Ein pikantes Detail des Flüchtlingsdramas

zaatri refugee camp
Das Flüchtlingslage Za’atri in Jordanien (Quelle)

Viele der Menschen, die jetzt aus Syrien fliehen, würden gern in Jordanien oder Libanon bleiben, weil dort arabisch gesprochen wird, oder in der Türkei, weil sie dann näher bei ihrem Zuhause sind, sollte der Krieg einmal enden. Dies sagte Melissa Fleming, Sprecherin des UNHCR, gerade bei Günther Jauch.

Sie können dies jedoch nicht, weil die Nachbarländer sich weigern, weitere Menschen aufzunehmen und lediglich den Transit erlauben. Darüberhinaus machen viele sich auf den Weg, die seit einiger Zeit, oft schon seit Jahren, in Lagern in den syrischen Nachbarländern leben, weil sie das Lagerleben nicht mehr ertragen.

Diese Lager sind oft vom UNHCR betreut, das sich große Mühe gibt, mit Schulen und Einkaufsmöglichkeiten den Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Und genau dieses UNHCR ist, so Fleming, krass unterfinanziert. Es stellt seit 2010 systematisch Bedarfsbudgets auf, um seine Arbeit nachvollziehbar zu priorisieren und vorauszuplanen. 2014 wurden nur 55 % dieses Ansatzes gedeckt (Quelle).

Der größte Anteil der Spenden stammt von Staaten und staatlichen Organisationen wie der EU, ein kleinerer Teil von Firmen und Privatpersonen. Man muss sagen, dass Deutschland sich hier nicht mit Ruhm bekleckert. Gemessen am Sozialprodukt liegen wir an 18. Stelle, weit hinter den nordischen Ländern, aber auch Großbritannien und den USA (Quelle).

Elmar Brok, Vorsitzender des auswärtigen Ausschusses des EU-Parlaments, sagte in der nämlichen Sendung, dass jeder Euro, der für bessere Versorgung der Flüchtlinge in den syrischen Nachbarländern ausgegeben wird, drei Euro in Deutschland für Integrationskosten erspare.

Ob das so genau stimmt? Plausibel erscheint es jedenfalls.

Eine differenziertere Sicht auf den IS

In dem aktuellen „Monde Diplomatique“ ist eine längere Analyse des Erfolges des IS, der nachdenklich macht.

Er ist genau die Art von Ergänzung der üblichen verkürzten und voreingenommenen Berichterstattung, die wir so dringend brauchen, und sein Inhalt ist in einem Satz: Weder sind die Guten so gut, wie sie dargestellt werden, noch die Bösen so böse.

Das hatten wir uns schon gedacht, hatten aber keinen Ansatzpunkt für diese Ahnung.

Die Kurden sind zweifellos die Guten in unserer Berichterstattung: Sie haben heldenhaft Kobane verteidigt, sie haben dem IS einige weitere Niederlagen zugefügt, wenngleich sie auch selbst welche einstecken mussten, sie wurden von ihren jeweiligen Mehrheitsnationen Irak, Syrien und Türkei – teilweise massiv – unterdrückt und bekämpft. Sie haben eine Menge junger Frauen in ihren Einheiten, was sie per se sympathisch macht.

Nun stellt sich aber heraus (wenn man dem Artikel Glauben schenkt, was ich tue), dass sie in den von der YPG beherrschten Gebieten arabische Familien vertreiben, angeblich aus Angst vor IS-Schläfern. Und dass das Regime im kurdischen Teilstaat im Irak ebenfalls korrupte und unterdrückerische Eigenschaften zeigt, die sogar einige der ihren auf die Seite des IS vertreibt.

Umgekehrt ist es seltsam, dass der IS so viel Zuwachs erhält. Dieser besteht einerseits aus Ausländern, die bei den Einheimischen kein hohes Ansehen genießen, weil sie aus Abenteuerlust oder anderen niederen Motiven kämpfen, andererseits aus zwangsrekrutierten Männern aus den vom IS beherrschten Gebieten. Aber es gibt auch genug Kämpfer, die im IS die einzige Möglichkeit sehen, Rechnungen mit den Leuten zu begleichen, durch die sie verletzt wurden, sei es Assad, seien es (in diesem einen Fall) die Kurden, seien es die Irakischen Schiiten.

Diese Leute nehmen möglicherweise die Brutalität und den Fundamentalismus des IS mehr in Kauf als dass sie sie unterstützen.

