Klotzen, nicht kleckern

Es ist wichtig, sich die Dimensionen der Investitionen klar zu machen, die ein komplettes Zurückfahren unserer CO2  -Emissionen erfordert.

Ein Versuch dazu ist im Artikel „The transition to sustainable energy: how much will it cost?“ auf Ugo Bardis Blog nachzulesen: wir müssen jedes Jahr unsere globalen Investitionen um 6 – 9 % erhöhen, so dass wir schließlich 2045 bei 1,5 – 2,5 Trillionen USD landen. Zum Vergleich: das globale Sozialprodukt liegt bei 72 Trillionen USD, und die Militärausgaben bei 1,7 Trillionen. (Alle Zahlen vom angegebenen Blogartikel.)

Ein anderer, martialische Dringlichkeit verbreitender Artikel ist Bill McKibbens „A World At War“ auf newrepblic.com: Er vergleicht die Anstrengungen, die gegen den Klimawandel nötig sind mit denen, die gegen Nazideutschland und Japan nötig waren und kommt zu dem Schluss, dass es möglich ist, aber Entschlossenheit erfordert. Es gibt (noch) genügend Rohstoffe dafür (z.B. Neodym für die Magnete der Generatoren in Windturbinen und Lithium für Batterien). Er argumentiert weiter, dass der zweite Weltkrieg von den USA durch eine komplette Umstellung der Industrie gewonnen wurde, und der „Krieg gegen den Klimawandel“ eine ähnlich massive Umstellung erfordere, und ein ähnlich robustes Eingreifen der Regierung. (Er schreibt das für den US-Leser, aber man kann es durchaus auf den Rest der Welt übertragen.)

Die Eingriffe der Regierung unter Roosevelt in die Wirtschaft damals waren massiv und fanden gegen den Widerstand der Industrie statt – wie es heute auch wäre. Aber es gab ein starkes kollektives Gefühl der Dringlichkeit und der Solidarität, durch eine allgemein anerkannte und sehr greifbare Bedrohung.

In Buffalo wird gerade eine riesige Fabrik für Photovoltaik-Panels gebaut, die Module mit 1 GW Nennleistung pro Jahr produzieren wird. Allein die Vereinigten Staaten brauchen an die 300 dieser Fabriken, um das Ziel zu erreichen.

Rückzugsgefechte

In den Vereingten Staaten zeichnet sich jetzt eine Reaktionsweise der Klimawandeltheoriegegner ab, die schon in Australien zu beobachten war, nämlich einfach den Forschern den Etat zu kürzen. Siehe hier.

Dazu passen die Untersuchungen darüber wie Menschen ihre einmal vorgefasste Meinung über den Klimawandel angesichts von Argumenten nicht nur beibehalten, sondern sogar weiter verfestigen (siehe hier).

Treibhausgase: Europa und die USA

“Die Amerikaner sind die Übeltäter, China ist ganz schlimm, die Europäer verhalten sich vorbildlich.” So könnte man vielleicht den Eindruck des normalinformierten Medienkonsumenten zusammenfassen, der sich für diese Fragen interessiert – was auf kaum einen zutrifft, aber na gut, das ist eine andere Sache.

In Kürze:

In Europa sinken die Gesamtemissionen tatsächlich seit etwa 2007 verstärkt ab, was ja gut zu sein scheint (leider für die letzten 2 jahre keine Daten auf Server):

eu emissions from eea.europa.eu

URL: http://www.eea.europa.eu/data-and-maps/data/data-viewers/greenhouse-gases-viewer

Mit den Pro-Kopf-Emissionen der Europäer verhält es sich ähnlich. Ein langsamer Abfall bis ca. 2007, dann eine deutliche “Verbesserungs”-Tendenz :

eu per capita emissions from eea.europa.eu

Aber nicht zu früh freuen. Leider hat das vor allen Dingen den Grund, dass es in dieser Zeit eine Konjunktudelle gab. D.h. die Leute sind sparsamer geworden, weil sie ärmer wurden…:

eu gdp 2002-2013 cropped from epp.eurostat.ec.europa.eu

URL: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/graph.do?tab=graph&plugin=1&language=en&pcode=tec00001&toolbox=type

Diese Vermutung bestätigt sich, wenn wir die Emissionen auf das EU-Bruttonationalprodukt beziehen:

eu emissions per gdp

Dieses weist ein langsames Absinken auf, was gut ist. Die Produktion von Werten erzeugt immer weniger THG je Euro. Aber im im fraglichen Zeitraum ist der Wert nicht besser geworden – es war wirklich nur die Krise.

