Bescheidenheit in Bezug auf unsere Erfolge

Dass wir in der Vergangenheit die Kraft für unsere Erfolge fanden, hatte – genau betrachtet – zufällige Ursachen, und wenn wir in der Zukunft diese Kraft finden werden, wird auch das zufällig sein. Der einzige Ort, an dem unsere Anstrengung nicht zufällig ist, ist das Jetzt.

Das bedeutet, dass es angemessen ist, mehr Bescheidenheit in Bezug auf unsere Errungenschaften der Vergangenheit zu hegen sowie auch weniger Bedauern über unser Scheitern, mehr Zurückhaltung in Bezug auf unsere Erfolge der Zukunft sowie auch weniger Furcht vor unseren möglichen Misserfolgen. Uns einzusetzen, Stolz, Bedauern, Hoffnung und Furcht sind Dinge, die dem Jetzt gehören, die dem Jetzt Kraft geben und Sinn.

(Eine Eigentümlichkeit von Freiheit und der Verantwortung ist, dass sie nur im Jetzt sinnvolle Begriffe sind.)

 

Über die Verantwortung in der Zeit

Wir haben nicht die Verantwortung für das, was wir vor zwanzig Jahren gemacht haben oder nicht gemacht haben.

Wir haben noch nicht einmal die Verantwortung für das, was wir vor zehn Minuten gemacht haben oder nicht gemacht haben.

Aber wir haben die Verantwortung für die Situation, die daraus entstanden ist und die j e t z t ist.

In einer Minute werden wir nicht mehr die Verantwortung haben für das, was wir jetzt tun oder nicht tun, aber wir werden wieder die Verantwortung haben für die Situation, die daraus entstanden sein wird.

Die Frage der Gegenwart ist also: Womit willst du umgehen müssen oder – dürfen?

Verantwortung für was??

Eben las ich hier, dass die Menschheit Mitte des Jahrhunderts gewisse Probleme mit Trockenheit zu erwarten hat. Das Wahrscheinlichkeitsfeld sagt aus, dass die Mittelmeerländer, der Nahe Osten, Mittelamerika, Zentral-USA und einige kleinere Gebiete deutlich trockener werden (violette Gebiete in der Grafik unten). Das heißt in der Praxis, das mehrjährige Dürren häufiger werden, die zu lokalen oder sogar globalen Einbrüchen in der Nahrungsmittelerzeugung führen können.

Feuchter werden demnach nur die extrem nördlichen Gebiete, etwas immerhin Indien, Ostafrika und Zentralasien. Wie belastbar die Daten auch immer sind in Bezug auf die Feinheiten der Verteilung – man kann jedenfalls davon ausgehen, dass es größere Änderungen in der landwirtschaftlichen Nutzung geben wird, die lokal oder sogar global Hunger hervorrufen oder verstärken und die Umlenkung von Lebensmittelströmen oder Umsiedlung von Menschen bedeuten können.

Es tritt aber folgender Gesichtspunkt auf: Zu diesem Zeitpunkt sind ich und ein Gutteil der Leser bereits nicht mehr existent, ebenso die Entscheider in Wirtschaft und Staat. Wir müssen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten Entscheidungen treffen, die Wirkungen für viele Generationen haben werden. Wer kann sagen, ob nicht in zehn Generationen der Klimawandel als Segen empfunden werden wird (fruchtbare Taiga)? Welche Verantwortung haben wir gegenüber Menschen, die in 200 Jahren geboren werden? Der Veränderungsprozess ist langsam, durchsetzt mit zufallartig auftretenden Katastrophen, von denen man keine einzeln dem Klimawandel zuordnen kann, sondern nur alle in ihrer Gesamtheit. Sicher wird die Erde nicht mehr ganz so sein, wie wir sie kennen. Zum Beispiel wird es wohl um 2018 im Sommer gar kein Eis mehr am Nordpol geben. Sicher wird es große Probleme geben für die Armen der Welt. Aber andererseits werden (hoffentlich) die technischen und organisatorischen Fähigkeiten der Menschheit gewachsen sein, insbesondere die Einbindung der Ärmsten in das Produktions- und Verteilungsfeld, so dass jene Effekte, auch wenn ihre nachteilige Wirkung unbestreitbar ist, nicht  katastrophal, sondern lediglich wohlstandsmindernd sich bemerkbar machen. Vielleicht.

