich macht.

Er ist genau die Art von Ergänzung der üblichen verkürzten und voreingenommenen Berichterstattung, die wir so dringend brauchen, und sein Inhalt ist in einem Satz: Weder sind die Guten so gut, wie sie dargestellt werden, noch die Bösen so böse.

Das hatten wir uns schon gedacht, hatten aber keinen Ansatzpunkt für diese Ahnung.

Die Kurden sind zweifellos die Guten in unserer Berichterstattung: Sie haben heldenhaft Kobane verteidigt, sie haben dem IS einige weitere Niederlagen zugefügt, wenngleich sie auch selbst welche einstecken mussten, sie wurden von ihren jeweiligen Mehrheitsnationen Irak, Syrien und Türkei – teilweise massiv – unterdrückt und bekämpft. Sie haben eine Menge junger Frauen in ihren Einheiten, was sie per se sympathisch macht.

Nun stellt sich aber heraus (wenn man dem Artikel Glauben schenkt, was ich tue), dass sie in den von der YPG beherrschten Gebieten arabische Familien vertreiben, angeblich aus Angst vor IS-Schläfern. Und dass das Regime im kurdischen Teilstaat im Irak ebenfalls korrupte und unterdrückerische Eigenschaften zeigt, die sogar einige der ihren auf die Seite des IS vertreibt.

Umgekehrt ist es seltsam, dass der IS so viel Zuwachs erhält. Dieser besteht einerseits aus Ausländern, die bei den Einheimischen kein hohes Ansehen genießen, weil sie aus Abenteuerlust oder anderen niederen Motiven kämpfen, andererseits aus zwangsrekrutierten Männern aus den vom IS beherrschten Gebieten. Aber es gibt auch genug Kämpfer, die im IS die einzige Möglichkeit sehen, Rechnungen mit den Leuten zu begleichen, durch die sie verletzt wurden, sei es Assad, seien es (in diesem einen Fall) die Kurden, seien es die Irakischen Schiiten.

Diese Leute nehmen möglicherweise die Brutalität und den Fundamentalismus des IS mehr in Kauf als dass sie sie unterstützen.

Das heißt nicht, dass der IS plötzlich nicht mehr die Bösen sind, zeigt aber doch, dass überall Menschen kämpfen, die uns mit ihrer Weltsicht nicht so völlig fremd und unerklärlich sind, wie die Dämonisierung in den Medien glauben machen will.