In den Vereinigten Staaten beobachten wir den Krisendipp  ebenfalls, haben aber davor einen deutlich erkennbaren Anstieg:

us emissions by gas from navigatin the numbers

URL: http://epa.gov/climatechange/emissions/downloads11/US-GHG-Inventory-2011-Chapter-2-Trends.pdf

Für die V.S. verbessert sich der Pro-Kopf-Verbrauch – wenn auch auf einem höheren Niveau – ähnlich wie bei uns (dritte Kurve von oben), aber dieses ist bis 2007 mehr als ausgeglichen worden durch ein kräftiges Bevölkerungswachstum (zweite Kurve von oben), hauptsächlich durch Immigration (Quelle):

us per capita emissions from us ghg inventory 2011

Bekanntermaßen ist das Emissionsniveau dort drüben erheblich höher: In der EU schießen wir um die 9 t CO2-Äquivalent pro Jahr in die Atmosphäre (Deutschland 11-12), in den USA sind es um die 22 t, Indien: 2 t, China: 4 t. (Quelle)

Das zeigt, dass nicht nur in den wenig-entwickelten, sondern auch in der industrialisierten Welt die schiere Zunahme der Zahl der Menschen ein Hauptfaktor für die Treibhausgasemission ist. Es zeigt aber auch, dass Krisen gut für das Klima sind!

Das Klima und das Ich

Wir haben jetzt diese Konferenz in Durban, die nichts bringen wird für die, die den Klimawandel bremsen wollen (, denn vermeiden lässt er sich nicht mehr).

In der Zeitung ist zu lesen, die USA und China gehörten zu den größten Sündern, den größten Hemmern, die – mit unterschiedlichen Begründungen, aber demselben Effekt – den gutwilligen europäischen Vorreitern in die Zügel fielen. Das Wort “Sünder” wird ja heute mit einem zwinkernden Auge gebraucht, was ein Schlaglicht auf den ganzen Diskurs wirft.

Besonders die Deutschen kommen sich hier großartig vor. Fakt ist: Die global klimatisch verantwortbare Emission liegt zwischen 2 und 3 t CO2-Äquivalent pro Kopf und Jahr1. Wir emittierten 2010 – mit all unseren Windturbinen – 11,8 t. Das nur als Nebenbemerkung.

Dem “Ich” wird nun, um von der äußeren auf die innere Szene zu wechseln, die Funktion zugeschrieben, die ununterbrochen von innen auftauchenden lustsuchenden und unlustvermeidenden Impulse zu ordnen, zu bewerten und das Erreichen von schwierig zu erreichenden Zielen zu ermöglichen. (Oder umgekehrt: jener Subprozess in uns, das leistet, kann “Ich” genannt werden.)

Diese Leistung wird nicht nur durch den Erfolg selbst belohnt, sondern bereits früher durch das Gefühl der Achtung und des Stolzes. Das ist auch gesellschaftlich sinnvoll, denn Menschen, die diese Fähigkeit in erhöhtem Maße besitzen, sind für die Gemeinschaft äußerst wertvoll.

Was das klimatische Verhalten angeht, sind wir sehr stark durch die Gemeinschaft bestimmt: Wir tun, mit geringen Modifikationen, die unsere Individualität betonen sollen, was die anderen tun – oder was wir glauben, dass sie tun. Sollte das Ich den Vorsatz haben, sich der Kantschen Moral entsprechend klimatisch konservativ zu benehmen2, so muss es nicht nur die persönliche Lust an der an die Energienutzung gebundene Macht und Bequemlichkeit in Schach halten, sondern auch den Verdruss ertragen, dass fast alle anderen sich keinerlei Beschränkungen auferlegen.

Dieser letzte Punkt wird etwas neutralisiert, wenn das klimaweitsichtige Verhalten vom Gesetz erzwungen wird. Wir knirschen zwar immer noch mit den Zähnen, aber wenigstens fühlt sich keiner benachteiligt. In gewissem Sinne erfüllt die Regierung hier die Ichfunktion für die Gesellschaft.

