Die Neigung zu individueller und kollektiver Aggression

Ein Gedanke, der immer mal wieder in der Diskussion über Kriege und Gewalt auftaucht.

Letzthin wieder in einem Kommentar über die Schlacht von Königgrätz und die Entwicklung des deutschen Nationalismus hier.

Demnach sucht sich diese Neigung sowohl Organisationsstrukturen als auch ideologische Erzählungen, die auf Macht durch Gewalt hinauslaufen und sie nicht als Lust, sondern als tugendhaft oder notwendig oder beides erscheinen lassen.

Bekanntlich führen Schimpansengruppen regelrechte Kriege gegeneinander (siehe z.B. das wundervolle Interview mit Jane Godall hier.), die mit der Vertreibung oder Vernichtung konkurrierender Gruppen enden können. Es ist nicht allzu weit hergeholt, dass auch im Menschen eine genetisch verwurzelte Disposition zur Zusammenrottung kämpfender Männergruppen um Führungspersönlichkeiten vorkommt. Siehe die Jugendbanden in amerikanischen Ghettos, die Milizen und Warlords in staatsfreien Gebieten, wie Somalia, Iraq, Syrien, Libyen, Afghanistan, Kongo &c.

Kriegs- oder Kampfeslust ist eine innere Belohnung des Kämpfens und der Grausamkeit an sich – nicht nur durch das, was man dabei gewinnt. Ähnliches gilt für kämpferische Ideologien, die eine Belohnung innerhalb der Gruppe zur Verfügung stellen.

Gäbe es diese Kampfeslust nicht, sondern nur Kooperation, käme für alle mehr heraus. Aber sie verschafft ihrem Träger einen relativen Vorteil, und dem, der sie nicht hat, einen Nachteil, der bis zum Untergang gehen kann. Deshalb ist sie genetisch stabil.

Rüstungswettläufe erfolgen eben gerade nicht nur aus Furcht der Parteien voreinander, sondern auch aus der Lust an Macht und Waffen, für die dann der „Gegner“ gerade recht kommt.

Aus dieser Sicht ist der Staat mit seinem Gewaltmonopol und einer friedlichen Ethik, der zumindest im Innern zu einer starken Abnahme der Gewalt führt, ein instabiler Zustand. Das muss man sich klarmachen. Wenn ein Konflikt aufflackert, dann flackert die Kriegslust auf. Alle Alarmlampen sollten aufleuchten. Man sollte aufpassen, wo man sich selbst in eine Rhetorik der Kampfeslust hineinziehen lässt. Man sollte sich bewusst werden, dass man nicht immun dagegen ist.

 

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Russland im nationalistischen Rausch

“Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.” – diese Gedichtzeile wurde seinerzeit von Brecht auf etwas anderes gemünzt, das wir alle kennen, aber nun sehen wir es wieder: den triumphalen Genuss der eigenen Stärke und  – in Putins Fall – auch Männlichkeitsinszenierung. Die Russen auf den Aufnahmen der Annektionsunterzeichnung waren sichtlich glücklich. So wie die Idioten aller Zeiten mit stolzgeschwellter Brust glücklich über einen starken und – noch – erfolgreichen Führer waren, der den eigenen Ruhm mehrte.

In der Ukraine – und im Westen – die Mimik und Gestik von Geschlagenen, die sich auf den dünnen Steg völkerrechtlicher Erwägungen und hilfloser Sanktionen zurückgezogen haben, die bei den Russen den nationalistischen Rausch doch nur verstärken. Niemand, der ihn beim Namen nennt, obwohl gerade dieser Ebenenwechsel dringend nötig wäre.

Wer die Spielregeln zuerst bricht und dadurch gewinnt, demütigt den Mitspieler, der ihm das nie verzeihen wird. Er setzt ihn vor die Alternative, das Tor zur Hölle noch weiter aufzustoßen, oder unbefriedigt zu bleiben.

Das ist das eigentliche Verbrechen – nicht, eine Rechtsregelung umzustoßen, sondern den Andern das Gesicht verlieren zu lassen, und dadurch Hass zu säen. Das Problem ist nicht ein rechtliches, es ist ein zwischenmenschliches.

Die Lösung ist, den nationalistischen Rausch beim Namen zu nennen und zu verlachen, als Rückfall in vorzivilisatorische Zeiten.