Wissen gegen Bildung – zu einem Höressay von Robert Schurz im Deutschlandfunk

Bildung als eine umfassend strukturierte Ausformung der Persönlichkeit, eine “Veredlung” des Menschen war seit je her ein Ideal der höheren Kreise und diente als Unterscheidungsmerkmal, um sich nach unten abzusetzen von jenen, die verachtungsvoll als “ungebildet” bezeichnet werden. Dies scheint in jenem Radioessay wieder aufzutauchen, in dem bedauernd konstatiert wird, dass die Verfügbarkeit von Wissen im Internet dazu führe, dass die Bildung im hergebrachten Sinne verschwinde. Angstvoll wurde die Gefahr heraufbeschworen, dass die systematische, theoriegestützte Weltwahrnehmung dauerhaft durch eine zufällige und idiotische ersetzt wird.

Wir würden, so schreibt er, wieder werden wie die “Wilden, die in einer schriftlosen Kultur gefangen waren”, deren Gedanken “wild” waren. Das beruht aber auf einem Irrtum. Der “Wilde” ist nicht theorielos – allerdings sind seine Theorien ad hoc – Theorien, die sich im Lauf der Zeit verfestigt haben und die ihre Autorität fast allein aus der Tradition gewinnen und nicht aus dem Skeptizismus, wie unsere. Wir sind sehr stolz darauf, dass unsere Theorie nicht das Ergebnis einer Verfestigung sind, sondern eines permanenten Angreifens und Prüfens, Abwandelns und Verwerfens.

Der für mich interessanteste und ergiebigste Teil des Essays ist der, in dem Schwarz über das “Rhizom”-konzept der Poststrukturalisten Gilles Deleuze und Félix Guattari (die ich zugegebenermaßen nicht gelesen habe) berichtet. Diese propagierten ein Wissenssystem, das aus vielen nicht zentrierten, nicht hierarchischen Botschafen besteht, in denen “Zustände zirkulieren”. (Ich tue ihnen sicherlich unrecht mit dieser extremen Verkürzung – aber seis drum.)

Dies nun ähnelt dem, was in unserem Kopf vorgeht, bevor wir uns einen bewussten Begriff davon machen, will sagen: es kommunizierbar machen, d.h. faltbar und entfaltbar. Wenn wir einmal Begriffe haben, ist es fast unmöglich, die Ureindrücke noch anders zu sehen, es sei denn mit neuen Begriffen. Wenn man in einem halbabstrakten Bild einmal eine Figur entdeckt hat, kann man nicht mehr zurück und nur mit Mühe kann man, wenn man darauf hingewiesen wird, eine andere Figur wahrnehmen. Diese Schwierigkeit, zu neuen Begriffen überzugehen hat Thomas Kuhn witzig umschrieben als er feststellte, dass sich in der Wissenschaftsgeschichte eine neue physikalische Theorie erst dann durchsetzte, als die Vertreter der alten ausgestorben waren. Wenn Deleuze und Guattari nun zu einem solchen  – der Autor nennt es gereihtem, seriell strukturiertem –  wirrem Wissen zurückkehren wollen, das nur eine Stufe über dem liegt, was die Griechen das Chaos nannten, aus dem der Logos erst entsteht, so ist das nicht nur ein Verlust von Struktur, sondern wie jeder Verlust auch ein Gewinn an Möglichkeit, nämlich der Möglichkeit einer neuen, anderen, vielleicht besseren Struktur.

Eine zentrale These von Schwarz ist, dass das Bedürfnis, die Kenntnis der Welt aus wenigen Prinzipien herleiten zu können, verschwinden wird. Dem ist mehreres entgegenzuhalten. Zunächst einmal wird die systematische Art, die Dinge zu sehen, über die Schulen und Universitäten erhalten. Dort ist sie als Wert verankert und auch wenn das aus dem Internet gewonnene Wissen atomistisch erscheint, wird es durch die Verarbeitung in den genannten Institutionen und die Verwendung in systematischen Fragestellungen in das System integriert, anstatt dieses aufzulösen. Des weiteren glaube ich, dass das Bedürfnis nach fundierter – der Physiker würde sagen: richtiger und eleganter – Theorie im Menschen eingewurzelt ist. Das kann man evolutionspsychologisch plausibel machen, man kann es aber auch einfach feststellen. Das mag zwar nicht auf jeden Menschen gleichermaßen zutreffen – aber auf jene Sorte, die schon immer diese Theorien schufen. Schließlich ändert sich auch die Qualität des im Internet angebotenen Wissens in positiver Richtung. Es finden sich zwischen Millarden Wissensbröckchen zunehmend gut ausgearbeitete, fundierte Beiträge, Diskussionen auf hohem Niveau, wenn auch verstreut, die dem, der danach sucht, mehr und mehr auch fundierte Bildung ermöglichen.

