Zwei Wege, nicht zu bedauern

Eine Freundin erzählte mir heute, dass ein Freund von ihr plötzlich eine schlimme Erkrankung bekommen habe. Sie sei aber nicht sehr betroffen, da sie davon ausgehe, dass es sein Karma sei, das auf ihn zurückgekommen sei.

Der momentane Dalai Lama sah das Leiden Tibets durch die Chinesen als Karma an, das auf das Land zurückgekommen sei.

Ich dachte darüber nach und bemerkte, wie stark die Auffassung vom Karma den Umgang mit einer unangenehmen Situation verändert: Das Hadern mit dem Schicksal verschwindet sofort. Das Gefühl der persönlichen Beleidigung durch diesen oder jenen Schlag, das Gefühl des besonders Schlimmen, des Rechts auf besonderes Mitleid, ist in dieser Sicht nicht mehr existent.

Das wirft Licht auf das Konzept des Karma. Karma ist nicht ein Ding, ein Objekt oder eine Tatsache; es ist kein Teil eines Weltmodells; es existiert nicht im landläufigen Sinn. Es existiert vielmehr, indem sein Angenommenwerden wirkt. Es ist mehr ein Werkzeug – vielleicht kann man auch “Fahrzeug” dazu sagen – um den inneren Zustand zu verändern, Verschwendung von Ressourcen zu beenden und unnötiges Leiden zu mindern.

Ähnliches gilt für die Aussage, dass 80 % unseres Glücks rein genetisch bedingt sind. Ihr Effekt besteht darin, dass ich sofort aufhöre, mein persönliches Glück selbst zum Thema meiner Anstrengungen, Sorgen, Gefühle des Scheiterns, der Schuld etc. zu machen. Ich beginne, die freiwerdenden Kapazitäten für die Veränderung von Dingen in der Welt zu verwenden, was dann in einer freundlich-ironischen Schleife die Wahrscheinlichkeit für Erfolgserlebnisse, soziale Einbindung und ähnliches – und damit für erlebtes Glück – erhöht.

Auch dieser Satz ist nicht nur eine Aussage über die Welt, sondern auch ein Werkzeug, das den inneren Zustand und die innere Ausrichtung verändert. Er braucht nicht in einem objektiven statistischen Sinne wahr zu sein, um zu wirken – er ist ja auch wissenschaftlich umstritten. Vielleicht ist es sogar besser, wenn seine Richtigkeit niemals entschieden wird.

Das führt auf Victor Frankls Konzept der “Logotherapie”. Frankl ging davon aus, dass das Glück auf dem direkten Weg nicht erreichbar sei und dass es deshalb sinnvoller sei, seine Klienten zu sinngebender Aktivität zu motivieren. Als sinngebend sah er hier insbesondere soziale, auf das Wohl der Mitmenschen gerichtete Tätigkeit an.

Hier wird mit der Grenze zwischen Aussage- und Werkzeugfunktion jongliert und auf die absolute Korrektheit der Aussage zugunsten der Wirkung als Werkzeug verzichtet. Das funktioniert, solange wir was die Tatsachen angeht eine gewisse Unbestimmtheit ausnutzen können. Natürlich kann man nicht à la “Ministerium für Wahrheit” jede beliebige Tatsache in Richtung besserfühlen umformulieren – das geht nach hinten los. Wann es günstig ist, solche Konzepte zu verwenden und wann nicht, ist wahrscheinlich nicht objektiv zu beantworten. Wir ist hier letzten Endes auf unsere Intuition angewiesen.

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Karmapunkte und Gutmenschentum

Das Konzept des Karma ist wohl entstanden aus dem den meisten, wenn nicht allen, Menschen eigenen Bedürfnis, anderen Menschen beizutragen und der instinktiven Scheu, anderen zu schaden. Dass dieses beim multimotivationalen (welch schöne Wortschöpfung) Menschen durchaus in Konkurrenz zum Eigennutz steht (“Da ist mir das Hemd näher als der Rock.”) tut dem keinen Abbruch.

Die Karmapunkte, die nach einem unveröffentlichten System aus den guten und bösen Taten berechnet und in der Datenbank der Existenz abgespeichert werden (,die sich allerdings höchstwahrscheinlich in unserem eigenen Geist befindet), sind eine flapsige, lustige Anpassung dieses Konzeptes an die Gepflogenheiten der modernen Zeit – jedem sofort einsichtig und deshalb hochwirksam.

Ich möchte hier auf eine Möglichkeit, Karmapunkte zu sammeln, aufmerksam machen:

http://www.aswnet.de/spenden/spendenaufruf-sahel.html

Das erscheint mir sinnvoll, abgegrenzt, rechtzeitig, lokale Strukturen unterstützend, erfolgversprechend.

Und ja, ich weiß, dass wer auf etwas moralisch Hochstehendes aufmerksam macht, sich selbst in eine Position des moralisch noch höher Stehenden stellt – eine Dynamik, die der Motor dessen ist, was man hämisch und ein wenig zu Recht als Gutmenschentum bezeichnet. Das nehme ich aber billigend in Kauf.

Soviel zur Moral, nun ein wenig zum Fressen, dass bekanntlich zuerst kommt. Es gibt nämlich eine Menge Leute, die zu wenig zum Fressen haben, und das liegt bei einigen zum Teil daran, dass es bei ihnen zu wenig regnete letztens.  Und, ja, ich weiß, dass es 2327 Möglichkeiten gibt zu helfen, wahrscheinlich sogar noch mehr, und dass was ich dem einen gebe, dem andern nehme, und dass es oft der dumme Zufall ist, der entscheidet, ob man auf diesen oder jenen aufmerksam wird und also diesem oder jenem oder keinem geholfen wird.

Möge es also jeder in seine Abwägungen einbeziehen.