Das heißt nicht, dass der IS plötzlich nicht mehr die Bösen sind, zeigt aber doch, dass überall Menschen kämpfen, die uns mit ihrer Weltsicht nicht so völlig fremd und unerklärlich sind, wie die Dämonisierung in den Medien glauben machen will.

Texas, Syrien und Indonesien und das Zertifikatesystem für Emissionen

Ein Film über den Klimawandel an drei Orten:

Texas: Hier glaubt man intensiv an Gott und daran, dass die Menschen das Klima nicht ändern können, und die Dürre, die die Landwirtschaft ruiniert, gottgegeben ist. Eine Klimawissenschaftlerin, die das Kunststück fertig bringt, gleichzeitig gläubige Christin zu sein, reist herum und bringt den Leuten die Realität des Klimawandels nahe.

Syrien: Es sind die ehemaligen Bauern, deren Existenz durch die lange Dürre vor dem Bürgerkrieg zerstört wurde, und die vom Regime keinerlei Hilfe bekamen, die als erste zu den Rebellen gegangen sind (siehe auch hier).

Indonesien: Hier ist die Regierung so korrupt, dass nicht einmal der Nationalpark vor der kompletten Umwandlung in Palmölplantagen geschützt wird.

40 % der weltweiten CO2-Emissionen stammt aus Entwaldung.

(Deshalb muss man auch bei Holzpellets darauf achten, dass sie nicht aus Holzraubbau stammen – aber wie das prüfen bei Importware? siehe z.B. hier. Generell lautet die Devise aber: “Nicht heizen, dämmen!”)

Indonesien ist sowohl absolut als auch pro Kopf einer der bedeutendsten Treibhausgasemittenten der Welt – allein wegen der phantastischen Emissionen, die die Brandrodung seiner Wälder verursacht (siehe hier).

yearsoflivingdangerously_indonesiannationalpark_3 Bild: Palmölsetzlinge in zerstörtem Indonesischem Nationalparkgelände

Es gibt verschiedene Versuche, den Palmölwahn zu stoppen. Die EU hat nach langen Jahren eine Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln eingeführt, die allerdings erst Ende 2014 greift und nicht umfasst, ob das Öl auf brandgerodeten Flächen erzeugt wurde. (siehe hier).

Emissionszertifikate: Hier würde ein generelles, den Import umfassendes Zertifikatesystem helfen. Der Importeur müsste den Emissionen seines Produkts entsprechende Zertifikate kaufen. Das würde bedeuten, dass er die Herkunft seines Palmöls plausibel nachweisen müsste. Palmöl aus Brandrodungsgebieten würde teurer und weniger nachgefragt. (Siehe auch hier.)

Ach es könnte alles einfacher sein… Das ist alles so weit weg von unserem täglichen Leben. Noch.

Syrien – der erste Klimakrieg?

Das ist sicherlich eine Übertreibung.

Aber es ist mehr als ein Körnchen Wahrheit darin.

Was wenige wissen: zwischen 2006 und 2011 litt Syrien unter einer schweren Dürre. Die New York Times schreibt (hier), dass diese eine Million Bauern in die Städte zwang, zusätzlich zu der Million Flüchtlinge aus dem Irak, die alle sich selbst überlassen blieben, mehr oder weniger verarmt und verbittert über den Staat.

Diese Erbitterung wäre auch so da gewesen, aber nicht so ausgeprägt. Als der arabische Frühling kam, waren viele nur zu bereit zur Rebellion. Dazu kommt, dass viele der umgebenden Mächte die eine oder andere Aufständischengruppe finanzieren und ihren Stellvertreterkrieg ausfechten lassen.

Das heißt, dass die Kausalbeziehung Trockenheit – Instabilität – Krieg nicht Eins-zu-Eins stimmt (das wird sie wohl nie tun), aber sie ist definitiv vorhanden.

Es gibt Simulationsergebnisse (siehe hier), nach denen die Mittelmeerregion sehr ernste Trockenheitsprobleme um 2060 haben wird. Die Statistik (siehe hier) zeigt, dass diese Vorhersage bereits durch einen messbaren Rückgang der Niederschläge untermauert wird (NOAA):

 

Microsoft Word - JCLID1100296_CoverSheet.doc
Veränderung der Winterniederschläge in der Periode seit 1971 gegenüber der seit 1902

 

Nachtrag: Siehe auch diesen ausgewogenen Artikel im Guardian: hier