Klimawissenschaftsupdate: die vertrackten Wolkenrückkopplungen

Mit den Wolken ist das so eine Sache.Cirrus in Kreuzberg

Einerseits reflektieren sie Sonnenlicht. Das ist gut.

Andererseits behindern sie die Wärmeabstrahlung ins Weltall. Das ist schlecht.

Sind sie niedrig, sind sie warm und strahlen ihrerseits eine Menge Wärme nach oben ab. Das ist gut.

Sind sie hoch, sind sie kalt und absorbieren zwar die Strahlung von unten, strahlen aber selbst wenig Wärme ins Weltall ab, sondern erwärmen stattdessen die Luft um sich herum. Das ist schlecht.

Eine wichtige Kennzahl ist die Temperaturerhöhung nach einer Verdopplung des CO2-Gehalts der Atmosphäre relativ zur vorindustriellen Zeit, wenn das System zu einem neuen Gleichgewicht gefunden haben wird. Das ist die Gleichgewichts-Klimasensitivität der Erde. Sie wurde bisher mit 3 ± 1,5 K angegeben.

(Wir haben gerade die 1,4 – fache CO2-Konzentration überschritten. )

Die große Streuung spiegelt die Streuung zwischen den mehr als drei Dutzend verschiedenen Klimamodellen wieder.

Seit zwei Jahren allerdings gibt es starke Hinweise, dass die Modelle der unteren Hälfte einen Fehler enthalten: sie unterschätzen die Durchmischung in der unteren Luftschicht in den Tropen. Diese entzieht dieser Schicht Wasserdampf und führt zu geringerer niedriger Bewölkung – – – siehe oben. Eine positive, also schlechte, Rückkopplung.

Darüberhinaus gibt es eine ähnliche Situation die hohen Wolken betreffend. Diese bestehen zum Teil aus Eiskristallen und zum Teil aus Wassertröpfchen. Wassertröpfchen sind gut. Weil sie besser reflektieren. Durch die Klimaerwärmung steigt ihr Anteil.

Dieser Effekt ist also eine negative, d.h. eine gute, Rückkopplung.

Nun gibt es Hinweise, dass die meisten Modelle den momentanen Eiskristallanteil überschätzen. Also können in Wirklichkeit weniger Eiskristalle zu Wassertröpfchen werden, also überschätzen sie auch die negative Rückkopplung. Auch schlecht.

Damit erhöht sich die Klimasensitivität, d.h. die Erwärmung, möglicherweise um 30 %. (2)

Anders ausgedrückt: darauf zu spekulieren, dass es schon nicht so wild werden wird, heißt, sich auf sehr sehr dünnes Eis zu begeben.

Das heißt nicht, dass jede*r jetzt mit einem langen Gesicht rumlaufen soll. Die Welt wird (wahrscheinlich) nicht untergehen und der Himmel wird uns nicht auf den Kopf fallen. Aber es gibt Probleme.

Und mensch kan wat tun.

 

(1)  Steven C. Sherwood 1 , Sandrine Bony 2 & Jean-Louis Dufresne,
Spread in model climate sensitivity traced to atmospheric convective mixing
 2 JANUARY 2014 | VOL 505 | NATURE | 37,doi:10.1038/nature12829

(2)  https://www.sciencedaily.com/releases/2016/04/160407221445.htm

 

 

Die Finanzsphäre als Regelsystem

Die Tobinsteuer muss her! Immerhin in einem Teil der europäischen Länder ist das schon fast zu einem Konsens geworden. Oder meinetwegen auch eine andere Variante von Transaktionssteuer.

Neulich sagte ein Finanzfachmann im Fernsehen, dass durch den computerisierten Aktienhandel heute innerhalb eines Tages Kursschwankungen auftreten, die es in dieser Größe früher in Wochen oder Monaten gab. Früher gab es Tage, an denen der Kurs einer Aktie schlicht gleichblieb, weil es keinen Grund gab, ihn zu ändern. Heute reagiert das System mehr und mehr auf sich selbst anstatt auf Änderungen seiner Grundlage, will sagen den Produktions- und Konsumstrukturen.

Heiner Flassbeck, seines Zeichens Direktor der Abteilung Globalisierung und Entwicklungsstrategien bei der UNCTAD, beklagt vehement, dass die Preise für Rohstoffe und Lebensmittel durch Spekulation erheblichen Schwankungen unterworfen sind, die sich nahezu unabhängig von Produktions- und Verbrauchsänderungen abspielen.

Es gibt ja die Auffassung, dass alles gut wird, wenn es für alles einen Markt gibt, und die ist ja auch sehr einleuchtend und plausibel. Danach strömt das Kapital in die Produktionszweige oder Firmen, die eine wachsende Absatzbasis haben, meidet die Gebiete mit Problemen und so fort – ein perfektes Regelsystem, mit dezentralisierten Akteuren, die ihren natürlichen Egoismus ausleben dürfen.

Wären da nicht die kleinen Schönheitsfehler der Realität:

Es lässt sich, zumindest für eine gewisse Zeit, aus dem finanziellen Verhalten der anderen Akteure mehr Gewinn machen als aus realen Investitionen, das gibt dann die Spekulationsblasen. Eine Basisinformation gibt vielleicht den Anstoß, etwa eine Knappheit an einem Rohstoff, und die Spekulation darauf, was die anderen damit machen bildet eine positive Rückkopplung und verstärkt den Effekt in der Finanzsphäre um ein Vielfaches. Der an und für sich erwünschte Finanzfluss fällt völlig übertrieben aus und schadet dem Ganzen, anstatt zu nützen.

Die Regelung ist zu sensibel, zu radikal, nicht gut dosiert, zu instabil. Wenn in der Technik die Ausschläge von etwas zu wild werden, baut man eine Dämpfung ein, und eine Transaktionssteuer wäre so etwas wie eine Dämpfung. Auch Dämpfungen müssen richtig bemessen sein, aber keine Dämpfung scheint auf jeden Fall zu wenig.

Dann gibt es noch das Komplexitätsproblem. Je komplexer ein Regelsystem wird, das aus einzelnen voneinander abhängigen Einheiten zusammengesetzt ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich Wellenbewegungen und andere Instabilitäten aufbauen. Gerade die Subprime-Krise kann man als Komplexitätskrise bezeichnen – die Akteure wussten nicht mehr, was sie taten.

Ein komplexes System ist effizienter als ein einfaches, wenn es funktioniert, aber anfälliger, wenn es nicht funktioniert. Es gibt hier eine Abwägung zwischen Stabilität und Effizienz, scheint mir, und mir scheint, dass das Optimum an Komplexität bereits überschritten ist.

Das wäre ein Fortschritt: positive Rückkopplung, Sensibilität und Komplexität als zu steuernde Größen des Marktes zu erkennen.