Um noch einmal zurück zu Guattari und Deleuze zu kommen – warum, aus welchem Bedürfnis heraus sollte jemand ein solches nicht hierarchisiertes Wissenssystem einrichten wollen? Ich glaube nicht, dass die reine Liebe zum Chaos und zur Revolte dahintersteckt (das auch, denn feste Begriffe sind tot, und wir alle hassen den Tod). Ich glaube, dass es das unbestimmte Bewusstsein ist, dass man in festen Begriffen ebenso gefangen sein kann wie in Unwissenheit. Das Streben nach Flüssigkeit des Geistes ist uns ebenso eingewurzelt wie das nach Festigkeit und Verlässlichkeit.

Die Geschichte der Entdeckung des Klimawandels

Auf http://www.aip.org/history/climate/co2.htm ist ein Abriss der Entwicklung des Wissens zu lesen, die zu unserem momentanen Verständnis des Klimawandels geführt hat. Es beginnt mit Arrhenius am Ende des 19. Jahrhunderts, der bekanntlich die atmosphärische Infrarotabsorption als verantwortlich für die Bewohnbarkeit der Erde erkannt hatte, und führt dann durch alle Aspekte der Temperaturberechnungen und auch des Kohlenstoffkreislaufs, schließlich der numerischen Modellierung, die zu dem Erkenntnisstand führen, der heute als schlüssig gilt.

Was mich faszinierte ist die Tatsache, dass die ersten Warnungen vor dem Klimawandel bereits in den 50er Jahren publiziert wurden, noch basierend auf Überschlagsrechnungen, und dass die Mechanismen in ihrer Komplexität bereits damals ein tieferes Verständnis sogar durch Fachleute behinderte, zu schweigen von normalen Menschen.

Zwei Beispiele, an denen diese Komplexität aufschien:

Das Absorptionsverhalten der beiden wichtigsten Spurengase Wasserdampf und Kohlendioxid ist nicht etwa in jeder Höhenschicht gleich. Nicht nur ändert sich die Wasserdampfkonzentration, auch die Breite der Absorptionslinien ändert sich mit dem Druck stark. Dies hat zur Folge, dass in der unteren Atmosphäre die Infrarotabsorption praktisch vollständig durch den Wasserdampf dominiert ist, in höheren Schichten aber, dadurch, dass dessen Absorptionslinien immer schmaler werden, das Kohlendioxid mehr und mehr Anteile übernimmt. Als Effekt davon musste man die Gesamtabsorption für jede Höhenschicht extra berechnen, was erst mit den ersten Computern überhaupt mit vertretbarem Aufwand realisierbar wurde.

Das zweite Beispiel ist die Aufnahmerate von Kohlendioxid im Meerwasser, die schlicht unbekannt war. Erste Berechnungen, die Meerwasser einfach als Salzwasser modellierten, lieferten Ergebnisse, die um den Faktor 10 zu günstig waren. Es dauerte Jahre, bis sich die Erkenntnis in der wissenschaftlichen Gemeinschaft durchsetzte, dass die übrigen Bestandteile des Meerwassers – obwohl in der Konzentration niedrig – die Kohlendioxid-Absorptionsrate im Meerwasser durch einen Puffereffekt massiv herabsetzen – und so bewirken, dass die Emissionen des Menschen überhaupt zu einem nennenswerten Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre führten.

Eine Besonderheit der Klimadebatte ist, dass jeder Hinz und Kunz meint, dort mitreden zu können. Wenn man sich die entsprechenden Kommentare, die oft von selbstgefälliger Boshaftigkeit strotzen, durchliest, fällt auf, dass diese Leute immer wieder einzelne Teilaspekte des Gesamtbildes, die in einzelnen von tausenden von Veröffentlichungen problematisiert werden, herausgreifen und damit das ganze Gebäude der Erkenntnisse zum Einsturz zu bringen glauben. Was ihnen nicht auffällt ist, dass sie damit nichts weiter als elende Stümperei betreiben.

Der Impuls, der dahinter steht, ist durchaus menschlich und verständlich: man will sich von niemandem, auch nicht von den Eierköpfen (wie der Ami sagt) , seine Lebensweise diktieren lassen. Es ist schon eine verdrießliche Sache, das. Verantwortung und Verzicht drücken halt auf die Stimmung.

Noch etwas interessantes: Bereits die ersten Abschätzungen für die zu erwartende Temperaturerhöhung liefern Zahlenwerte, die nicht so sehr verschieden sind von den heutigen, die durch unvorstellbar komplexe Modelle errechnet wurden. Das finde ich bemerkenswert. Anscheinend gleichen sich alle in der Zwischenzeit hinzugenommenen Informationen sich in ihrer Wirkung etwa aus.