Die Verantwortung ist diffus: unbestimmt viele Unbekannte, an einem unbestimmten Ort und zu einer unbestimmten Zeit werden hungern durch Entscheidungen, die wir heute treffen – und durch unbestimmte andere Umstände wie soziale Schichtungen und Ausgrenzungen.

Reicht das, um die Unlust des Konsumverzichts auf sich zu nehmen?

Willensfreiheit und Handlungsökonomie

Vor einigen Jahren war die Diskussion der Willensfreiheitsfrage im Zusammenhang mit Neurologischen Erkenntnissen im Schwange, und dieses frühe Ergebnis ist quasi die Einleitung dazu.

Libet stellte fest, dass vor dem Bewegen einer Hand und vor dem Erkennen eines Bewegungsdranges bereits ein messbares sogenanntes “Bereitschaftspotential” auftaucht und zeigte damit, dass unseren bewussten Entscheidungen unbewusste Vorgänge vorauslaufen.

Es wird in dem verlinkten Artikel über die Diskussion referiert, dass Libet ja gar keine Entscheidung zwischen zwei Alternativen maß, sondern nur die Ausführung einer bereits vorher getroffenen Entscheidung, nämlich an dem Experiment teilzunehmen. Das ist aber nicht schlüssig und ein bischen einfallslos argumentiert, denn die Versuchsperson traf in jedem gegebenen Moment die Entscheidung, ihre Hand jetzt zu bewegen oder nicht zu bewegen.

Wichtiger ist die Frage, ob es überhaupt eines neurologischen Experimentes bedarf, um die naïve Vorstellung der Willensfreiheit zu widerlegen, nachdem es von Demokrit über Spinoza und sicher viele andere eine zweitausendjährige Geschichte des entschiedenen Deteminismus gibt. Ich meine Nein.

Auf der Website ist im Hauptartikel eine Unterscheidung der Philosophen in Kompatibilisten, Inkompatibilisten, Libertarier, weiche Deterministen und Freiheitsskeptiker gegeben (Erklärungen siehe dort). Nach dieser Liste bin ich entschieden ein “weicher Determinist”, d.h. jemand, der die Willensfreiheit für existent hält, obwohl der Ablauf der Welt eine Mischung aus Kausalität und Zufall ist.

Um dorthin zu kommen muss man zunächst fragen, warum und wieso überhaupt der ganze Bohei um die Freiheit veranstaltet wird, und dann kommt man auf die Verantwortlichkeit, d.h. auf die Frage, ob ich jemanden für seine Handlungen sinnvoll belohnen oder zur Rechenschaft ziehen kann. Klassischerweise folgen Freiheit und Verantwortlichkeit auseinander – etwas verkürzt, denn es gibt natürlich unterschiedliche Grade von Freiheit. Wem mit der Pistole an der Schläfe ein Angebot gemacht wird, kann es immer noch ablehnen, aber wir kommen wohl überein zu sagen, dass seine Freiheit auf einen kleinen Rest geschrumpft ist.

Im Moment der Entscheidung ist Verantwortlichkeit der Blick nicht in die Vergangenheit – “Was bestimmt mich von dort her?” – sondern in die Zukunft – “Welche Folgen hat mein Handeln voraussichtlich?” Das Wissen um diese Folgen stammt natürlich aus der Vergangenheit, wir haben also genaugenommen eine sehr spezielle Form von Vergangenheitsbestimmtheit, aber das sind Feinheiten.

Belohnen und zur Rechenschaft ziehen sind Verhaltensbeeinflussungen, die einer Absicht des Belohnenden und Zur-Rechenschaft-Ziehenden entspringen, und dieser wird diese Maßnahmen nur bei Menschen anwenden, die sich überhaupt davon beeinflussen lassen. Ein verrückter, süchtiger, berauschter Mensch ist zum Beispiel für gewisse moralische Belohnungen und Bestrafungen ziemlich unempfänglich, ebenso einer, dem eine Pistole an den Kopf gehalten wird. Frei ist also einer, bei dem wir nicht aus Gründen der Handlungsökonomie auf Belohnungs- oder Bestrafungsankündigungen verzichten würden.