Deskriptive und inspirative Sprechweise und das Fortschreiten der Welt

Nach dem Frühstück mit Tee fange ich oft an, zu philosophieren.

In der Anfangszeit meines Studiums lernte ich etwas über den naturalistischen Fehlschluss, demzufolge ich ich aus dem, wie die Realität gestrickt ist, direkt schließen könne, wie ich handeln solle.

Ich habe daraus die Konzepte der deskriptiven und inspirativen Sprechweise herausgezogen.

Erstere ist die kognitive Beschreibung der Erfahrung und die Erschaffung von Wenn-Dann-Sätzen daraus, also alle Wissenschaft, alles Wissen über die Welt – wobei wir selbst auch zur Welt gehören, wenn wir deskriptiv über uns reden. Relevant daran sind die hypothetischen Aussagen, eben die Wenn-Dann-Aussagen, die die Basis für Entscheidungen bilden.

Letztere ist alles Ethische, Moralische, Normative und damit Verwandte. Alle Aussagen, die Aufforderungs- oder Verbotscharakter haben, d.h. die einen Menschen beeinflussen sollen. Aber auch alles Lobende, Begeisterte, Liebende, Hassende – kurz, alles was mit dem Geist im Handeln zu tun hat. Kunst und Musik natürlich auch. Das Inspirative ist nie hypothetisch, sondern immer konkret.

Der Zeitpfeil organisiert das Deskriptive optimal (als Teil der Kantschen Kategorien der Anschauung, Raum und Zeit). Im Inspirativen gibt es hingegen nur „Jetzt“.

Das Deskriptive kennt weder Freiheit, noch Unfreiheit, noch Verantwortung – Konzepte, die im Inspirativen konstituierend sind.

Die Inspiration ist die Königin, weil sie konkret ist – die Deskription ist, weil sie hypothetisch ist, Handwerkszeug, Mittel.

Das Philosophieren selbst ist natürlich inspirativ, weil es konkret stattfindet.

So greifen beide eng verzahnt ineinander, zum – oder im –  Fortschreiten der Welt.

Interessanterweise nimmt der Geist auch in der Physik eine Menge Paare ineinandergreifender Kategorien wahr, die das Fortschreiten der Welt bestimmen. So sind Energiegrößen stets das Produkt aus einer intensiven Größe (Kraft, Druck, spezifischer Wärmeinhalt,…) und einer extensiven Größe (Weg, Volumen, Masse,…). Die ganze Wellentheorie beruht auf dem Ineinandergreifen zweier Größenarten (potentielle und kinetische Energie, elektrisches und magnetisches Feld, Real- und Imaginärteil der quantenmechanischen Psi-Funktion, Teilchen und Austauschteilchen…).

Nur die starke Wechselwirkung zwischen Quarks, mit ihren drei statt zwei Ladungen (und ihren Antiladungen) bricht aus diesem Schema.

 

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Willensfreiheit und Handlungsökonomie

Vor einigen Jahren war die Diskussion der Willensfreiheitsfrage im Zusammenhang mit Neurologischen Erkenntnissen im Schwange, und dieses frühe Ergebnis ist quasi die Einleitung dazu.

Libet stellte fest, dass vor dem Bewegen einer Hand und vor dem Erkennen eines Bewegungsdranges bereits ein messbares sogenanntes “Bereitschaftspotential” auftaucht und zeigte damit, dass unseren bewussten Entscheidungen unbewusste Vorgänge vorauslaufen.

Es wird in dem verlinkten Artikel über die Diskussion referiert, dass Libet ja gar keine Entscheidung zwischen zwei Alternativen maß, sondern nur die Ausführung einer bereits vorher getroffenen Entscheidung, nämlich an dem Experiment teilzunehmen. Das ist aber nicht schlüssig und ein bischen einfallslos argumentiert, denn die Versuchsperson traf in jedem gegebenen Moment die Entscheidung, ihre Hand jetzt zu bewegen oder nicht zu bewegen.

Wichtiger ist die Frage, ob es überhaupt eines neurologischen Experimentes bedarf, um die naïve Vorstellung der Willensfreiheit zu widerlegen, nachdem es von Demokrit über Spinoza und sicher viele andere eine zweitausendjährige Geschichte des entschiedenen Deteminismus gibt. Ich meine Nein.

Auf der Website ist im Hauptartikel eine Unterscheidung der Philosophen in Kompatibilisten, Inkompatibilisten, Libertarier, weiche Deterministen und Freiheitsskeptiker gegeben (Erklärungen siehe dort). Nach dieser Liste bin ich entschieden ein “weicher Determinist”, d.h. jemand, der die Willensfreiheit für existent hält, obwohl der Ablauf der Welt eine Mischung aus Kausalität und Zufall ist.

Um dorthin zu kommen muss man zunächst fragen, warum und wieso überhaupt der ganze Bohei um die Freiheit veranstaltet wird, und dann kommt man auf die Verantwortlichkeit, d.h. auf die Frage, ob ich jemanden für seine Handlungen sinnvoll belohnen oder zur Rechenschaft ziehen kann. Klassischerweise folgen Freiheit und Verantwortlichkeit auseinander – etwas verkürzt, denn es gibt natürlich unterschiedliche Grade von Freiheit. Wem mit der Pistole an der Schläfe ein Angebot gemacht wird, kann es immer noch ablehnen, aber wir kommen wohl überein zu sagen, dass seine Freiheit auf einen kleinen Rest geschrumpft ist.

Im Moment der Entscheidung ist Verantwortlichkeit der Blick nicht in die Vergangenheit – “Was bestimmt mich von dort her?” – sondern in die Zukunft – “Welche Folgen hat mein Handeln voraussichtlich?” Das Wissen um diese Folgen stammt natürlich aus der Vergangenheit, wir haben also genaugenommen eine sehr spezielle Form von Vergangenheitsbestimmtheit, aber das sind Feinheiten.

Belohnen und zur Rechenschaft ziehen sind Verhaltensbeeinflussungen, die einer Absicht des Belohnenden und Zur-Rechenschaft-Ziehenden entspringen, und dieser wird diese Maßnahmen nur bei Menschen anwenden, die sich überhaupt davon beeinflussen lassen. Ein verrückter, süchtiger, berauschter Mensch ist zum Beispiel für gewisse moralische Belohnungen und Bestrafungen ziemlich unempfänglich, ebenso einer, dem eine Pistole an den Kopf gehalten wird. Frei ist also einer, bei dem wir nicht aus Gründen der Handlungsökonomie auf Belohnungs- oder Bestrafungsankündigungen verzichten würden.