Was aber für einen einzelnen Staat schon schwer genug ist, erweist sich für eine Runde vieler Staaten als unmöglich. In der verfassten Gemeinschaft, so sie demokratisch ist, läuft der Ichprozess von unten nach oben, konzentriert sich dort und breitet sich wieder nach unten aus. In einer losen Gemeinschaft mit Einstimmigkeitsprinzip kann das auch geschehen3 – aber sehr viel schwieriger. Die Widersprüche der einzelnen Bestandteile werden nicht überwunden, weil es keine Unterordnung unter die Mehrheitsmeinung gibt. Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Äußerste, was herauskommen kann.

Die Menschheit als Ganze verfügt also über kein Ich.


1Gewonnen aus der Gesamtemission 2010 von 960 Mio. t CO2-äqu. und der Bevölkerungszahl von 81 Mio.

2Niemand kann wollen, dass es ein allgemeines Gesetz werde, Kohle, Gas und Öl nach Herzenslust zu verbrennen.

3So geschehen bei der FCKW-Emissionsverminderung.

Mehr aus der Welt der Algen

Was ich neulich im Focus über Treibstoff-aus-Algen las ist nur die Spitze eines Eisberges an Forschung, die auf diesem Gebiet geleistet wird. Die Idee dazu entstand bereits in den 50er Jahren, damals allerdings noch mit einer anderen Zielrichtung (Methanherstellung unter Nutzung von Abwässern). Von 1978 bis 1996 lief ein Forschungsprogramm des U.S. Department of Energy’s Office of Fuels Development, in dem bereits wesentliche Vorarbeiten wie die Suche geeigneten Arten, die Erforschung von Physiologie und Biochemie der Algen, Erstellung von Demonstrationsanlagen und  Kostenanalysen geleistet wurden. Dieses Programm ist in letzter Zeit wieder aufgenommen worden. Ein PDF-Dokument mit einem Überblick findet sich hier.

Der SPIEGEL könnte ein Beleg für die These sein, das hierzulande die Algentechnologie als exotisch und versponnen gilt. Nicht nur, dass er bei Stichwort „Algen“ überhaupt keinen entsprechenden Treffer in seiner internen Suche liefert, einer der zwei Artikel über die neue Technologie ist ein herber Verriss des Hamburger Pilotprojekts zur Umwandlung von Kraftwerks-CO2 in Biomasse. In anderen Medien wird immerhin wohlwollend über den Algen-Ansatz berichtet, z.B. in der Welt. Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass das besagte Pilotprojekt wirklich nicht mehr sein kann als ein Forschungsprojekt – es krankt an dem Problem aller regenerativen Energien in Deutschland: zu wenig Licht um billig werden zu können. Der andere Artikel im SPIEGEL ist wohlwollender .

Währenddessen haben sich in den USA bereits zwei Organisationen zur Koordination und Interessenvertretung von Sprit-aus-Algen-Unternehmen gegründet, die Algal Biomass Organisation (ABO) und die National Algae Association, von denen die erstere so klangvolle Namen wie Boeing, Airbus, KLM, FedEx und IATA in ihrer Mitgliederliste führt. Die Fliegerei ist harscher Kritik der Umweltschützer ausgesetzt und will nicht nur ihr Image polieren, sondern sich auch langfristig ihre Treibstoffbasis sichern. Auch die Firma Sapphire Energy findet sich in der ABO – sie hat jüngst 100 Mio. Dollar von Bill Gates erhalten.

Doch nicht nur die Großen sind drüben rege – es scheint eine kleine Gemeinde von Hobby-Biodieselern zu geben. Zumindest gibt es Anleitungen im Netz zu kaufen, wie man einer wird, die als Lehrbeispiel für sales hype gelten können. Hier ein Bericht über ein Garagentreffen solcher Algen-Geeks. Amerika ist halt das Land des „can do“!

Leider muss ich meine frühere Darstellung der Wunder der Algen etwas zurückstutzen, nämlich was den maximalen Umwandlungswirkungsgrad betrifft. Nach besagtem „Welt“-Artikel und anderen Quellen beträgt er nicht 30, sondern nur 10 %. Aber immerhin kann ich den geneigten Leser aus dieser Quelle mit einer offiziellen Schätzung des Zeitrahmens versorgen, bis die Sache zum Durchbruch kommt: kommerziell lohnende Produktion 2015, 2022 dann 36 Mrd. Gallonen (= 137 Mrd. Liter, = 98 Mrd. kg, = 98 Mio. t, = etwa der momentane deutsche Verbrauch an Benzin).